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Interview

06.09.2019

Wie wird man steinalt und bleibt gesund? "Pass auf und lebe!"

Hilde Hefti tanzt mit 98 noch jede Nacht zwei Stunden. Auch sie haben Klaus Brinkbäumer und Samiha Shafy für ihr Buch besucht.
Bild: Samiha Shafy

Wie wird man gesund 100 Jahre alt? Klaus Brinkbäumer hat weltweit Hochbetagte befragt. Entstanden ist ein Buch voller Weisheit. Welche Rezepte er mitgebracht hat.

Herr Brinkbäumer, Sie haben zusammen mit Ihrer Kollegin Samiha Shafy 50 Hundertjährige auf der ganzen Welt besucht. In Ihrem Buch „Das kluge, lustige, gesunde, ungebremste, glückliche, sehr lange Leben – Die Weisheit der Hundertjährigen. Eine Weltreise“ lernen wir sie kennen. Wollen Sie selbst hundert werden?

Klaus Brinkbäumer: Wenn mein Leben selbstbestimmt ist und ich kein Pflegefall bin, dann ja. Diesen Wunsch haben vermutlich die allermeisten Menschen. Übrigens sagen dies auch viele Hundertjährige, wenn man sie fragt, ob sie 110 werden wollen: Wenn es so bleibt, dann ja, aber nicht, wenn ich ein Pflegefall werde.

Die japanische Insel Okinawa, die Sie auch besucht haben, ist bekannt dafür, dass dort sehr viele Hundertjährige leben. Wo aber lässt es sich noch auf der Welt gut richtig alt werden?

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Brinkbäumer: An sehr vielen Orten. Es gibt zwar diese fünf sogenannten „blue zones“, also Gegenden, wo überdurchschnittlich viele Hochbetagte leben – dazu zählen neben Okinawa auch Sardinien, Loma Linda in Kalifornien, Costa Rica und die griechische Insel Ikaria. Das heißt aber nicht, dass man nur dort sehr alt werden kann. Hilfreich ist ein warmes, aber kein heißes Klima. Wärme und Licht sind für den menschlichen Körper gesund, extreme Kälte dagegen ist ebenso ungesund wie extreme Hitze. Ein warmes, mildes Klima führt zugleich dazu, dass das wächst, was gesund ist: Gemüse und Obst in allen Variationen – und die Ernährung ist ebenfalls entscheidend beim Altwerden. Ein mildes, angenehmes Klima sorgt außerdem dafür, dass die Menschen viel draußen sind und sich bewegen.

Ernährung, Bewegung, dass dies zwei Punkte sind, die für das gesunde Altwerden wichtig sind, ist bekannt. Welcher Faktor aber hat Sie überrascht?

Brinkbäumer: Oh, ich bin bei dieser Recherche tausendmal überrascht worden. Zum Beispiel von der Bedeutung des japanischen Wortes ikigai.

Ikigai meint unsere Leidenschaft, unsere Berufung, das, was uns in unserem Leben erfüllt ...

Brinkbäumer: Genau – auch der Beruf gehört dazu, das sollte er jedenfalls. Und die Menschen auf Okinawa sagen, dass ikigai nicht mit 63, 65 oder 67 Jahren aufhört. Wenn man dann darüber nachdenkt, wie und wann Menschen in unserer westlichen Gesellschaft in die Rente verabschiedet werden, merkt man schon, dass hier etwas schiefläuft. Denn mit dem Ruhestand nimmt man vielen Menschen den Bekanntenkreis, was Einsamkeit bedeuten kann, und zudem einen Großteil des Sinns ihres Daseins. Beides ist extrem kontraproduktiv.

Was war noch neu für Sie?

Brinkbäumer: Wie wichtig Beziehungen für ein glückliches, für ein langes Leben sind, war mir nicht bewusst. Wissenschaftler in Harvard haben in Langzeitstudien gezeigt, dass Beziehungen, also Liebesbeziehungen, Beziehungen zu den Kindern, den Enkeln im wahrsten Sinne des Wortes lebenswichtig sind.

