Besuch im Lachseminar: Wie man Lachen trainieren kann
München
„Die Glückshormone einfach mal wieder freisetzen“: So hilft Lachen in schweren Lebenssituationen
Cornelia Leisch weiß, wie es sich anfühlt, wenn das Leben nicht mehr läuft. Doch vor 20 Jahren fand sie einen Weg, der ihr hilft. Zu Besuch in ihrem Lachseminar.
Eigentlich ist es doch gar nicht so schwer, weil es in jedem von uns steckt: die Fähigkeit zu lachen.Foto: Kniel Synnatzschke, Westend61/dpa
Beneidenswert. Dieses Beben. Petra liegt auf ihrer Matte am Boden eines doch eher nüchternen Raums im Alten- und Senioren-Zentrum in Schwabing und prustet, schnaubt, gluckst so glücklich vor sich hin, dass man unwillkürlich lächeln muss. Die Wangen sind gerötet, aus den geschlossenen Augen laufen Tränen, die ganze Frau wird durchgeschüttelt und scheint vor allem eines zu sein: völlig losgelöst.
Genau das ist das Ziel, das Lachtrainerin Cornelia Leisch verfolgt: Loslassen. Entspannen. Den Kopf freikriegen. Erreicht wird dieses Ziel in Leischs Lachtraining aber nicht durch künstliche Lachsalven. Es ist vielmehr ein Mix aus Koordinations- und Atemübungen, aber auch Einladungen zum Spiel.
An diesem Samstag in München sieht das dann beispielsweise so aus: Die Kursteilnehmerinnen Petra, Gabi, Anja, Angelika, Anette und Cornelia Leischs Lebensgefährte Matthias gehen locker im Kreis, schlendern aufeinander zu und begrüßen sich lächelnd und händeschüttelnd. Sie pflücken eine imaginierte Blume, ziehen ihren wunderbaren Duft tief ein und schenken sie lächelnd weiter. Sie laufen im Kreis und klopfen dem Gegenüber leicht, aber bestärkend auf die Schulter. Oder sie gehen lässig auf den anderen zu, reißen den Arm hoch, senken ihn wie Gewinner und sagen laut einen sogenannten Wort-Verstärker: „Yes!“
Dass Cornelia Leisch Lachtraining anbietet, ist eine schöne Geschichte. Eine Geschichte darüber, was Lachen bewirken kann. Denn lange Zeit war der heute 65-Jährigen nicht mehr zum Lachen zumute. Im Gegenteil. Ein richtiges Leben sei das damals gar nicht mehr gewesen, erzählt sie am Anfang des Kurses. Sie habe wie ein Roboter gearbeitet. Sich durchgebissen. Durchgehalten. Musste sie auch. Mit zwei Kindern, als alleinerziehende Mutter. „Ich war depressiv“, sagt sie und blickt ernst in die kleine Seminarrunde. Sie suchte sich professionelle Hilfe, machte eine Therapie. Doch den Schlüssel, der ihr Leben wirklich veränderte, der sie zufriedener machte, ausgeglichener, glücklicher, den fand Cornelia Leisch an einer Stelle, wo sie ihn nie vermutet hätte: im Münchner Westpark. An einem Sonntag vor über 20 Jahren.
Ihr erster Gedanke beim Lachtreff: Wo war man da nur hingeraten?
Damals ging sie in ihrer seelischen Not einfach mal zum „Lachtreff“ in den Westpark. Und ja, die ersten Minuten waren seltsam. Befremdlich. Man habe „Hoho-Hahaha“ gemacht, geklatscht, in vielen Gesichtern aber genau gesehen, was man selbst dachte: Wo war man da nur hingeraten? Geht es einem schon so schlecht? Braucht man eine Anleitung zum Lachen?
Die Lachtrainerin Cornelia Leisch (ganz rechts) will, dass die Teilnehmenden ihrer Kurse spielerisch und zwanglos ins Lachen kommen. Ganz links ist ihr Lebensgefährte Matthias.Foto: Daniela Hungbaur
„Nach etlichen Minuten kam aber der Wendepunkt“, erzählt Cornelia Leisch und lächelt jetzt. „Es löste sich etwas tief in mir. Und nach einer Stunde habe ich mich so dermaßen sauwohl gefühlt, so gut ging es mir schon lange nicht mehr.“ Kurzum: Cornelia Leisch ging fortan regelmäßig in den Westpark, sie lernte wieder zu lachen. Und ist heute überzeugt davon, dass ihr das Lachtraining dabei geholfen hat – neben professioneller Therapie –, ihre Depression zu bekämpfen.
Was lag da näher, als andere Menschen auch dabei zu unterstützen, das Lachen als Weg zum Glück zu finden? „Das Lachen steckt doch in uns allen drin, wir müssen die Glückshormone nur einfach mal wieder freisetzen“, sagt Cornelia Leisch in die Runde und strahlt nun richtig.
