Bayerns Kinder- und Jugendärzte sind in Sorge: Der Berufsverband beobachtet ein wachsendes Geschäft mit unnötigen Eingriffen beim Zungenbändchen. Hierbei handelt es sich um eine Bindegewebsstruktur unter der Zunge, die sie mit dem Boden des Mundes verbindet. Immer häufiger würden Eltern mit der Behauptung konfrontiert, ein Zungenbändchen sei Ursache für Stillprobleme, Koliken, Unruhe, Sprachstörungen, Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen oder ADHS. Gleichzeitig entstünden bundesweit immer mehr so genannte „Zungenbändchenzentren“, die kostenintensive Behandlungen anbieten würden. Nach Angaben des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzt*Innen (BVKJ) Bayern kosten die Behandlungen oft zwischen 800 und 2000 Euro.
Die Eingriffe am Zungenbändchen sind keineswegs harmlos
„Besonders problematisch ist, dass es bis heute keine einheitlichen und wissenschaftlich validierten Diagnosekriterien gibt“, sagt Dr. Dilek Önaldi-Gildein, die Pressesprecherin des BVKJ Bayern. „Trotzdem wird Eltern häufig suggeriert, ihr Kind müsse dringend behandelt werden.“ Man erlebe in den Praxen eine massive Verunsicherung junger Eltern, erklärt auch die Münchner Kinderärztin Dr. Sonja Behrendt. Dabei seien die Eingriffe nicht harmlos – „darunter ein tödlicher Narkosezwischenfall bei einem dreijährigen Kind, schwerste dauerhafte Behinderungen sowie massive Verletzungen der Zunge“. Daher warnt der BVKJ vor einer zunehmenden Überdiagnose und Kommerzialisierung „eines vermeintlich verkürzten“ Zungenbändchens bei Säuglingen und Kleinkindern.
„Nicht jede anatomische Variante ist eine Krankheit“, erklärt Dr. Dominik Ewald, Vorsitzer des BVKJ Bayern. „Wir dürfen nicht zulassen, dass aus der Unsicherheit junger Familien ein lukrativer medizinischer Markt entsteht.“ Vor operativen Maßnahmen sollten aus Sicht des BVKJ Bayern zunächst alle konservativen Möglichkeiten, wie etwa eine qualifizierte Stillberatung, ausgeschöpft werden, „da eine Durchtrennung des Zungenbändchens in den allermeisten Fällen nicht notwendig ist“.
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