Am Abend des 16. Juni 2009 kommt der Finanzberater James Amburn in Speyer aus einer Kneipe. Sie trägt den schönen Namen "Elwetritsche", was in der Pfalz vogelartige Fabelwesen bezeichnet, ähnlich dem bayerischen Wolpertinger. Amburn ahnt nicht, dass er gleich eine Geschichte erleben wird, die er sich in seinen kühnsten Fantasien nicht ausmalen konnte.
Roland K. (74) und Willi D. (60) warten im Treppenaufgang seines Hauses. Sie wollen reden, sagen sie. Der Steuerberater bietet ihnen ein Weißbier an. Die Herren unterhalten sich. Irgendwann sagt Roland K.: "Willi, hol doch mal die grüne Mappe aus dem Auto." Das ist das verabredete Zeichen für den Fall, dass das Gespräch nicht den gewünschten Erfolg haben sollte.
Die Senioren wollen Geld vom Finanzberater zurück. Roland K., ein ehemaliger Bauunternehmer vom Chiemsee, und seine siebte Ehefrau Sieglinde (80) verbrachten gern den Winter am eigenen Pool in Naples, Florida. Amburn köderte sie mit Immobiliengeschäften, für die er zwölf Prozent Rendite versprach. Das Ehepaar K. investierte nach eigenen Angaben 1,6 Millionen Dollar. Im Dezember 2007 gingen zum letzten Mal Zinsen ein. Willi D., ein Amerikaner mit deutschen Wurzeln, hat zeitweise für den Finanzmakler gearbeitet. Amburn soll ihm 690.000 Euro schulden.
Willi D. läuft zum Auto, das sie rund 500 Meter von Amburns Haus entfernt geparkt haben. Er holt eine Sackkarre und eine Kiste aus Kartons, die K. gebaut hat. Dann beginnen die Rentner, ihren Finanzberater mit silberfarbenem Klebeband aus dem Baumarkt zu fesseln. Vielleicht nimmt der die alten Männer nicht ernst. Als er versucht, sich zu wehren, ist er bereits wie ein Rollbraten verschnürt. Auch den Mund kleben sie zu - und ein Nasenloch. Dann wird das Opfer in die Kiste gepackt und mit der Sackkarre durch die historische Innenstadt Speyers gefahren, wahrscheinlich vorbei an der Polizeiwache. Schließlich heben die Kidnapper die Kiste mit ihrem Finanzberater drin in den Kofferraum von K.'s Audi A 8.
Den Senioren wird klar: Sie sind einem Finanzjongleur aufgesessen
Das Ehepaar K. lernt im Winter 2008/2009 das Arztehepaar Gerhard (67) und Iris F. (64) aus Schliersee kennen. Auch sie haben ein Haus in Florida gekauft und seit 1994 James Amburn als Steuerberater engagiert. Auch das Ehepaar F. vertraut dem Finanzmakler seine Ersparnisse an, 300.000 Euro. Die fünf Geprellten sind sich schnell einig: Das Geld muss wiederbeschafft werden. Sie recherchieren und stoßen auf ein undurchsichtiges Firmengeflecht. Irgendwann wird ihnen klar, dass sie möglicherweise einem Verbrecher aufgesessen sind, einem Finanzjongleur wie Bernie Madoff. Amburn erklärt, er sei pleite. Das glauben sie ihm nicht. Sie wollen ihn anzeigen und verfolgen lassen, doch die US-Kanzlei will erst mal 12.000 Dollar. Da entscheiden sich die Rentner für den Ausweichplan.
Der Audi A 8 braust die knapp 500 Kilometer von Speyer zum Chiemsee. Der Rädelsführer Roland K. und Willi D. wollen dort ihr Geld aus James Amburn herauspressen. Unterwegs halten sie zweimal an. Beim ersten Mal befreien sie den Finanzmann aus der Kiste. Beim zweiten Mal setzt es Prügel für Amburn, weil er im Kofferraum der Oberklasse-Limousine mit einer Brechstange randaliert. Zwei Rippen brechen. Dienstag im Morgengrauen fahren sie in die Garage von K.'s Eigenheim in Chieming. Dort wird der Entführte in einen gut gesicherten Kellerraum gesteckt.
Der Ausweichplan führt die Rentner direkt in die Untersuchungshaft. Die Verteidigung der "Rentner-Gang" benutzt gern das Sinnbild einer Eisenbahn. Einer macht den Lokführer, die anderen springen auf den fahrenden Zug auf. "Das war irgendwann ein Selbstläufer", sagt Rechtsanwalt Harald Baumgärtl, der Willi D. vertritt. Aber: Warum zog keiner die Notbremse, als klar war, dass es in die falsche Richtung ging? Seit 8. Februar müssen sich vier der Senioren vor dem Landgericht Traunstein wegen gemeinschaftlicher Geiselnahme und gefährlicher Körperverletzung verantworten.
Das Verfahren gegen Gerhard F. wurde aus gesundheitlichen Gründen vorläufig eingestellt. Das Urteil soll am 23. März fallen. Gefängnisstrafen von mindestens fünf Jahren drohen. Ihren eigentlich wohlverdienten Ruhestand werden die Senioren wohl hinter Gittern verbringen müssen. Die Staatsanwaltschaft tritt jeder Tendenz zur Verharmlosung entgegen. Die Ankläger wissen, dass den alten "Gentleman-Gangstern" eine gewisse Sympathie entgegenschlägt. Geprellte Anleger wollen sich auf eigene Faust ihr Geld von einem Finanzhai zurückholen - viele Leute finden das nicht uncharmant. Dass die Rentner auch aus Gier ihr Geld unbedacht angelegt haben könnten, ist da ein eher störender Gedanke.