„Je nötiger die Menschen das Lachen haben, desto größer sind die Hemmungen.“
Cornelia Leisch, Lachtrainerin
Dabei weiß die Lachtrainerin auch: „Je nötiger die Menschen das Lachen haben, desto größer sind die Hemmungen.“ So gesehen, seien die Hemmungen aktuell besonders hoch. Denn dass wir das Lachen mit Blick auf die weltpolitische Lage dringender denn je brauchen, steht für Cornelia Leisch außer Frage.
Doch stimmt das überhaupt? Kann man Lachen lernen? Beziehungsweise trainieren? Und warum ist Lachen eigentlich so gut für uns? Dass Lachen gesund ist, konnten Forscherinnen am Uniklinikum Jena bereits wissenschaftlich bestätigen. So gebe es bereits vielfältige Lachtherapieansätze wie zum Beispiel Lachen als Reaktion auf humorvolle Spiele oder Filme, aber auch simuliertes beziehungsweise angeleitetes Lachen wie beim Lachyoga.
Muskeln werden beim Lachen besser durchblutet, die Schmerztoleranz steigt
Was Lachen sowohl körperlich als auch psychisch auslöst, das kann der bekannte Neurologe Professor Dr. Volker Busch in einem Telefonat erklären. Mit Büchern wie „Kopf hoch“ hat er schon klargemacht, dass er „das gemeinsame Lachen für die stärkste Medizin“ hält. Nur müsse man unterscheiden, warum man lacht, betont der 54-Jährige. Ist es ein wirklich herzhaftes Lachen, tut sich im Körper Beträchtliches: „Da werden dann jede Menge sogenannter Glücksbotenstoffe ausgeschüttet“, sagt der Psychiater. „Die Muskeln werden besser durchblutet und das Blut wird mit mehr Sauerstoff versorgt.“ Auch hätten Studien gezeigt, dass das Immunsystem gestärkt und die sogenannten Killerzellen aktiviert werden: Krankheiten können besser bekämpft werden. Gleichzeitig steige die Schmerztoleranz, Schmerzen würden also weniger stark wahrgenommen.
Der bekannte Neurologe Professor Dr. Volker Busch empfiehlt, Humor zu entwickeln, denn der hilft gerade auch in schwierigen Lebenslagen. Foto: Oliver Reetz, Prof. Dr. Volker Busch
„Psychologisch gesehen“, erklärt Busch weiter, „hilft uns Lachen gerade auch in schweren Lebenssituationen.“ So habe ihm erst kürzlich wieder eine Frau aus der Ukraine erzählt, wie wichtig es für sie und andere war, dass in den U-Bahn-Schächten, in denen die Menschen im Kriegsgebiet Schutz suchen, auch gemeinsam gesungen und gelacht wurde. „Der bekannte Psychiater und Holocaust-Überlebende Viktor Frankl berichtete, dass der sogenannte ‚Lager-Humor’ in den Konzentrationsstätten eine wesentliche Überlebensstrategie war, eine ‚Waffe der Seele’ im Kampf um den Selbsterhalt.“ Denn Lachen verbinde, sagt Volker Busch, es solidarisiere. Gerade das gemeinsame Lachen habe etwas ungeheuer Befreiendes, Wohltuendes.
In den 80er Jahren haben die Menschen im Schnitt noch 18 Minuten am Tag gelacht
Doch um das Lachen, den Humor, scheint es hierzulande nicht gut bestellt zu sein: Deutschland habe bei einer Umfrage, wer als besonders unlustig wahrgenommen wird, den Spitzenplatz ergattert. Und es werde auch tatsächlich immer weniger gelacht, sagt der Neurologe. Hätten Erwachsene in den 80er Jahren noch im Schnitt 18 Minuten am Tag gelacht, seien es heute nur noch sechs. Lachen Kinder im Schnitt etwa 200 Mal am Tag, kommen Erwachsene gerade noch auf circa 20 Mal. Ganz schön traurig alles.
„Humor ist eine spielerische Lebenskunst, mit der ich Dinge wieder in eine Balance bringen kann, indem ich sie ganz bewusst von einer anderen Seite betrachte.“
Professor Dr. Volker Busch, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Autor
Umso wichtiger ist die Frage: Kann man Lachen wieder lernen? „Die Fähigkeit zu lachen geht nie verloren“, betont Volker Busch. Aber es gebe Lebensumstände, die das Lachen erschweren. Psychische Erkrankungen zum Beispiel. Doch gerade beim Tragen schwerer persönlicher Rucksäcke oder in bedrückenden weltpolitischen Zeiten wie den aktuellen könne man mit Lachen und Humor bewusst einen Kontrapunkt setzen. Busch plädiert nicht so sehr dafür, Lachen krampfhaft zu erlernen, davon hält er wenig. Entscheidend ist für ihn vielmehr, Humor zu entwickeln.
