Newsticker

Konjunkturpaket: Familien erhalten Geld wohl in drei Raten
  1. Startseite
  2. Bayern
  3. Wenig Interesse an Vorschlägen: Pschierer legt sich mit Bayerns Lehrern an

Lehrermangel

04.03.2020

Wenig Interesse an Vorschlägen: Pschierer legt sich mit Bayerns Lehrern an

Franz Josef Pschierer will Lehrer nicht gleich bezahlen.
Bild: Bernhard Weizenegger

Plus Eine Grundschullehrerin will helfen, die Personallücke an Schulen zu schließen. Doch der CSU-Politiker reagiert mit einer harschen Mail.

Wenn jemand das ultimative Mittel gegen den Lehrermangel hätte, Bayerns Kultusminister Michael Piazolo würde wohl einen dankbaren Stoßseufzer zum Himmel schicken. Er sei für Ideen „immer offen“, sagte der Freie-Wähler-Politiker jüngst. Etwas anders wirkt das beim Mindelheimer Landtagsabgeordneten Franz Josef Pschierer. Mit einer harschen E-Mail an eine junge Lehrerin aus Oberbayern stößt der einstige CSU-Wirtschaftsminister Lehrer vor den Kopf. Und scheint in Kauf zu nehmen, dass die Personallücke sogar noch ein wenig größer wird. Pschierer empfiehlt der Frau, sich einen neuen Job zu suchen.

1400 Lehrerstellen drohen offenzubleiben

Dabei sind Lehrer für Grund-, Mittel- und Förderschulen die vielleicht begehrtesten Fachkräfte in ganz Bayern. Ab dem nächsten Schuljahr sind nach aktuellem Stand 1400 Vollzeitstellen offen. Julia Petry, Grundschullehrerin in Elternzeit, hatte in zwei Mails an die Abgeordneten der Parteien CSU, Freie Wähler, Grüne, FDP und an parteilose Politiker eigene Ideen dazu präsentiert, wie man dem Lehrermangel beikommen könnte. Unter anderem schlug Petry vor, das Gehalt von Grund- und Mittelschullehrern als Signal für künftige Lehrergenerationen auf die Stufe A13 anzuheben, in die auch Lehrkräfte an Gymnasien und Realschulen eingruppiert sind.

Schon jetzt ist die Personaldecke an Bayerns Schulen dünn. Manche Stunden müssen ausfallen.
Bild: Alessandro Crinari, dpa

Pschierer hält davon nichts – und antwortet in der Mail, die unserer Redaktion vorliegt: „Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ist die freie Berufswahl fest verankert. Sollten Sie mit dem von Ihnen frei gewählten Beruf und den damit verbundenen Arbeitsbedingungen nicht zufrieden sein, müssen Sie selbst die Konsequenzen ziehen und sich eine andere Tätigkeit suchen.“ Julia Petry hat die Nachricht auf Facebook hochgeladen – und 200 Kommentare bekommen. „Unverfroren“, „Frechheit“, „dreist“, heißt es da. Ein anderer Nutzer findet „traurig, dass so jemand die Interessen der Bürger vertritt“.

Pschierer will nicht alle Lehrer gleich bezahlen

Pschierer hält die unterschiedliche Bezahlung der Lehrer für „amtsangemessen“. Dabei hat er die Christsozialen hinter sich. Kultusminister Piazolo hingegen kämpft für ein einheitliches Gehalt. Pschierer bittet die Lehrerin auch, künftig von langen Briefen an ihn abzusehen. Die Adressatin kann das nicht nachvollziehen. „Es ist doch der Job eines Politikers, sich die Anliegen der Wähler anzuhören“, sagt sie im Gespräch mit unserer Redaktion. Ziel ihres Briefs sei, dass im Kampf gegen den Mangel „auch die Ideen von Lehrern eingebunden werden, dass die Politik uns und die Schüler nicht vergisst“.

Kultusminister Piazolo hatte im Januar Grund-, Mittel- und Förderschullehrern Mehrarbeit verordnet und Pensionsregeln verschärft, um die Lehrerlücke zu kompensieren. Julia Petry glaubt nicht, dass diese Maßnahmen alternativlos sind. Sie hat mit anderen Pädagogen Gegenvorschläge erarbeitet. Fast 500 Lehrer unterstützen den Entwurf mit ihrer Unterschrift. Julia Petry schlägt etwa vor, Pausenaufsichten oder den Nachmittagsbetrieb an Grundschulen externen Fachkräften mit pädagogischer Ausbildung zu überlassen. Außerdem ist sie sicher, dass manche Lehrkraft in Teilzeit mehr unterrichten würde, wenn sie näher an ihrem Wohnort eingesetzt würde.

Lehrermangel: Pädagogen wollen Petitionen beim Landtag einreichen

Zudem fordern Petry und ihre Mitstreiter, den Stundenplan an der Grundschule vorübergehend etwas zu reduzieren. Die Lehrerin hat sich in einer Facebook-Gruppe mit über 4000 Mitgliedern vernetzt. Zusammen wollen sie möglichst viele Petitionen beim Landtag einreichen, damit sich dieser weiter mit dem Thema Lehrermangel befasst. „Grundschullehrer ist ein Traumberuf“, sagt Petry. „Das sehen die meisten Lehrer so. Wir würden uns aber wünschen, dass er nicht ständig durch Bürokratie und noch mehr Belastungen negiert wird, sondern dass wir endlich entlastet werden, um uns den Bedürfnissen der Kinder noch besser widmen zu können.“

Pschierer selbst betont auf Anfrage, dass er „großen Respekt“ vor den Leistungen der Grund- und Mittelschullehrer habe. „Wenig Verständnis habe ich dafür, wenn vor allem sehr stark der monetäre Anreiz in den Mittelpunkt gerückt wird.“ Julia Petrys Alternativmaßnahmen halte er für „absolut diskutabel“. Ob er seine Mail trotz der Empörungswelle wieder so formulieren würde, lässt der Mindelheimer Politiker offen.

