Was für ein Mensch ist Dieter K.? Hat der deutsche Arzt die ungeheuerliche Tat wirklich begangen, wegen der er nun vor dem Schwurgericht in Paris steht? Oder zeichnet seine bewegte Vorgeschichte ein belastendes, aber falsches Bild? Diese Fragen stehen bislang im Mittelpunkt beim Prozess gegen den 75-Jährigen aus Scheidegg (Kreis Lindau), der verdächtigt wird, im Juli 1982 seine 14-jährige französische Stieftochter Kalinka mit einer Spritze getötet zu haben, um sie zu vergewaltigen. Er selbst spricht von einem Unfall.
Überzeugt von der Schuld des Arztes kämpfte der leibliche Vater des Mädchens, André Bamberski, jahrelang vergeblich darum, ihn zur Rechenschaft zu ziehen – bis er Dieter K. vor eineinhalb Jahren gewaltsam nach Frankreich bringen ließ. Hier hat ein Gericht K. im Jahr 1995 zu einer 15-jährigen Haftstrafe verurteilt, die er aber nie antrat. Nun wurde das Verfahren gegen ihn neu aufgerollt.
Der Mann, der K. heute ist, missversteht viele Fragen, spricht in zögerlichem Französisch, hat Gedächtnislücken. Er erwähnt mehrere Herzinfarkte, kann sich aber nicht an Zeitpunkt und Behandlungsort erinnern. Er sieht fahl aus. Angestrengt, gebrochen oder gar schuldbewusst wirkt er nicht.
„Ich möchte betonen, dass ich unschuldig bin“, sagt er. Die Vergewaltigung einer zuvor von ihm betäubten 16-jährigen Patientin in seiner Praxis einige Jahre nach Kalinkas Tod, für die er zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt wurde, nennt er zunächst „eine Dummheit“, dann „einen Fehler“. Die Jugendliche habe ihn bewusst verführt, beteuert er und vermutet gar, eine seiner Ex-Frauen habe sie dafür bezahlt. Auch all die anderen jungen, teils minderjährigen Frauen, denen er sich angenähert, die er bedrängt hat, hätten das provoziert, erklärt er.
Denn der Mann, der K. einmal war, galt als eleganter Charmeur, attraktiv und sportlich, ein Mediziner mit Renommee und ein Frauenheld mit unzähligen Affären. Seine erste Frau war erst 15 Jahre alt, als er ihr gemeinsames Kind abtrieb. Im Alter von 24 Jahren starb sie unter ungeklärten Umständen. Heute behauptet ihr Bruder, Dieter K. habe sie geschlagen und betrogen. Sicher ist, dass der Arzt auch ihr regelmäßig Eisen- und Vitaminspritzen gegeben hatte – wie er es später bei Kalinka tat.
Ob Dieter K. nun ein selbstherrlicher, skrupelloser Vergewaltiger war oder doch nur ein nimmersatter Verführer – in jedem Fall scheint die Analyse seiner französischen Exfrau Danielle den Kern zu treffen: „Das Verbotene zog ihn an.“ Zwar habe er sie mehrmals betrogen, sei aber ein wunderbarer Ehemann und Vater gewesen, immer aktiv, sehr kultiviert.
Bislang hat sich Kalinkas Mutter stets zurückgehalten. Die 66-Jährige tritt liebenswürdig und scheu auf in dem Prozess, der sie nach Jahren wieder mit ihren beiden Ex-Männern und dem tragischen Tod ihrer Tochter konfrontiert. Überraschenderweise ist sie Nebenklägerin, nachdem sie immer zu Dieter K. gehalten hatte, auch nach der Trennung im Jahr 1984.
In den vergangenen Monaten, beim Lesen der Dokumente, seien ihr aber Zweifel gekommen, erklärt sie. „Ich will die Wahrheit wissen. Wenn er schuldig ist, muss er zahlen.“
Das Urteil über K. wird unmittelbar nach Prozessende in einer Woche erwartet. Fällen werden es drei Berufsrichter und neun Schöffen – nach Losverfahren bestimmte Geschworene, deren Stimme ebenso viel zählt wie die der Richter. Allerdings erfordert eine Verurteilung eine Mehrheit von mindestens acht Stimmen.