Mittwochnachmittag kommt das Ärztehepaar vom Schliersee und bringt leckeren Kuchen mit. Roland K. hat zuvor angerufen und gemeldet: "Die Ware ist hier." In der Garage nehmen sich die Alten den Finanzberater vor. James Amburn wird gezwungen, Vereinbarungen über die Rückzahlung von 3,5 Millionen Dollar zu unterschreiben. Eine durchgeladene Pistole soll in Griffweite gelegen haben.
Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Finanzberater mit dem Tode bedroht wurde und nennt die Szenerie ein Femegericht. Roland K., nach den Worten seines Verteidigers ein "sehr selbstbewusster, beherrschender und manchmal auch sehr eigenwilliger Mann", widerspricht vor Gericht. Er gibt den Robin Hood der Finanzkrisen-Geschädigten. Er versucht, die Entführung zur Einladung herunterzureden. Er habe Herrn Amburn quasi in die Kiste hineinagitiert, sagt er. In der beschaulichen Ruhe am Chiemsee könne er besser nachdenken über das, was er angerichtet hat. Das Kellerverlies nennt er "Notgästezimmer", die Garage "Garagenbüro", in dem "Verhandlungen" stattgefunden haben.
Amburn setzt schließlich ein Fax an die Credit Suisse auf, bei der er ein Konto hat. Er bittet, sein Portfolio aufzulösen und das Geld an die Entführer zu überweisen. In den Text mogelt er den Hinweis "call.pol.ICE" (Rufen Sie die Polizei). Weil er nicht weiß, ob der Empfänger das verstehen wird, unternimmt er einen Fluchtversuch. Als ihm die Rentner am Freitag nach der scheinbaren Einigung erlauben, eine Zigarette auf der Terrasse zu rauchen, rennt James Amburn einfach los. Er kommt 500 Meter weit bis zum Haus des Nachbarn. Er schreit, dass er entführt wurde. Doch der Finanzmakler sieht verwirrt aus und hinter ihm kommen schon Roland K. und Willi D. mit rudernden Armen angerannt. Der Nachbar reagiert nicht. Amburn muss wieder ins Verlies.
Der Deutschamerikaner Willi D. gibt am Donnerstag unumwunden vor Gericht zu: Die Aktion der Alten war eine Entführung - kein Wellnessurlaub. Der freundliche Mann mit Brille, der auch ein braver Finanzbeamter sein könnte, räumt seine Beteiligung ein und entschuldigt sich beim Opfer. Der Anführer sei K. gewesen: "Ich habe mich ihm untergeordnet." D. beschönigt nichts. Er war in einer dramatischen finanziellen Situation. Heute lebt er mit seiner Familie von Sozialhilfe. Damals hatte er Hoffnung, sein Geld zurückzubekommen. Während der Entführte im Keller eingesperrt ist, schreibt der in Hamburg geborene D. E-Mails an seine Frau in Amerika und berichtet in Küchenmetaphern von den Fortschritten: "Die Kartoffel ist bald gar" oder "Die Kartoffel kann bald gepellt werden".
Der Schweizer Banker hat den versteckten Hinweis verstanden
Die Senioren sind optimistisch, dass sie das Geld wieder bekommen, das ihnen ihrer festen Überzeugung nach zusteht. Freitagabend geht per Fax eine Auftragsbestätigung der Credit Suisse ein. Ihr Optimismus ist schlicht unangebracht, denn: Der Schweizer Banker hat den versteckten Hinweis der Geisel tatsächlich verstanden und die Polizei verständigt. In der Nacht zum Samstag wird James Amburn von einem Sondereinsatzkommando befreit. Die fünf Rentner werden festgenommen.
Die beiden Frauen sind Mitläufer. Sieglinde K. wird von ihrem Mann dominiert. "K. ist ein Macho, sie ist eine typische Hausfrau, die ihrem Mann dient", sagt Willi D. über die beiden. Frau K. sagt: "Wenn ich gewusst hätte, dass wir alle im Gefängnis landen, hätte ich das Haus verlassen." K. ist nicht nur ein Macho. In den 60er Jahren hat er im Gefängnis gesessen und einige Geldstrafen eingefangen wegen Körperverletzung, Fahrens ohne Führerschein und Diebstahls. Frau F. spricht vor Gericht vom "schwersten Fehler ihres Lebens".
So langsam wird die Rollenverteilung in dieser Entführungsgeschichte klar. James Amburn hat darin eine Doppelrolle. Sicher ist er das Opfer. Ob er auch Täter ist, will die Staatsanwaltschaft Kaiserslautern feststellen. Sie ermittelt gegen den dandyhaften Amburn wegen des Verdachts der Untreue. Der rumpelstilzchenhafte Roland K. sagt es so: "Nicht wir haben das Ding gedreht, sondern der."
Die Rollen sind also besetzt. Angeblich will der bekannte Regisseur Max Färberböck ("Aimée & Jaguar") die Geschichte für das ZDF verfilmen. Ein Drehbuch wird er nicht mehr schreiben müssen. Von Holger Sabinsky