Schwarze Kassen im Märchenschloss: Dieser Vorwurf schlug vor zwei Jahren wie der Blitz in die historischen Mauern von Neuschwanstein (Landkreis Ostallgäu) ein. Ausgerechnet in Bayerns Vorzeige-Gemäuer, das 2013 mit 1,5 Millionen Gästen einen neuen Besucherrekord verbuchte, wurden laut Staatsanwaltschaft Kempten jahrelang Führungen nicht abgerechnet und Gelder zweckentfremdet.
Auch wenn Finanzministerium und Schlösserverwaltung die Vorwürfe im Grundsatz bestätigten, drangen nie Details nach außen. Das wird sich nun ändern: Ab kommendem Dienstag befasst sich das Amtsgericht Kaufbeuren mit dem unlauteren Finanzgebaren.
Verhandelt werden die Einsprüche zweier Beamter der Schlossverwaltung, die Anfang 2013 wegen nicht abgeführter Gelder Strafbefehle erhalten hatten. Ein dritter Beteiligter hatte den Strafbefehl akzeptiert.
Schlossverwalter und Kastellan akzeptieren Strafbefehle nicht
Vor dem Kadi steht in Kaufbeuren ab Dienstag führendes Personal: Der einstige Schlossverwalter Rudolf R., der sich inzwischen im Ruhestand befindet, und einer der früheren Kastellane. Beiden waren vor rund einem Jahr wegen Betrugs und Untreue in besonders schwerem Fall Strafbefehle ins Haus geflattert. „Verhängt wurde jeweils eine Freiheitsstrafe auf Bewährung und eine Geldauflage“, erläutert der Direktor des Kaufbeurer Amtsgerichts, Friedrich Weber.
Die Bewährungsstrafen liegen dem Vernehmen nach bei elf und acht Monaten und damit unter der Grenze von einem Jahr, deren Überschreiten die Entfernung der Beamten aus dem Staatsdienst und den Verlust von Pensionsansprüchen bedeuten würde. „Ungeachtet dessen haben beide einen unbeschränkten Einspruch eingelegt“, verdeutlicht Weber. In dem anstehenden Verfahren werden die Vorgänge also komplett neu bewertet.
Erlös von Sonderführungen floss wohl in schwarze Kasse
Die berühmten Schlösser von König Ludwig II.
König Ludwig II. (1845-1886) war ein romantischer und baufreudiger König. Mit seinen prunkvollen Schlössern, die jährlich rund 2,5 Millionen Besucher aus aller Welt anlocken, setzte er sich ein dauerhaftes Denkmal.
- Neuschwanstein: Das idyllisch in den Bergen gelegene Schloss Neuschwanstein ist das berühmteste Bauwerk von König Ludwig II. Rund 1,3 Millionen Besucher wollen jedes Jahr das Märchenschloss bei Füssen sehen, eine Anlage mit prunkvollen Wohnräumen, einem Thron- und einem Sängersaal. Die Innenräume sind reich mit Darstellungen aus der deutschen Sagenwelt und den Werken Richard Wagners geschmückt.
- Linderhof: Das Schloss Linderhof bei Oberammergau ist das kleinste der Schlösser von König Ludwig II. Es ist zudem das einzige, das noch zu seinen Lebzeiten vollendet wurde. Attraktion ist die Venusgrotte, eine künstlich angelegte Tropfsteinhöhle mit einem Wasserfall und einem See, auf dem sich der König gerne herumrudern ließ.
- Herrenchiemsee: Als Abbild des Schlosses von Versailles sollte dieses Gebäude auf der größten Insel des Chiemsees ein Denkmal für den französischen Sonnenkönig Ludwig XIV. werden. Zu sehen sind rund 20 Prunkräume, darunter das Paradeschlafzimmer und die Große Spiegelgalerie. (dpa)
Im Mittelpunkt stehen dabei Sonderführungen, deren Erlös (in der Regel 20 bis 25 Euro pro Person) in eine schwarze Kasse geflossen sein sollen. Aus dieser wurden beispielsweise Feste für das Schlosspersonal finanziert. In die eigene Tasche hat wohl keiner der Beteiligten gewirtschaftet.
Der Grad der angemahnten Verfehlungen unterscheidet sich bei beiden Beamten deutlich: Während dem einen 227 Einzelfälle in den Jahren 2007 bis 2010 mit einer Schadenssumme von 4825 Euro vorgeworfen werden, geht es beim anderen nur um eine einzige Sonderführung mit einem Schaden von 198 Euro. Dieser Einzelfall wiegt laut Gericht aber sehr schwer, weil hier der Tatbestand der „Urkundenunterdrückung“ hinzukomme. Auch disziplinarrechtlich wurde gegen beide Beamte ermittelt. Eine Auskunft darüber lehnt das zuständige Landesamt für Steuern jedoch kategorisch ab: „Personalgeheimnis!“
Mobbing und Machtspiele im Schloss
Dass die vor rund einem Jahr eingelegten Einsprüche gegen den Strafbefehl erst jetzt verhandelt werden, liegt laut Amtsgericht übrigens weniger an den aufwendigen Ermittlungen, denn an einem profanen Richterwechsel.
Mit Spannung blickt auch die Bayerische Schlösserverwaltung auf den Ausgang des Verfahrens. Die Behörde, die derzeit um die Anerkennung Neuschwansteins als Welterbe kämpft, wurde seit 2012 regelmäßig mit Hiobsbotschaften aus den mächtigen Mauern konfrontiert. So war immer wieder von Mobbing, Machtspielen und Grabenkämpfen unter den 30 fest angestellten Mitarbeitern die Rede.
„Inzwischen hat sich die Lage erheblich entspannt, das Klima ist deutlich besser geworden“, unterstreicht Sprecher Thomas Rainer. Dies sei nicht zuletzt ein Verdienst der neuen Verwalterin Katharina Schmidt, die sich engagiert um die Anliegen der Belegschaft kümmere. Personell jedoch ist auf Neuschwanstein noch immer nicht alles geregelt: Für zwei neu eingestellte Kastellane, die 2013 nach kurzer Zeit wieder das Handtuch geworfen hatten, gibt es nach wie vor keinen Ersatz.