Aber in unserer Gesellschaft leben sehr viele sehr einsame Menschen.

Brinkbäumer: Ja, Einsamkeit ist verbreitet. Wichtig ist aber zu wissen, dass es nicht zwingend darum geht, einen Ehepartner zu haben. Freunde sind ebenso bedeutend. Und geradezu erschütternd war es deshalb für mich, zu erleben, dass vor allem viele alte Männer sagen: Wo sind eigentlich meine Kinder? Wo sind meine Enkel? Wo sind meine Freunde von früher? Und viele kommen zu dem Schluss: Ich habe es selbst verbockt, eine warme Beziehung zu ihnen aufzubauen, weil ich immer nur gearbeitet habe. Diese Männer können einem leidtun. Zumal Wissenschaftler zu der Erkenntnis gelangt sind, dass Einsamkeit tötet. In dieser Schärfe war mir auch dies neu.

Und was bedauern Frauen vor allem?

Brinkbäumer: Viele der Hundertjährigen bedauern es, im Beruf zu wenige Chancen ergriffen, auf Bildung zu wenig Wert gelegt zu haben, zu wenig für das eigene Vorankommen gekämpft zu haben.

Nun, wir haben es in der Hand: Sie schreiben, dass unser Leben nur zu 30 Prozent von den Genen vorbestimmt ist, 70 Prozent können wir selbst beeinflussen – was machen Sie jetzt anders?

Brinkbäumer: Radikal umgestellt habe ich nichts. Aber ich habe noch einmal etliches leicht verändert: Ich hatte mich schon vor diesem Projekt ziemlich gesund ernährt. Jetzt achte ich darauf noch stärker. Ich esse generell weniger und vor allem noch weniger Fleisch, dafür verschiedenes Gemüse und Obst; und ich trinke noch weniger Alkohol. Ganz neu begonnen habe ich mit Yoga. Das hatte ich früher – wie so viele Männer – als östliches Esoterik-Zeugs abgetan. Heute tut es mir physisch und psychisch gut. Und an einem Punkt wurde ich bestätigt: Worauf ich schon immer geachtet habe, ist, mit Leidenschaft das zu tun, was mir wirklich Freude macht: Schreiben oder Segeln beispielsweise. Im Grunde wusste ich von der Bedeutung des ikigai, nur das Wort dafür kannte ich nicht.

Interessant ist auch, dass vielen Hochbetagten nicht bewusst war, wie schnell das Leben vergeht. Die Hundertjährigen sagen: Wenn ich gewusst hätte, wie rasant selbst ein langes Leben vorbeizieht, hätte ich es sinnvoller genutzt.

Brinkbäumer: Das haben wir von ganz vielen gehört. Sie sagen das meist mit einem Lachen, denn sie wissen ja, sie hatten nun wirklich viel Zeit – und dennoch bedauern sie es, dass das Leben so schnell vergangen ist. Roger Angell etwa, ein bekannter Journalist, der in New York lebt, erinnert sich an seine Kindheit in Manhattan, auch an das New York von 1930 und sagt: Das alles war doch gestern.

Welchen Schluss ziehen Sie daraus?

Brinkbäumer: So wenig wie möglich zu vertagen, heute zu leben. Überhaupt würde ich sagen, wenn ich eine Bilanz zu unseren Erfahrungen ziehen müsste: Pass auf und lebe! Bring beides zusammen. Denn wir wissen ja: Manche Menschen passen manisch auf ihre Ernährung, auf ihren Körper auf – und vergessen zu leben. Andere versuchen alles mitzunehmen, nehmen Drogen, machen extremen Sport, passen aber oft nur sehr bedingt auf sich auf. Das Gleichgewicht zwischen beidem zu finden, das ist, glaube ich, das Geheimnis.

