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Corona-Krise

10.12.2020

Wie dramatisch ist die Corona-Lage an Bayerns Krankenhäusern?

Viele Krankenhäuser in Bayern verschieben wegen der angespannten Corona-Situation bereits nicht notwendige-medizinische Eingriffe.
Bild: Büttner, dpa (Symbol)

Plus Am Augsburger Uniklinikum gilt angesichts der dramatischen Corona-Lage ein Aufnahmestopp. Ist die Situation in anderen Kliniken der Region ähnlich?

Es ist eine Nachricht, die viele Menschen wohl verunsichert hat: Am Mittwoch hat das Augsburger Uniklinikum einen Aufnahmestopp für alle Patienten verhängt, die nicht zwingend sofort behandelt werden müssen. Auch ambulante Eingriffe werden vorerst nicht mehr angeboten, teilt die Einrichtung mit. Nur die Geburtshilfe laufe normal weiter. Das Mutter-Kind-Zentrum ist vom Hauptgebäude der Uniklinik räumlich getrennt

Mit dieser Entscheidung zieht die Uniklinik nun die Notbremse: Denn die Zahl der Corona-Patienten im Klinikum hat einen neuen Höchststand erreicht. Am Mittwoch wurden 159 Corona-Patienten und -Verdachtsfälle behandelt – so viele wie noch nie seit Beginn der zweiten Corona-Welle im Herbst. Aber ist Augsburg nun ein Einzelfall oder geht es anderen Kliniken ähnlich?

Corona an den Krankenhäusern in Bayern: Lage ist sehr angespannt

Einen Überblick über die Situation der Krankenhäuser in ganz Bayern hat Eduard Fuchshuber, Sprecher der Bayerischen Krankenhausgesellschaft. Die Lage an vielen Kliniken im Freistaat sei inzwischen sehr angespannt, sagt er. Aber immer noch beherrschbar. „Viele Krankenhäuser in Bayern verschieben jedoch bereits planbare Eingriffe, bei denen es medizinisch vertretbar ist, wenn diese nicht sofort durchgeführt werden wie zum Beispiel Hüft- oder Knieoperationen.“ Auch die Lage auf den Intensivstationen spitze sich leider weiter zu. Fuchshuber verweist auf das sogenannte DIVI-Register, eine Übersicht der Deutschen Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin. „Demnach haben wir derzeit in Bayern noch über 600 freie Betten.“ Ein weiteres Problem, das die Lage immer ernster werden lässt, ist das Personal. „Viele Krankenhäuser bekommen Schwierigkeiten, weil zum Beispiel auch Pflegekräfte selbst an Covid-19 erkranken oder in Quarantäne müssen“, sagt Fuchshuber. Die Lage in Bayern ist also ernst. Wie sieht es in den Einrichtungen in der Region rund um Augsburg aus?

Viele Krankenhäuser in Schwaben wie die Wertachkliniken im Landkreis Augsburg und Krankenhäuser im Donau-Ries haben bereits gemeldet, dass sie nahezu ausgelastet sind. Wertachkliniken-Vorstand Martin Gösele sagte: „In unserer Region ist die Situation dramatisch.“ Dank des Personals habe man die bisherigen Herausforderungen gemeistert. Die Mitarbeiter seien stabil, zuverlässig und sehr engagiert. Die Belastungsgrenzen seien aber schon seit einigen Wochen überschritten. Auch die Kapazitätsgrenzen seien erreicht

Gleiches gilt für die Intensivstationen in den einzelnen Krankenhäusern, wie aktuelle Daten des DIVI-Registers zeigen. Jedes einzelne Krankenhaus ist darin aufgelistet, Ampelfarben zeigen, wie es um die Intensivkapazitäten bestellt ist. Wer stichprobenhaft einzelne Häuser anklickt, sieht auf den ersten Blick: In ganz Nordschwaben dominieren die Farben Rot und Gelb.

