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Interview

13.02.2020

Paartherapeutin: "Sexkontakte werden immer unverbindlicher"

Paare lernen sich heute oft über Internetportale kennen. Oft geht es auch, glaubt man einer Münchner Sexual- und Paartherapeutin Heike Melzer, nur um Sex.
Bild: Christophe Gateau, dpa (Symbolbild)

Was macht das Internet mit unseren Liebesbeziehungen? Wie treu sind Männer und Frauen heute noch? Antworten gibt Sexualtherapeutin Dr. Heike Melzer.

Am Freitag ist Valentinstag. Frau Dr. Melzer, Sie sind Neurologin, Sexual- und Paartherapeutin in München. Sollten Paare sich etwas schenken?

Dr. Heike Melzer: Das ist ein Tag, an dem die Messlatte sehr weit oben liegt, und das kann Probleme verursachen, weil der Erwartungsdruck hoch ist. Aus paartherapeutischer Sicht kann ich nur sagen, wenn jemand an den anderen 364 Tagen, die ebenso wichtig sind wie der Valentinstag, nichts für seine Beziehung tut und an diesem einen Tag mit einem großen Blumenstrauß hereinmarschiert, dann bringt das nichts.

Wie viele kleine Aufmerksamkeiten braucht die Liebe generell?

Paartherapeutin: "Sexkontakte werden immer unverbindlicher"

Melzer: Wir sind Gewohnheitsmenschen. Und wir neigen dazu, alles, was immer da ist, nicht mehr zu schätzen. Beispielsweise freuen wir uns in einer Partnerschaft am Anfang riesig, wenn der andere kocht oder sich um den Garten kümmert. Doch das wird schnell zur Gewohnheit, zu einer Selbstverständlichkeit. Partner haben in längeren Beziehungen oft den Eindruck, dass sie nicht mehr wahrgenommen werden, sondern wie ein Gegenstand in der Wohnung vorhanden sind, der nur noch ab und zu abgestaubt werden muss. Daher ist es superwichtig, Aufmerksamkeit und vor allem auch Dankbarkeit für das Alltägliche zu bewahren und den Partner wie in der ersten Zeit des Verliebtseins größer zu machen.

Wie klappt das konkret?

Melzer: Indem man beispielsweise dem Partner kleine Botschaften zukommen lässt, und zwar nicht in der Form von klammernden WhatsApps, in denen fünfmal am Tag nachgefragt wird, ob einen der andere noch liebt. Wichtig ist, mitzudenken und Dinge zu machen oder etwas zu schreiben, was dem Partner wirklich hilft und was er vielleicht auch nicht erwartet hätte. Entscheidend ist in diesem Zusammenhang auch, zusammen Neues zu machen oder nach längeren Jahren einmal Bilanz zu ziehen: Was hat uns denn früher Spaß gemacht? Was hat sich in der Zeit in unserer Sexualität verändert? Wann haben wir das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht?

Gespräche, die sicher viele scheuen oder?

Melzer: Och, immer, wenn es um Bindung geht, sind Frauen stark, wenn es um Sex geht, sind die Männer dabei. Diese Gespräche klappen, wenn sie von Anfang an nicht als Klage rüberkommen. Fragen wie: „Warum bist du so lustlos?“, „Warum sprichst du nicht mehr mit mir?“ rücken die Kritik am anderen in den Vordergrund. Das ist nicht gut. Viel wichtiger ist: Wo wollen wir hin? Sexualität ist da ein Paradebeispiel.

Paare starten sexuell am Gipfel, arbeiten sich dann ins Tal hinab

Erleben Sie das oft in Ihrer Praxis?

Melzer: Ja, klar. Beim Sex läuft am Anfang alles bestens. Man macht es oft, spricht viel darüber, und dann wird es zu einer sexuellen Routine. Es gibt ungelebte Anteile, über die oft gar nicht gesprochen wird. Und irgendwann lebt man sozusagen im ehelichen Zölibat: Man spricht nicht mehr darüber und macht es auch nicht mehr miteinander. Aber mit anderen darf es auch nicht getan werden. In einer Beziehung starten Paare sexuell also am Gipfel und arbeiten sich ins Tal hinab. Deswegen muss man immer wieder etwas tun, um Halbhöhenlage zu gewinnen.

Die Sehnsucht nach dem Partner fürs Leben kennen viele Menschen. Kennt man sich länger, geht oft das Knistern, die Anziehungskraft verloren. Doch es gibt Tipps, die Paare wieder zusammenbringen.
Bild: Alexander Körner, dpa


Und wie funktioniert das?

Melzer: Ich sage zu meinen Paaren immer: Sei du der Initiator der Veränderung, dann sitzt du am längeren Hebel. Wer etwas verändert haben will, sollte nicht über Probleme klagen, sondern mit mindestens drei Lösungsvorschlägen den Partner überraschen. Ein guter Weg ist hier, sich auch mal hin und wieder Wunschzettel zu schreiben. Interessant dabei ist oft, dass bei Paaren in Krisen dort Unterlassungswünsche draufstehen, also was aufhören soll.

