Am Montag hatte Bayern Ministerpräsident Seehofer (CSU) gut lachen. Er bewegte sich – abseits des tagespolitischen Parketts und unbehelligt von Atomausstiegsdebatten – ausschließlich unter Lebensrettern. 124 Menschen zeichnete er im Antiquarium der Münchner Residenz entweder mit der Bayerischen Rettungsmedaille oder der Christophorus-Medaille aus. Die Geehrten haben Verwandten, Bekannten oder ihnen völlig fremden Menschen das Leben gerettet – und dabei zum Teil ihr eigenes Leben aufs Spiel gesetzt. Eine lebensbedrohliche Situation kann von einer auf die andere Sekunde entstehen. Dann gilt es, zuzupacken, weiß Sylvie Eder, die vor fast elf Monaten einen Mann bei Schönau (Berchtesgadener Land) aus dem Königssee zog. Ohne ihre Entschlossenheit wäre der Verunglückte – 25 Meter vom rettenden Ufer entfernt – ertrunken.
„Sie haben nicht weggeschaut, nicht abgewartet, nicht gezögert“, lobte der Ministerpräsident die „Helden des Alltags“. Einer der mit der Rettungsmedaille Geehrten war Georg Baur aus Ederheim (Kreis Donau-Ries), der in der Nacht zum Ostersamstag einem Mann in der Berliner U-Bahn das Leben gerettet hatte, als dieser von zwei 18-Jährigen angegriffen wurde. Andere Passanten hatten nicht den Mut, einzuschreiten.
„Es war nur ein Reflex“, berichtete der 21-Jährige gestern in seiner bescheidenen Art. Die Bilder der Überwachungskamera aus der U-Bahn schockierten vor rund einem Monat ganz Deutschland: Ein Mann wird zu Boden geschlagen, einer der Täter tritt ihm vier Mal mit voller Kraft ins Gesicht. Dann nimmt er Anlauf für einen weiteren Schlag. Zu diesem Zeitpunkt reagiert Baur, stürzt sich auf den Angreifer, hält ihn im Schwitzkasten, während der Freund des Täters auf ihn losgeht, ihn von hinten attackiert. Die Täter können zunächst fliehen, stellen sich später der Polizei. Das Opfer überlebt den Angriff nur durch das Eingreifen Baurs. „Ich hätte nicht damit leben können, wenn vor meinen Augen jemand totgeschlagen worden wäre, während ich auf den Boden sehe.“
Neben Baur erhielten 79 weitere Personen die Rettungsmedaille, unter anderem:
Karen Michelke (Ingolstadt): Mit drei weiteren Personen verhinderte sie, dass ein Mann am 28. Mai 2010 an einer Tankstelle in Tutzing ein Inferno auslöste. Die Gruppe überwältigte ihn, als er ausgeschüttetes Benzin anzünden wollte.
Jakob Geßner, der früher in Kissing (Kreis Aichach-Friedberg) lebte und heute in Hamburg wohnt, rettete am 2. Januar 2010 in seiner früheren Heimatgemeinde eine Frau aus einem brennenden Haus.
Friedrich Haag (Lindenberg, Kreis Lindau) befreite mit zwei weiteren Helfern am 19. Dezember 2008 bei Bockenfeld (Kreis Ansbach) einen Mann, der in seinem Auto eingeklemmt war. Unmittelbar nach der Rettung brannte der Wagen komplett aus.
Paul Huber (Ergertshausen, Kreis Neuburg-Schrobenhausen) rettete am 4. Mai 2010 bei Isenhofen einen Mann aus dem brennenden Pkw. Die Hilfsaktion gestaltete sich überaus schwierig, weil der Fahrer durch die eingeatmeten Rauchgase völlig orientierungslos war.
Julian Schweighart zog am 22. Januar 2010 in Augsburg einen Mann aus dem eisigen Stadtgraben und bewahrte ihn vor dem Ertrinken.
Ekaterina Schmidt aus Neu-Ulm ist die Jüngste, die eine Lebensrettungsmedaille bekommen hat. Sie wurde in Abwesenheit geehrt. Die damals 14-Jährige rettete am 24. Juli 2009 in Neu-Ulm ihrer Mutter durch beherztes Eingreifen das Leben. Deren Ehemann drückte infolge eines heftigen Streits seiner Frau ein Kissen auf den Kopf und drohte sie zu ersticken. Die gemeinsame Tochter zog den Vater vom Opfer weg.
Die Christophorus-Medaille verlieh Seehofer am Montag für Rettungstaten unter „besonders schwierigen Umständen“. Lebensgefährlich wurde die Modellfliegerei für den Vater von Raphael Larasser aus dem Kreis Ebersberg, als er durch die Rotorblätter seines Modellhelikopters am 3. April 2010 so verletzt wurde, dass er zu verbluten drohte. Weil eine genaue Ortsangabe nicht möglich war, lief der damals 13 Jahre alte Bub zwei Kilometer dem Rettungswagen entgegen und lotste ihn zur Unfallstelle.
Die Ausgezeichneten aus der Region:
Matthias Bernhard aus Sulzberg (Kreis Oberallgäu) erkannte am 4. September 2008, dass mit seiner Mutter etwas nicht in Ordnung war, und alarmierte sofort die Nachbarn. Die Mutter hatte einen Herzstillstand erlitten. Für Matthias, damals acht Jahre alt, ein überaus umsichtiges Verhalten, lobte Seehofer.
Thomas Albrecht, André Bauer und Andreas-Steffen Werner (alles Weitnau, Kreis Oberallgäu) bewahrten in ihrer Heimatgemeinde am 4. Oktober 2009 einen Mann auf einer Brücke von einem fünf Meter tiefen Sturz.
Christiane Bigusch (Langerringen), Katharina Mess (Langerringen), Benjamin Gharbi (Untermeitingen), Philipp Rieder (Untermeitingen), Andreas Schneider (Schwabmünchen, alle Landkreis Augsburg) sowie Maria und Sebastian Kremer (Kaufering, Kreis Landsberg) retteten einen Mann am 15. Mai 2011 aus Gennach (Kreis Augsburg) aus einem völlig demolierten Wagen.
Paul Lukas (Oy-Mittelberg, Kreis Oberallgäu) war neun Jahre alt, als er am 2. Juli 2009 seine drei und sieben Jahre alten Schwestern aus dem Haus holte, nachdem das Treppengeländer Feuer gefangen hatte. (ioa, daam)
Auszeichnungen Die Rettungsmedaille wird seit dem Jahr 1952 verliehen. Bislang haben sie 3672 Personen erhalten. Die Christophorus-Medaille wurde deutlich später vergeben – erstmals 1983. Bisher sind 1289 Personen damit geehrt worden.