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Oberstdorf: "Wilde Mändle": Familientradition im Tannenbart

Oberstdorf

"Wilde Mändle": Familientradition im Tannenbart

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    Von Kopf bis Fuß stecken die "Wilden Mändle" in Tannenbart. Diese Moosflechte wächst nur im Bergwald über 1500 Metern.
    Von Kopf bis Fuß stecken die "Wilden Mändle" in Tannenbart. Diese Moosflechte wächst nur im Bergwald über 1500 Metern. Foto: Herbert Gruber

    Andreas Huber ist ein Wiederholungstäter. Schon öfter hat er es getan, dort oben auf der Bühne. Das liegt in der Familie. Sein Vater hat es schon gemacht. Und dessen Vater. Sein Onkel ist dabei. Der Bruder gehört zu diesem auserlesenen Kreis. Sie alle sind "Wilde Mändle". Nur alle fünf Jahre führen die Männer des Trachtenvereins Oberstdorf den "Wilde-Mändle-Tanz" auf. Heuer ist es wieder so weit. Das Schauspiel aus keltischer Vorzeit gilt als ältester deutscher Kulttanz. Doch nicht nur das Geschehen auf der Bühne hat eine lange Tradition. Denn um einer der 15 Tänzer zu werden, muss ein Mann das "Wilde Mändle" im Blut haben.

    Die Teilnahme ist eine Ehre

    "Zum Wilden Mändle wird man nicht einfach so. Man wird gewählt", erklärt Andreas Huber. Der 32-Jährige ist seit 2005 dabei. Eine Familientradition. Eine Ehre. Nur männliche Nachkommen alteingesessener Oberstdorfer dürfen mittanzen. Der Platz in der Gruppe wird von Generation zu Generation weitergegeben. Wird ein Posten frei, bestimmen die aktiven Tänzer den Nachrücker. "Für die Tradition muss man schon etwas übrighaben", erklärt Huber. Und das habe er. Von Kindesbeinen an tanzte er in der Plattlergruppe, über 20 Jahre lang.

    Heute schlüpft er in das fast zehn Kilogramm schwere "Häs" der "Wilden Mändle". Komplett von Kopf bis Fuß stecken die Tänzer in Tannenbart. Diese Moosflechte wächst nur an Tannen und Fichten im Bergwald über 1500 Metern. Dafür fahren die "Wilden Mändle" in die Schweiz, nach Österreich und Südtirol, um die Flechten aus luftiger Höhe zu pflücken. Viele Stunden sitzen meist die Ehefrauen, Freundinnen und Schwestern für das Kostüm an den Nähmaschinen. Erst den Tannenbart auszupfen. Dann diesen auf einen Arbeitsanzug samt Kapuze heften. Nur Augen und Hände des Tänzers bleiben frei. Auf den Kopf ein Kranz aus Stechpalmen. Um die Hüfte ein Gürtel aus Tannenzweigen. Unter der Nase ein langer Schnurrbart und ein riesiger Bart aus Flechten bis zum Bauch.

    Training ist wichtig für die "Wilden Mändle"

    Aber so schaurig sie aussehen: Die "Wilden Mändle" stehen für das Gute. "Der Tanz handelt vom Kampf Gut gegen Böse", sagt Huber. 17 Figuren erzählen von den Jahreszeiten, vom Lauf der Sonne, von den Mächten der Natur und vom Ringen des Lichts gegen die Dunkelheit. Es ist ein Huldigungs- und Fruchtbarkeitstanz, so Huber. Einst war er dem germanischen Gott Thor gewidmet. Anstrengend? Der Schreiner nickt: "Oh ja!" Denn ein "Wildes Mändle" geht nicht. Es stampft. Es springt. Es steht kopf. Es klettert auf den Rücken der anderen. Sport und Training gehören dazu. Seit dem Winter probt die Truppe, oft mehrmals die Woche.

    Seit der Trachtenverein 1901 den Tanz in feste Hände genommen hat, ist er regelmäßig zu sehen. Und das fast in seiner Urform. 1811 hat ein Lehrer die eigentümliche, sich stets wiederholende Musik in Noten gesetzt. Begleiteten früher Trommeln und Pfeifen die Tänzer, übernimmt das heute die Musikkapelle. Die Wurzeln des Schauspiels finden sich wahrscheinlich vor mehr als 2000 Jahren. Die erste schriftliche Beschreibung verfasste Abt Columban für seine Vita im Jahre 615. 1793 war Clemens von Wenzeslaus, Fürstbischof von Augsburg und Kurfürst zu Trier, Zuschauer bei der "Komedy der zwölf Wilden Mannen". Doch eine Touristenattraktion sollte der Tanz nie sein. Filmen und Fotografieren sind verboten. Die "Wilden Mändle" wollen keine Nachahmer. Ihren Tanz gibt es nur in Oberstdorf. Das soll so bleiben. Es geht um die Tradition. Dafür erhielt die Gruppe 2010 den Kulturpreis des Landkreises Oberallgäu.

    Dabei waren die "Wilden Mändle" einst im ganzen Alpengebiet verbreitet. Viele Volkssagen erzählen von ihren Taten. Sie beschützen das Vieh vor Unheil, helfen Bauern und Holzfällern. Warum sie jetzt nur noch in den Oberstdorfer Gebirgstälern zu finden sind, ist nicht klar. Nur so viel: Dort wird es sie auch weiterhin geben. In fünf Jahren, sagt Andreas Huber, wird er wieder tanzen. Wie seine Vorfahren. Er ist ein Wiederholungstäter.

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