Und Humor könne man sich sehr wohl aneignen, etwa indem man Menschen beobachtet, die Humor haben und sie zum Vorbild nimmt. Oder indem man ganz bewusst gerade in schwierigen Lebenssituationen, in Krisen das Komische sucht. Das bedeutet wohlgemerkt nicht, dass man sich über eine schwere Sache lustig macht, oder gar etwas oder jemanden verlacht. Gar nicht.
„Humor ist eine spielerische Lebenskunst, mit der ich Dinge wieder in eine Balance bringen kann, indem ich sie ganz bewusst von einer anderen Seite betrachte. Ich sehe sie nicht mehr aus der Sicht des Leidenden, ich nehme mich selbst nicht mehr so wichtig, sondern gehe bewusst einen Schritt zurück, distanziere mich und erhebe mich damit etwas über die Situation. Das ist die hohe Lebenskunst. Und Humor bewirkt wesentlich mehr noch als das, was ich mit Lachen in meinem Körper auslöse.“
Lachen Kinder im Schnitt etwa 200 Mal am Tag, kommen Erwachsene gerade noch auf circa 20 Mal, eigentlich ganz schön traurig... Foto: drubig-photo, stock.adobe.com
Wobei die Wirkung herzhaften Lachens auch nicht zu unterschätzen ist. Im Seminar von Cornelia Leisch zeigt sich schnell, wer leicht ins Lachen kommt. Petra beispielsweise. Angelika dagegen tut sich schwerer. Was nicht schlimm ist: „Ich fühle mich hier wie ein Schwamm, der das Lachen der anderen aufsaugt und in sich wirken lässt. Das tut total gut“, sagt sie. Anja dagegen beherrscht das spontane Lachen ebenfalls perfekt. Sie will das Lachen aber nicht nur für sich nutzen, wie sie erzählt. Sie arbeitet in der Pflege in einer Klinik. Da sie selbst weiß, wie ihr das Lachen hilft und weil sie schon viel über dessen heilsame Wirkung gelesen hat, will sie sich bei Cornelia Leisch zur Lachtrainerin ausbilden lassen, um auch Patienten zum Lachen motivieren zu können.
In ihrer Arbeit in einem Hospiz kommt sie immer wieder mit Menschen ins Lachen
Dass gemeinsames Lachen auch in wirklich schweren Situationen Erleichterung bringen kann, weiß Petra. Die blonde Frau, die so ansteckend losprusten kann, ist nicht nur bereits Lachtrainerin und frischt ihr Wissen in Kursen wie an diesem Wochenende auf. Sie arbeitet seit Jahren ehrenamtlich in einem Hospiz, wie sie in der Pause erzählt.
Dort mache sie immer wieder die Erfahrung, dass tiefes Mitempfinden bei vielen Menschen über den Körper funktioniere: „Ich sitze mit schwer kranken Menschen oft einfach Kopf-an-Kopf da“, sagt sie. „Oder, ich nehme Leute in den Arm und halte sie.“ In Worte lasse sich der Zustand oft gar nicht mehr fassen. Lösen könne man auch nichts im Angesicht des Todes. Nur eines bleibe: „das gemeinsame Aushalten“. Und auch da erlebe sie es immer wieder, „dass man trotz oder gerade wegen der unfassbaren Last der Lage ins gemeinsame Lachen kommt, was ungeheuer befreiend ist“.
„Ich habe mir gedacht: Was habe ich zu verlieren? Da geh ich jetzt einfach mal hin. Und ich hätte nie gedacht, dass man sich in einer Runde fremder Menschen so schnell so verbunden fühlen kann.“
Robert, 52, Teilnehmer an einem Lachseminar
Männer tun sich allerdings oft schwerer, mit dem Lachen als bewusstes Ventil mal alles hinter sich zu lassen. Das weiß auch Robert. Der 52-Jährige fällt bei einem abendlichen Online-Kurs von Cornelia Leisch auf, weil er einfach so mitreißend lacht. Dabei war auch ihm nicht mehr zum Lachen zumute. Ein Burn-out habe ihm ziemlich zugesetzt. „Mir ging es über Jahre richtig schlecht.“ Ausprobiert habe er viel, um wieder Kraft zu bekommen. Doch erst ein Lachkurs vor etwa zwei Jahren habe eine Befreiung gebracht: „Ich habe mir gedacht: Was habe ich zu verlieren? Da geh ich jetzt einfach mal hin. Und ich hätte nie gedacht, dass man sich in einer Runde fremder Menschen so schnell so verbunden fühlen kann. Man schaut sich in die Augen, klatscht, geht aufeinander zu und hat einfach zusammen Spaß.“
Vor allem, was das körperlich auslöse, fasziniere ihn bis heute: „Ich hatte richtige Lachanfälle und habe dabei erst richtig gespürt, wie unfassbar viel sich in mir angestaut hat. Ich hatte ja schon so lange nicht mehr gelacht. Ich konnte gar nicht mehr damit aufhören“, erzählt er. „Und gefühlt habe ich mich im Anschluss, als wäre ich high. Ich bin da richtig rausgeschwebt.“
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