Und dann?

Melzer: Ich sage dann immer: Kein Kind schreibt dem Weihnachtsmann, was er nicht bringen soll. Paare machen das jedoch miteinander. Die Wünsche sollten konkret sein, also umsetzbar in den nächsten Tagen und Wochen, und sie sollten sich auf Handlungen beziehen, nicht auf Gefühle. Es ist doch viel spannender, den Partner dabei zu erwischen, wie er einen Wunsch erfüllt, als problematisches Verhalten zu beobachten. So kommt man aus der Negativspirale heraus, weil man den anderen dabei erlebt, dass er einem mal wieder etwas Gutes tut. Und das Klagen verschwindet.

Wunschzettel schreiben, mit Massageöl verwöhnen

Wie funktioniert Veränderung noch?

Melzer: Das Jahr hat im Schnitt 52 Wochen: In den geraden Wochen muss der eine einen Veränderungsimpuls vorschlagen, in den ungeraden der andere. Oder: Wir schreiben uns jetzt einmal nur E-Mails, die nicht alltagsbezogen sind. Oder: Einer muss eine erotische Geschichte im Mail starten, der andere setzt sie fort, und im Pingpong wird sie gemeinsam weitergeschrieben. Man kann aber auch einfach nur mal am Abend ein Massageöl mitbringen: Der andere muss sich nur hinlegen und darf das Streicheln genießen. Aber es sollte keine Eintagsfliege bleiben; um neue Gewohnheiten zu etablieren, muss man dranbleiben, sonst erlischt die kleine Flamme schnell wieder.

Nun leben wir in einer digitalen Welt. Beziehungen können heute viel leichter über Online-Portale geknüpft werden als früher. Wie verändert die Digitalisierung unsere Paarbeziehungen?

Melzer: Die Digitalisierung verändert unsere Paar- und Sexualbeziehungen ganz extrem. Das beobachte ich auch in meiner Praxis. Sexkontakte werden immer unverbindlicher. Es gibt so unglaublich viele Portale, auf denen sie sich mit Leuten zu den unterschiedlichsten sexuellen Zwecken treffen können und dies ganz im Verborgenen. In meine Praxis kommen Menschen, oft sind es Männer, die ihre Sexualität mit sich selbst und online so stark ausleben, dass sie mit einem Menschen im echten Leben gar keinen Sex mehr haben können. Diese Zahl steigt rasant. Und man sieht das den Leuten nicht an. Die sind im Alltag oft redegewandt, charmant, hoch gebildet, musikalisch, philosophisch interessiert – das kriegen Sie nicht mit.

Das heißt, die Reize, die das Internet bietet, sind für viele einfach zu stark?

Melzer: Ich vergleiche das immer mit unserer Ernährung: Wir sind gut informiert, wir wissen, was gute Fette sind und dass Zucker nur in Maßen gesund ist und dass Fertigprodukte oft viele ungesunde Inhaltsstoffe wie Geschmacksverstärker, Aromen, Farbstoffe und andere suspekte Inhaltsstoffe enthalten. Die Nahrungsmittelindustrie verführt uns täglich mit ihren Produkten. Wir sind umgeben von Superreizen, die in Maßen ein Genuss sein können, im Übermaß genossen, aber in Abhängigkeit und Krankheit führen. So ist es auch mit sexuellen Reizen im Internet. Nur ist es so, dass Sie Menschen, die Essstörungen haben, ihre Probleme oft ansehen. Sexuelle Probleme verlaufen im Verborgenen.

Viele freuen sich am Valentinstag über einen herrlichen Rosenstrauß. Zu einer guten Beziehungspflege gehört aber mehr dazu, als nur einmal im Jahr rote Rosen vorbei zu bringen.
Bild: Christian Charisius, dpa


Große Gefahr für Kinder und Jugendliche

Angeblich steigt der Pornokonsum.

Melzer: Der steigt deutlich, da brauchen Sie nur mal in die Statistiken der einschlägigen Pornowebseiten zu schauen. Laut Alexa sind allein unter den Top 30 aufgerufenen Seiten drei pornografische Seiten. Und das hat Folgen. Die WHO hat Sexsucht nicht ohne Grund als psychische Krankheit anerkannt. Und die Zahl der Betroffenen steigt massiv. Besondere Sorgen bereitet mir in diesem Zusammenhang, was Kinder und Jugendliche auf dem Smartphone schon alles sehen. Da werden Missbrauchsmaterial, extreme Gewalt und natürlich Pornos oft schon auf dem Schulhof herumgereicht. Auf Kinder und Jugendliche wirkt das verunsichernd, es beeinflusst ihre sexuellen Fantasien und auch sexuelle Funktionen. Wir sehen eine rasante Zunahme von Erektionsstörungen, Orgasmusverzögerungen und partnerbezogene Unlust, das Trio, mit dem Sexsucht oftmals einhergeht, schon in jungen Jahren. Und klar ist, dass Süchte besonders gerne in der Jugend entstehen. Daher haben wir hier ein Riesenproblem.