Nun lernten Sie wunderbar schillernde Persönlichkeiten kennen. Wer hat Sie am meisten beeindruckt?

Brinkbäumer: Ich möchte hier eigentlich keine Rangliste aufstellen. Eine spontane Aufzählung also: Zwei Chinesen in Peking waren sensationell, weil sie mich durch das ganze chinesische Jahrhundert geführt haben. Was für eine Zeitreise! Und von ihnen zu lernen, wie sie auf den Aufstieg Chinas und den Abstieg des Westens blicken, war für mich spektakulär. Aber auch die 111-Jährige, die den Dschungel Thailands nie verlassen hat, war wundervoll. Sie hat uns das Bild des Elefanten für die Ehe mitgegeben: Der Mann bildet die vorderen Beine, gibt Tempo und Richtung vor. Die Frau steht für die hinteren Beine, sie läuft mit und passt auf, dass der Elefant nicht stolpert. Was für ein schönes Bild, auch wenn ich nicht glaube, dass das heute noch ein taugliches Rezept ist, um gemeinsam 100 Jahre alt zu werden.

Und Hilde Hefti tanzt mit 98 stets von Mitternacht bis zwei Uhr morgens ...

Brinkbäumer: Auch Hilde Hefti zählt zu den sehr beeindruckenden Menschen. Sie ist so eigenwillig, hat so viel Lebenskraft. Und natürlich Roger Angell. Er beeindruckt mit seiner Reflexionsfähigkeit, auch mit seiner Furcht- und Tabulosigkeit. Nehmen Sie nur das Thema Sexualität im Alter.

Ein sicher schwieriges Thema ...

Brinkbäumer: Viele möchten darüber nicht reden.

Aber man kann sich mit 100 noch verlieben, schreiben Sie ...

Brinkbäumer: Ja, sicher. Aber das ist ein Thema, bei dem uns viele Ältere erzählt haben, dass viele Jüngere die Nase rümpfen. Eine Liebesbeziehung gehört aus der Sicht vieler jüngerer Menschen womöglich nicht zum würdigen Altern. Dabei haben wir es immer wieder erlebt, dass der Tod des Partners oder der Partnerin gerade nach sehr langen Ehen tief und lange betrauert wurde. Danach muss es doch gestattet sein, sich noch einmal zu verlieben – auch wenn die verbleibende Zeit kurz sein mag.

Sie haben nicht nur glückliche alte Menschen besucht. Ein Ehepaar in Wolfsburg etwa war von vielen Gebrechen schon sehr gezeichnet und wollte an vielen Tagen lieber tot sein. Viele hierzulande fürchten sich vor dem Altwerden. Was müssen wir ändern?

Brinkbäumer: Da fällt mir Okinawa ein: Dort im Norden gibt es kein Altersheim. Die alten Menschen leben in ihren Familien, sind in ihre Dorfgemeinschaften integriert. Das können westliche Gesellschaften so nicht leisten. Aber wir müssen darüber nachdenken, wie wir es verhindern können, dass alte Menschen einsam sind, dass sie in Heime abgeschoben werden. Natürlich müssen wir auch dafür sorgen, dass die Gehälter des Pflegepersonals so sind, dass die enorme Leistung anerkannt wird.

Klaus Brinkbäumer.
Bild: Tobias Everke

 

Die Pflege ist ein riesengroßes Thema.

Brinkbäumer: Aber noch immer werden Pflege, Alter, Tod bei uns tabuisiert. Dabei ist es möglich, glücklich, freudvoll, lustig alt zu werden. Anderswo gelingt es. Man kann würdevoller alt werden, als dies in weiten Teilen Deutschlands geschieht. Und unser Pflegesystem ist auf das, was erst noch auf uns zukommt, nicht vorbereitet.

 

Zur Person: Klaus Brinkbäumer, 52, war Chefredakteur des Spiegel und schreibt heute für Die Zeit. Er ist Buchautor und Filmemacher.

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