Missen-Wilhams Viel Worte hat es beim Club von Albert Hirschberger noch nie gebraucht. „Das, was wir hier gesagt haben, war immer ausgemacht“, sagt der 65-Jährige. Hier, das ist Missen im Oberallgäu, ein Dorf mit ein paar hundert Einwohnern, zwölf Kilometer von Immenstadt entfernt. Hier, das ist der Stammtisch vom Verein, bei dem Hirschberger Vorsitzender ist. Seit 40 Jahren, ohne Unterbrechung ist er Vorsitzender des hiesigen Schnauzclubs. Es ist Sonntagvormittag und Albert Hirschberger wartet im Gasthof Scheffler in Missen auf seine Vereinskollegen. Wie in den vergangenen 40 Jahren eben auch. An diesem Tisch wird aber nicht nur das Kartenspiel „Schnauz“ gespielt, sondern auch das Dorfleben geprägt. Seit 40 Jahren, ohne viel Geschwätz. Übrigens weitestgehend auch ohne Schnauzbärte, der Vereinsname geht auf das Kartenspiel zurück.
Der „Schäffler“ in der Ortsmitte ist unverkennbar das Herzstück des Dorfes. Es beherbergt die lokale Brauerei, ein Wirts- und Gasthaus. Und eben den Schnauzclub von Albert Hirschberger. Eigentlich wollten die Mitglieder damals vor 40 Jahren nur einen Grund haben, um sich nicht aus den Augen zu verlieren. Dieser Grund war das Kartenspiel „Schnauz“. Mit der Zeit kamen sie aber dazu, das Dorfleben zu gestalten – vom Stammtisch aus. Losgegangen ist alles damit, dass man in Missen jahrelang keinen eigenen Maibaum hatte. Der Schnauzclub nahm sich der Sache an und stellte ihn daraufhin 30 Jahre lang auf. „Zwei Mal haben wir sogar den Titel des schönsten Maibaums gewonnen“, sagt Albert stolz. Die Fronleichnamsprozession – ein Fall für den Schnauzclub. Der Bau des Schwimmbads, des Kindergartens, der Faschingsumzug – ohne die Schnauzer ging und geht nichts.
Mittlerweile sind die Mitglieder des Vereins am Stammtisch eingetrudelt: Andreas, Seppi, Moggl, Michele, Siegfried, Hans, Fannttuss, Hansjörg, Heini, Benny und eben Albert. Die Bedienung kennt alle beim Namen, der Vorname genügt. „Wir waren gut drauf“, sagt Albert. Dann blickt er aus dem Fenster und lächelt. „Wir sind eigentlich immer noch gut drauf.“
So gut drauf, dass der Schnauzclub zu seiner besten Zeit auch in den meisten Gremien und Posten im Ort vertreten war: Andreas als Leiter des Musikvereins, Albert als zweiter Bürgermeister, Moggl als Schiedsrichter, Benny ebenfalls im Musikverein. Der Schnauzclub war im Chor, im Veteranenverein, bei der Feuerwehr, im Kirchenvorstand, beim Jodelverein.
Frauen sind nicht erlaubt im Schnauzclub
Gerade mal zwei Wechsel hat es seit Bestehen des Clubs gegeben – die waren Ende der 70er Jahre, weil zwei Mitglieder beruflich aus Missen wegziehen mussten. Eigentlich sind junge Mitglieder ohnehin nicht eingeplant gewesen, wie Siegfried zugibt: „Wir sind ein aussterbender Verein, mit Absicht.“ Ob es Wahlen gibt beim Schnauzclub? „Klar gibt es die“, sagt der ewige Vorsitzende Albert. „Die gehen aber immer so aus, wie wir das wollen.“ Soll heißen: Tradition sticht. „Wir sind eine Demokratur“, sagt Fannttuss. Eine Demokratur, die durch die mehrseitige Schnauzordnung aus dem Jahr 1971 legitimiert ist. Elf Regeln geben Auskunft über Sinn und Zweck des Clubs. Jungschnauzer sind nur unter Auflagen erlaubt. Regel Nummer sieben lautet: „Weibern ist das Mitspielen grundsätzlich verboten.“ Siegfried gibt lachend zu: „Es wollte aber auch noch nie eine mitspielen.“
Im Laufe der vergangenen Jahre zogen sich die Herren, die alle mittlerweile etwa 60 Jahre alt sind, etwas zurück. Wer glaubt, dass die Schnauzer im Ort nichts mehr zu sagen haben, täuscht sich: Erst am Nikolaustag hatte Fannttuss seinen Auftritt als Nikolaus. Die Kinder konnten sich von ihm ihre Geschenke abholen, die der Schnauzclub geschnürt hatte. Begleitet wurde er dabei von 30 maskierten Rumpelklosen und Kassenwart Heini, der mit einem Haflingergespann nach Missen einritt. Seit 1988 ist das so.
Wie Fannttuss zum Job als Nikolaus gekommen ist? „Mir wurde gesagt, ich soll es machen“, sagt er. Albert ergänzt: „ Der Fannttuss ist der Jüngste und der Größte. Deswegen ist er der Nikolaus. Da haben wir nicht viel schwätzen müssen.“