Auch im Klinikum im oberbayerischen Landsberg verschärft sich mittlerweile die Situation: „Die Lage im Hinblick auf das Coronavirus ist mittlerweile extrem ernst“, sagte Klinikvorstand Marco Woedl. Es stünden nur wenige freie Intensivbetten zur Verfügung, die Beatmungsmöglichkeiten seien ausgeschöpft. Zudem müssen alle planbaren Operationen in allen Fachbereichen abgesagt werden, sofern die Behandlung verschoben werden kann.

Ein ähnliches Vorgehen gibt es auch in vielen anderen Krankenhäusern in Schwaben: in Dillingen und Wertingen, in Mindelheim, Immenstadt und Kempten. Sowie in den Kreiskliniken Krumbach und Günzburg. Dort werden ab kommendem Montag alle medizinisch nicht notwendigen Operationen und Eingriffe deutlich reduziert.

Die Krankenhäuser stellen fest: Der Druck durch Corona nimmt immer mehr zu

Auch in Memmingen wird es so gehandhabt. Bereits seit November werden verschiebbare Eingriffe wie zum Beispiel Hüft- oder Wirbelsäulen-OPs verschoben, erklärte Maximilian Mai, Vorstand des Klinikums. Dabei werde die Lage täglich neu eingeschätzt. Dringliche Eingriffe, bei denen eine Verschiebung der Behandlung die Prognose für den Patienten verschlechtern würde, finden demnach aber statt.

Im Universitätsklinikum Ulm werden derzeit 19 Covid-Patienten auf der Intensivstation behandelt. Das ist der höchste Stand seit Ausbruch der Pandemie im März. Im Gegensatz zu Augsburg musste bislang kein Aufnahmestopp verhängt werden, erklärte der Ärztliche Direktor Florian Gebhart.

Einen Überblick über die Lage im Ostallgäu hat Gerhard Zipperlen, Ärztlicher Leiter Krankenhauskoordinierung im Rettungszweckverband Allgäu. Auch er bestätigte: Die Lage in den Kliniken sei „angespannt“. Er weist auf ein weiteres Problem hin: Generell gebe es bei der Zahl der Covid-Patienten täglich große Schwankungen. „Was morgens gemeldet wird, kann nachmittags schon anders aussehen“, sagt Zipperlen. Steigende Inzidenzwerte schlagen in der Regel erst zehn bis vierzehn Tage später auf den Intensivstationen durch, wenn sich die Lungenfunktion der Erkrankten verschlechtere, erklärt Zipperlen. Am Donnerstag zeichnete sich ab, dass „der Druck massiv zunimmt“, weil die Patientenzahlen überregional stark steigen.

Appell der Kliniken: Bitte halten Sie sich an die Hygienemaßnahmen!

Bislang konnten sich viele Kliniken in Bayern auch untereinander aushelfen und Patienten verlegen, wenn am eigenen Standort kein Bett mehr frei war. Das dürfte in den kommenden Wochen wohl schwieriger werden. In Landsberg müssen Patienten, die dort nicht mehr untergebracht werden können, bereits in andere Kliniken transportiert werden. Dies gilt auch für die Kliniken an der Paar in Aichach und Friedberg. Hubert Mayer ist dort Geschäftsführer – und gleichzeitig ärztlicher Corona-Koordinator für Schwaben. Er erklärte auf Nachfrage unserer Redaktion: Sofern es die eigenen Kapazitäten erlaubten, wurden in den vergangenen Wochen immer wieder Corona-Patienten von anderen Krankenhäusern übernommen und behandelt. „Die Lage ist durchaus angespannt“, sagt Mayer. Von „Triage“-Situationen, in denen Ärzte entscheiden müssen, welcher lebensgefährlich erkrankte Corona-Patient behandelt wird und welcher nicht, sei man jedoch noch „weit weg“. Aber: „Wir haben eine Fülle von Patienten, gleichzeitig fallen immer mehr Mitarbeiter aus, weil sie krank sind oder wegen Corona in Isolation müssen. Das ist eine enorme Herausforderung für die Krankenhäuser.“

Angesichts solcher ernsten Lageberichte appelliert Eduard Fuchshuber von der Bayerischen Krankenhausgesellschaft an die Bevölkerung: „Bitte schützen Sie sich und ihre Angehörigen.“ (mit jöh, wund, veka, adö, vit, corh, heo)

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