Sein Großvater zog 1924 mit einem eigenen Fahrgeschäft auf das Oktoberfest, quasi seine gesamte Kindheit verbringt Ludwig Trollmann auf der Theresienwiese. Seit 1973 spielt der 76-Jährige nun mit seinem Kasperltheater für sein junges Publikum - und denkt noch lange nicht ans Aufhören. Ein Gespräch über das Wesen der Wiesn, die Wünsche der Kinder und warum das Krokodil keine Prügel mehr bekommt.
Guten Tag Herr Trollmann, Sie betreiben seit 1973 Ihr eigenes Kasperltheater auf dem Oktoberfest ...
Ludwig Trollmann: Ja, aber ich bin schon viel länger auf der Wiesn.
Richtig, in den 50er Jahren halfen Sie in der Geisterbahn aus, die Ihrem Großvater gehörte.
Trollmann: Mein Großvater begründete die Wiesn-Tradition unserer Familie. 1924 zog er mit einem eigenen Fahrgeschäft aufs Oktoberfest, mit einer Seilbahn. Ein Jahr später kaufte er ein Springpferdekarussell, das war damals eine tolle Attraktion. Das Karussell ist heute ein Ausstellungsstück, es steht in Toronto. Ich selbst bin Jahrgang 1934, und aufs Oktoberfest gehe ich, solange ich denken kann. Ich bin eben ein echtes Schausteller-Kind.
Was ist Ihre innigste Kindheitserfahrung?
Trollmann: Da gibt es kein einzelnes Erlebnis. Es ist eher ein Gefühl. Wenn ich mich an meine Kindheit zurückerinnere, sehe ich mich als kleinen Bub über die Wiesn rennen, die Sonne scheint und ich bin mit meinen Freunden zusammen. Wir Schausteller-Kinder durften damals ja überall umsonst rein. Wir waren den ganzen Tag lang auf dem Gelände. So etwas gibt es heute nicht mehr. Leider.
Gibt es keine Freikarten mehr?
Trollmann: Das meine ich nicht. Ich meine den Charakter des Festes. Der hat sich verändert.
Früher war alles besser?
Trollmann: Na ja, das nicht. Ich mag die Vergangenheit nicht verklären, aber es ist schon so, dass das heute alles nicht mehr viel mit dem Oktoberfest meiner Kindheit zu tun hat.
Was hat sich verändert?
Trollmann: Alles hat sich verändert. Damals war die Wiesn ein bayerisches Volksfest. Heute ist alles so modern geworden, so international. Die Menschen kommen aus Australien hierher, und alle paar Jahre gibt es an jeder Ecke neue Fahrgeschäfte.
Aber es muss doch etwas geben, was sich über all die Jahre nicht verändert hat.
Trollmann: Das gibt es auch. Die Kinder. Die Bedürfnisse der Kinder sind gleich geblieben. Ich spiele jetzt seit beinahe 40 Jahren Kasperltheater, und die Kinder, die heute in meiner Vorstellung sitzen, sind im Großen und Ganzen nicht anders als die Kinder, die Anfang der Siebziger zu mir kamen.
Woran merken Sie das?
Trollmann: Die Kinder lachen über dieselben Sachen wie früher. Und sie bekommen denselben Schrecken, wenn das Krokodil auftritt. Die Zeiten haben sich geändert, aber der Wunsch der Kinder, zum Staunen und zum Lachen gebracht zu werden, ist geblieben. Das macht mir Freude. Deshalb spiele ich so lange, wie es geht.
Und später einmal übernimmt das Theater einer Ihrer beiden Söhne?
Trollmann: Das weiß ich nicht, das sollen die selbst entscheiden. Der Helmut und der Ludwig, die haben beide eigene Buden. Der Helmut hat seine Schießbude und der Ludwig verkauft nebenan Süßigkeiten. Aber sie könnten mein Theater jederzeit übernehmen.
Wie groß ist Ihr Repertoire?
Trollmann: Ich habe so zehn Stücke, die ich immer wieder spiele. Manche sind 20 Jahre alt, die habe ich noch mit Füller auf Briefpapier geschrieben. Andere sind relativ neu. Die tippt dann meine Schwiegertochter auf Schreibmaschine ab.
Gibt es in Ihren Stücken auch so große Veränderungen, wie Sie sie bei der Wiesn ausmachen?
Trollmann: Die Grundelemente bleiben gleich. Wenn der Kasperl auftritt, fragt er natürlich zuerst: "Seid ihr alle da?" Diesen Satz wird es immer geben. Ebenso wie die Hauptfiguren: den Kasperl, den Zauberer, das Gretchen und das Krokodil. Aber bei dem bin ich viel friedfertiger geworden.
Wie das?
Trollmann: Früher hat das Krokodil am Schluss Prügel bezogen. Das kann ich heute nicht mehr machen. Da würde ich Ärger mit den Eltern und Verbänden bekommen. Heute wird das Krokodil am Ende ganz gewaltfrei in den Tierpark gebracht. Die Zeiten haben sich eben geändert.
Interview: Jan Chaberny