Kommen wir noch einmal zu Paarbeziehungen unter Erwachsenen. Es sind ja nicht nur sexuelle Kontakte, die sich im Internet schnell knüpfen lassen. Es gibt auch unzählige Portale, auf denen Menschen wirklich Lebenspartner suchen und finden. Diese digitalen Möglichkeiten erleichtern den Absprung aus einer schwierigeren Partnerschaft.

Melzer: Natürlich, das kann auch eine Chance sein, auszubrechen. Nur heute packen viele viel zu schnell ihre Tasche und bemühen sich gar nicht mehr um eine Beziehung, was traurig ist, vor allem wenn erst mal Kinder am Start sind. Was übersehen wird, ist, dass diese dadurch entstehenden Patchwork-Situationen oft mit wesentlich mehr Schnittstellen belegt sind und dadurch Paare vor ganz neue Probleme stellen. Aber klar: Digitale Möglichkeiten verändern unsere Treue, die immer mehr zu einer sehr diffizilen Verhandlungssache wird. Wo hört Treue auf, wo fängt Untreue an?

Eine WhatsApp im falschen Moment...

Seitensprünge kriege ich mit digitaler Hilfe aber auch besser heraus…

Melzer: Klar, die digitale Welt schafft Möglichkeiten der Untreue, denen ich aber auch sehr viel schneller auf die Schliche kommen kann. Eine WhatsApp im falschen Moment, ein geheimer E-Mail-Account des Partners oder die Ortung des Smartphones sorgen nicht selten für allerlei Aufregung und manchmal auch Desillusion. Menschen sollten sich heute sehr differenziert mit diesen Themen auseinandersetzen. Und ja: Liebe braucht Nähe, Erotik Abstand, und es kommt in langjährigen Beziehungen zu allerlei Krisen. Diese Krisen sind aber auch Chancen für eine ehrlichere Kommunikation über Bedürfnisse und eine Bilanzierung der eigenen Partnerschaft. Bei Paaren mit Kindern wage ich sogar ab und an den Spruch: Gehen ist für Anfänger, bleiben für Fortgeschrittene. Damit möchte ich sagen, dass es mit einem neuen Partner nicht immer besser wird und ein wenig Hinnehme-Qualität, etwas dickes Fell und die große Kunst der Vergebung Kernkompetenzen sind, um in einer Partnerschaft langfristig gut aufgehoben zu sein. Das Neue bekommt schnell auch die Patina des Alltages.

Man denkt, dass Paare zu Ihnen kommen, die schon lange zusammen sind und bei denen irgendwie das Knistern verloren gegangen ist…

Melzer: Diese Paare kommen ja auch. Denn es ist nun einmal so, dass gerade die Sexualität einen Gewöhnungseffekt hat. Der Partner wird älter, langweiliger, dann kommen Probleme im Alltag dazu. Nicht selten kommen Paare, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Dann muss man schauen, ob man sich auf den Serpentinen des Lebens schon ganz verloren hat oder ob man es schafft, sich noch einmal neu zu erfinden. Das ist keine leichte Aufgabe. Da müssen oft die Rollen und die Verantwortung noch einmal ganz neu aufgeteilt werden. Es ist aber auch eine große Chance für beide.

Und man hört immer wieder von Paaren, die gar keinen Sex mehr haben…

Melzer: Die gibt es, und zwar sehr viel öfter, als man denkt, und das müssen keine schlechten Beziehungen sein. Oft ist es sogar so, dass alle glauben, die beiden haben Sex, weil das ein unglaublich tabu- und schambesetztes Thema ist. Oft wissen nicht einmal die engsten Freunde, dass ein Paar keinen Sex mehr hat. Es gibt Menschen, denen Nähe und Berührungen wichtiger sind als Sex. Ich bin übrigens davon überzeugt, dass es in den meisten Partnerschaften immer mal wieder auch sex-freie Phasen gibt, gerade, wenn Kinder noch sehr klein sind, aber auch, wenn der eine Partner beispielsweise schwer erkrankt oder es zu Vertrauensbrüchen kommt. Das ist dann eine spannende Aufgabe, wieder zusammenzufinden. Ganz ohne Berührung und Sex ist das Leben dann doch zu fade.

Dr. Heike Melzer ist Neurologin, Paar- und Sexualtherapeutin in München. Für die Ärztin steht fest: Die Digitalisierung verändert unsere Paar- und Sexualbeziehungen ganz extrem.
Bild: Heike Melzer

Zur Person: Heike Melzer, 54, ist Neurologin, Paar- und Sexualtherapeutin mit einer Praxis in München sowie Autorin des Buches „Scharfstellung – Die neue sexuelle Revolution“.

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