Lesen Sie dazu den Kommentar: Lehrer aller Schularten sollten gleich viel verdienen

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

05.03.2020

Das versteht also die CSU unter "Wertschätzung" unserer Arbeit. Herzlichen Dank, Herr Pschierer, für diese unmissverständliche Aussage. So werden sich ganz bestimmt noch viele Abiturienten kurzfristig und voller Begeisterung für ein Studium des Lehramts Grundschule entscheiden.
Da bleibt nichts anderes übrig, als bei den anstehenden Kommunal- und künftigen Landtagswahlen entsprechend abzustimmen. Ein Verlust der Stimmen aller Grund-, Mittelschul- und Förderschulkollegen sowie deren Angehörigen dürfte der CSU zu denken geben.

Permalink
05.03.2020

Die Forderung , daß auch Lehrer/innen von Grundschulen und Hauptschulen in den höheren statt in den gehobenen Dienst eingestuft werden , gibt es allerdings schon lange ! Nicht erst jetzt in der Personal-Krise .

Berechtigt ist sie durchaus , sie hat aber etwas mit dem Bayerischen Beamtengesetz zu tun.
Der Hochschul-Abschluß dieser Lehrer wird dort nur als Zugangsvoraussetzung für den gehobenen Dienst angesehen.
Das könnte man aber ändern .

Allerdings gibt es dieses Einstufungsrecht auch in den allermeisten anderen Bundesländern .

Verwundern muß allerdings , daß die Öffentlichkeit UND die Damen und Herren von der Presse diese schon lange geltende -man könnte sagen - "strukturelle Ungerechtigkeit" erst jetzt in der Krise zu Kenntnis nehmen .

Ein anderer Aspekt ist dagegen die in Deutschland um sich greifende Teilzeit- und Urlaubs-/Freizeitmentalität -auch "work-life-balance" genannt- welche auch in der Lehrerschaft ebenso wie in Rest der Bevölkerung grassiert wie ein Virus !

In einem Land mit ausgesprochenem Fachkräfte-Mangel geht eine solcher Anspruch auf das Schlaraffenland" eben nicht (mehr ) !

Da müssen dann eben auch alle Lehrer -aller Schularten- mitziehen und auf ihre Teilzeit-/Frühpensionierungsmodelle ebenso verzichten wie auf ihre Sabbaticals" !

Der Vorschlag , daß externe Kräfte für Pausenaufsicht etc . eingestellt werden sollten, hört sich zwar auf dem Papier gut an ob das aber zu verwirklichen wäre ist höchst zweifelhaft . Woher sollen diese "sozialpädagogisch grundgedchulten" Kräfte kommen ?

Permalink
05.03.2020

Liebe Maria T.,

es geht keineswegs um die von Ihnen angeführte "work-life-balance"! Wie ich auch dem hier genannten Herrn Pschierer und den anderen Abgeordneten des bayerischen Landtages ausführlich in einem Schreiben- dem "Hilfeschrei der GrubdschullehrerInnen"- dargelegt habe, geht es nicht um eine Stunde Mehrarbeit, sondern darum, dass wir GrundschullehrerInnen schon seit Jahren an der Überlastungsgrenze arbeiten, denn zu den 28 Stunden Unterricht kommen neben Bach- und Vorbereitung und Korrekturen noch immense Herausforderungen durch Schriftwesen, Erziehungsarbeit, Elternarbeit, Kooperation mit Psychologen, Jugendämtern etc und vor allem die Inklusion, Integration und gezielte, differenzierte Förderung von Kindern unterschiedlichster Voraussetzungen!!! Keine Lehrerin macht Teilzeit, um dann in der Stadt beim Shoppen abzuhängen, sondern die KollegInnen und Kollegen wählen weniger Stunden, weil sie unter diesen Bedingungen an der Belastungsgrenze arbeiten umd einfach nicht MEHR leisten können. Ihr Komentar offenbart leider an dieser Stelle ebenfalls Ihre Unkenntnis der Realität.


Permalink
05.03.2020

Ein weiteres Beispiel wie fachfremde Politik an der Realität vorbeiregiert.
Schulwesen, Landwirtschaft, Umweltschutz... Politik ohne Sachverstand, Einfühlungsvermögen und echter Bereitschaft die Probleme zu lösen.
Kommt wohl davon, wenn man nur an die nächste Wahl und den eigenen Machterhalt denkt.

Permalink
05.03.2020

Da sammelt wohl jemand eifrig Stimmen für seine Parteikollegen bei der Kommunalwahl und zeigt dabei gleichzeitig das gutsherrenhafte Gebaren unser aller Regierungspartei.

Permalink
05.03.2020

...und dann wundern sich die "abgehobenen Spitzenpolitiker" der etablierten Parteien, wenn die Wähler sich an den rechten Rand begeben. Hier ist Söder gefragt, um unmittelbar und schnellstmöglich ein "richtige Antwort" in Richtung Pschierer zu senden!

Permalink
Das könnte Sie auch interessieren