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Tierquälerei

25.02.2020

Verstörender Trend: Tierquälerei als Youtube-Hit

Auf der Videoplattform Youtube kursieren viele Filme, in denen Mäuse grausam gequält und getötet werden. Tierschützer kämpfen längst dagegen an.
Bild: Inga Kjer, dpa (Symbol)

Plus Auf Internetportalen wie Youtube kursieren zahllose Tierquälerei-Videos. Sie werden hunderttausende Male angesehen. Eine bayerische Psychologin warnt vor den Folgen.

Die ersten fünf Sekunden des grausamen Videos sehen aus wie ein süßes Haustier-Filmchen: Eine Maus schnuppert interessiert an einer Gitterbox, auf deren Boden Futter liegt. Sie klettert auf den Rand, springt hinein – und tappt damit in die tödliche Stromfalle. Das Tier stößt einen fürchterlich quietschenden Schmerzensschrei aus, als die Spannung seinen Körper in eine Ecke des Käfigs wirft und sich alle Muskeln verkrampfen. Dort zuckt und leidet die Maus endlose Minuten lang, bis sie stirbt. Zusammen mit zwei Artgenossen, die nach ihr ebenfalls in die Falle tappen.

Dieses Video ist nicht etwa im Darknet zu finden, einem versteckten Bereich im Internet, wo auch Drogen und Kinderpornos gehandelt werden. Es ist auf der weltgrößten Videoplattform Youtube frei zugänglich, ohne Altersbeschränkung. Und es kommt gut an: 380.000 Aufrufe und 2800 Klicks auf „Mag ich“ werden angezeigt (Stand 24. Februar 2020).

Zahlen, von denen viele Youtuber nur träumen können. Es wurde am 8. Juni 2019 hochgeladen und von Youtube seitdem nicht gelöscht. Aus rechtlicher Sicht ist das völlig unbedenklich. Auch falls die gezeigten Taten eindeutig gegen das deutsche Tierschutzgesetz verstoßen, ist das Hochladen, Ansehen und Weiterverbreiten der entsprechenden Videos in Deutschland nicht gesetzlich verboten, sagt Maximilian Kall, Pressesprecher des Bundesministeriums für Justiz und Verbraucherschutz.

Verstörender Trend: Tierquälerei als Youtube-Hit

Psychologin erklärt: "Tierquälerei und Gewalt gegen Menschen hängen zusammen"

Andrea Beetz ist Psychologin in Erlangen. Als Professorin an der Internationalen Hochschule IUBH beschäftigt sie sich mit der Bindung zwischen Mensch und Tier und warnt: „Wir wissen, dass Tierquälerei und Gewalt gegen Menschen zusammenhängen.“ Dass sich Menschen im Internet nach Mause- und Rattenfallen umsehen, sei an sich nicht ungewöhnlich; in manchen Situationen müsse man eben auf solche Geräte zurückgreifen. Wenn die Tiere aber nicht nur gefangen oder möglichst schmerzfrei getötet, sondern absichtlich gequält werden, sei das psychologisch auffällig. Wer so etwas tue, sei oft auch gegenüber anderen Menschen innerhalb und außerhalb der Familie gewaltbereit. Und wenn jemand das Material auch noch verbreite und sich mit der Gewalt profilieren wolle, deute das auf ein gestörtes Sozialverhalten hin.

Das Stromfallen-Video ist kein Einzelfall. Wer auf Youtube nach Schlagworten wie „Strom“ und „Mausefalle“ sucht, findet in den Ergebnissen viele ähnliche Aufnahmen. Sie tauchen auch auf anderen großen Videoplattformen auf wie zum Beispiel auf Dailymotion. Die Quäler hinter den Videos werden selten zur Rechenschaft gezogen, wie Sarah Ross, Heimtier-Expertin der Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“, berichtet: „Oft passieren die Taten in Asien, wo es herzlich wenig Tierschutzgesetze gibt.“ Wer ein bestimmtes Video aufgenommen habe, sei meist nicht feststellbar. „Ein Tierquäler fällt seinem Umfeld oft nicht auf. Was die Leute zu Hause mit ihren Katzen oder Meerschweinchen machen, bekommt niemand mit. Die Dunkelziffer gequälter Haustiere ist extrem hoch“, sagt Ross.

Kommentare unter den Tierquälerei-Videos: "Ich liebe es, die Schreie zu hören“

Wer bereits die Videos abstoßend findet, wird von den Kommentaren erst recht schockiert sein, die die Nutzer schreiben. Beim Video mit der Stromfalle sind es fast 900. „Ich liebe es, die Schreie zu hören“ steht da, „Gute Arbeit, exzellent“ und „Ich liebe es, wenn Tiere gefoltert werden“. Kaum jemand scheint ein Problem mit der Tierquälerei zu haben, die meisten Kommentatoren machen sich sogar über den Todeskampf der Mäuse lustig.

„Das Gesehene wird zur Normalität, die Leute stumpfen ab“, sagt Lea Schmitz, Pressesprecherin des Deutschen Tierschutzbundes. Außerdem könnten die Videos andere Menschen zum Nachahmen anspornen. Ihre Organisation setze sich deswegen dafür ein, dass Website-Betreiber solche Inhalte löschen. Deren Maßstäbe seien aber oft nicht nachvollziehbar: Während auf vielen Plattformen zum Beispiel Videos konsequent entfernt würden, die nackte Frauenbrüste zeigen, sei das bei Tierquälerei nicht der Fall.

Auf Youtube sind keine Videos zu finden, auf denen Katzen oder Hunde gequält und grausam getötet werden. Es ist also davon auszugehen, dass die Plattform sie schnell wieder entfernt. Es gibt allerdings zahlreiche Kanäle, die sich ausschließlich dem Mäusequälen verschrieben haben. Videos, in denen Mäuse gequält werden, verstoßen genauso gegen die Nutzungsbestimmungen von Youtube wie das Quälen anderer Tiere, lässt sich den Angaben auf der Website von Youtube entnehmen. Ein Pressesprecher von Google – zu diesem Konzern gehört Youtube – wollte jedoch nicht zum Thema Stellung nehmen.

Youtube und das Feedback: Video immer noch nicht gelöscht

Wer sich eines der brutalen Videos ansieht, findet in den Vorschlägen eine Reihe ähnlicher Inhalte. Youtube kann also eine Liste von Tierquälerei-Videos zusammenstellen, um mehr Klicks zu generieren. Beim Finden der Videos, um sie zu löschen, tut sich das Unternehmen offenbar schwerer. Der Pressesprecher sagt: „Wir schützen unsere Plattform mit einer Mischung aus Künstlicher Intelligenz, also Maschinen, und Mitarbeitern vor unangemessenen Inhalten. Wir sind aber auch auf das Feedback unserer Nutzer angewiesen. Es gibt Fälle, da entscheiden unsere Maschinen nicht richtig.“ Wie Youtube mit diesem Feedback umgeht, ist aber unklar:

Das Video mit der Stromfalle ist noch immer nicht gelöscht, obwohl es von unserer Redaktion am 18. Februar über die Report-Funktion der Internetseite als Tierquälerei gemeldet wurde. Die hunderttausenden Aufrufe und einige sehr kritische Kommentare legen nahe, dass unsere Beschwerde nicht die erste war.

Lesen Sie dazu den Kommentar: Tierquälerei-Videos zeigen, dass das Internet in weiten Teilen unreguliert ist.

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25.02.2020

Im Internet wird uns der Spiegel unserer offensichtlich grenzenlosen Widerlichkeit vorgehalten.
Der Mensch als Krone der "Schöpfung"!

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