Coburg/Bad Homburg (ddp) - Eigentlich gilt die Toilette als stilles Örtchen. Im bayerischen Coburgund im hessischen Bad Homburg sorgt sie jedoch regelmäßig für lautenStreit - und das nicht nur am Welttoilettentag, der am Montag begangenwird. In den beiden Städten wird seit Jahren darüber debattiert, werdas erste WC Deutschlands hatte.
Während Archivnachweise aus den Jahren 1818, 1829 und 1840 für das hessische Schloss Homburg als Ort der ersten deutschen Toilette mit Wasserspülung sprechen, eine WC-Einrichtung aus dieser Zeit dort jedoch nicht mehr vorhanden ist, können die Coburger im Schloss Ehrenburg dagegen ein Original-Klo vorweisen. Das stammt allerdings aus dem Jahr 1861.
Der bizarre Toilettenstreit wird sich kaum 100-prozentig klären lassen. So bereitet bereits die genaue Definition eines "water closets" Probleme. Denn beide Klo-Systeme verfügten über unterschiedliche Spülvorrichtungen. "Wir sagen, es kann und soll 1861 das erste WC in Deutschland gewesen sein", sagt der Coburger Schlossführer Matthias Mattstedt (46).
Queen Victorias Auftrag
Fakt ist, dass sich Queen Victoria 1861 im zweiten Stockwerk von Schloss Ehrenburg ein WC einbauen ließ. Neben der Porzellanschüssel, die in einer Zelle aus Mahagoni-Holz untergebracht war, befand sich ein Wasserbehälter, der von außen befüllt und mit einer kleinen Handpumpe betrieben wurde. Das Schmutzwasser floss in den Keller ab, wo es aufgefangen wurde. Möglicherweise bis 1917 sei die WC-Anlage in Betrieb gewesen, als das Schloss schließlich in staatlichen Besitz überging, sagt Mattstedt.
Die Leiterin des Fachgebiets Museen bei der staatlichen hessischen Schlösserverwaltung, Friedl Brunckhorst (58), sieht einen WC-Streit aufgrund der Fakten indes gar nicht gegeben. Nach bisherigem Kenntnisstand habe sich das erste WC Deutschlands auf Schloss Homburg befunden. "Das ist nicht irgendeine Erfindung." Vielmehr sei es durch Archivalien und drei wichtige Quellen belegt.
So war 1818 bei der Vermählung der englischen Prinzessin Elisabeth mit Landgraf Friedrich Joseph VI. auf deren Wunsch ein sogenanntes "Privier" eingebaut worden. Es sei überliefert, dass der zuständige Baumeister einen "hermetisch verschlossenen Abtritt" geschaffen habe. Zudem gebe es aus dieser Zeit eine Rechnung einer Frankfurter Firma über die Einrichtung eines Bidets und der Anbringung eines Bleikastens sowie Bleirohren.
"Da kann man zwar immer noch sagen, dass es ein Klo ohne Wasserspülung war", sagt Brunckhorst. Spätestens 1829 nach dem Tod von Friedrich Joseph VI. sei jedoch ein "water closet" belegt.
So hatte Landgräfin Elisabeth in ihrem Schlafzimmer hinter einer marmorierten Tapetentür ein WC mit einem Kirschbaum-Sitz und Mahagoni-Brille einrichten lassen.
Eindeutige Quellenlage
Die dritte wichtige Quelle zum Beleg des ersten WCs in Schloss Homburg sei eine Zeichnung von Bauleiter Jakob Westerfeld aus dem Jahr 1840, die einen englischen Wasserabort mit Konstruktionsangaben zeigt, wobei die Wasserspülung über eine Regenwasserzisterne an der Dachrinne betrieben wurde. Somit steht für die Leiterin des Fachgebiets Museen fest, dass es spätestens ab 1829, also 32 Jahre vor Coburg, ein WC in Schloss Homburg gegeben habe.
Um 1900 hatte Kaiser Wilhelm II. ein neues Becken einbauen lassen. Das originale Klo ließ er entsorgen. Somit ist heute nur noch die Tapetentür vorhanden - so dass der Toilettenstreit zwischen Bad Homburg und Coburg wohl auch in Zukunft weitergehen wird.