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Comedian Michael Mittermeier über Blindenfußball und Schwuplattler

Interview

Comedian Michael Mittermeier: „Wenn ich blöd schaue, lachen die Leute“

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    Der Comedian Michael Mittermeier ist ein sehr politischer Mensch. Jetzt im April feierte er seinen 60. Geburtstag.
    Der Comedian Michael Mittermeier ist ein sehr politischer Mensch. Jetzt im April feierte er seinen 60. Geburtstag. Foto: Philipp von Ditfurth, dpa

    Servus, Herr Mittermeier. Hand aufs Herz: Sind Sie eigentlich ein Vereinsmeier?

    MICHAEL MITTERMEIER (ÜBERLEGT ÜBERRASCHEND LANGE, SAGT DANN KURZ UND TROCKEN): nein!

    Sie ahnen den Hintergrund der Frage: Es gibt das neue Format „Comedy auf Bestellung“ im BR-Fernsehen. Es geht dabei ums bayerische Vereinsleben, eine breite Zielgruppe, denn fast die Hälfte der Deutschen ist in Vereinen organisiert. Gehören Sie wirklich keinem Verein an?

    MITTERMEIER: Vor Urzeiten war ich mal im Tischtennisverein. Seitdem ich da ausgetreten bin, bin ich in keinem Verein mehr. Dafür fehlt mir leider die Zeit.

    Kürzlich haben Sie aber Vereinserfahrung sammeln dürfen. Denn für die Fernsehsendung basteln Sie mit drei anderen Comedians passend für einen bayerischen Verein ein Stand-up. Wie darf man sich das vorstellen? Sie sind ja unter anderem beim Blindenfußball in Ingolstadt und den Schwuplattlern in Füssen gewesen.

    MITTERMEIER: Mit denen habe ich jeweils einen Tag verbracht. Und musste dann auch Dinge tun, von denen ich vorher gar nicht wusste, dass sie auf mich zukommen. Ich habe wirklich mit verbundenen Augen Fußball gespielt und Schuh geplattelt. Und aus den Erfahrungen und Gesprächen dieser Tage habe ich quasi Stand-ups gebastelt, wie auch dann meine Kollegen.

    Und wie war die Erfahrung und wie waren am Ende die Stand-ups?

    MITTERMEIER: Das ist schon ein sehr geiles Format. Da muss man auch was abliefern. Also will man auch was abliefern. Aber ich sage es mal so: Ich glaube, da habe ich schon zwei echte Bretter hingelegt.

    Erzählen Sie.

    MITTERMEIER: Leider konnte man nicht das ganze Material verwenden, weil die Stand-ups in der Sendung nur so sechs Minuten lang sind. Ich habe 22 Minuten gespielt. Und das war toll, auch der ganze Prozess. Und es ist eine Gratwanderung. Denn es ist natürlich klar, dass bei einem Blindenfußballverein und den Schwuplattlern die Fallhöhe höher ist als beispielsweise bei einem Verein, in dem bunte Blumen gezüchtet werden. Aber das macht den Reiz aus. Wie weit kann man gehen bei einem Blinden-Witz? Wie weit kann man gehen, auch bei den Schwuplattlern?

    Wie darf man sich das vorstellen? Haben Sie bei so einem Stand-up schon vorab irgendwelche Strukturen im Kopf oder ist da vorher nichts und dann werden Sie sozusagen auf Knopfdruck von der Muse geküsst und Sie legen dann mit einem Pointenfeuerwerk los?

    MITTERMEIER (LACHT): Ich habe mein Leben lang noch keine Struktur im Kopf gehabt. Wenn ich auf etwas schaue, kommen mir im Idealfall viele Ideen und die schreibe ich dann auf. Und so ging es mir auch diesmal. Ich habe mir das Filmmaterial angeschaut und Notizen gemacht. Normalerweise kannst du aber bei einem Programm vorher alles mal testweise ausprobieren, das ging diesmal nicht. Das war dann schon krass - aber es ist, meine ich, gelungen.

    Sie waren beim Blindenfußball und bei schwulen Schuhplattlern – gibt es einen Verein, dem Sie niemals beitreten würden?

    MITTERMEIER: Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Aber ich versuche es mal andersherum: Mein bester und liebster Club ist meine Familie. Und da bin ich schon froh, dass ich da noch Mitglied sein darf, obwohl ich so viel unterwegs bin und nicht immer an den Versammlungen teilnehmen kann (er lacht).

    Ein Verein braucht präzise Regeln, damit alles seine Ordnung hat, ein deutscher zumal. Warum muss es in jedem Verein einen ersten Vorsitzenden, einen zweiten Vorsitzenden, einen Schatzmeister und einen Schriftführer geben, um ein Sommerfest zu organisieren?

    MITTERMEIER: Da fragen Sie den Falschen, weil ich da gar keine Erfahrung habe. Aber ich kann nur sagen: Ich war nur früher manchmal auf Grillfesten der Freiwilligen Feuerwehr und so. Das war immer super. Darum kann ich nur sagen: Es lohnt sich am Ende dann doch. Besser organisiert als Vereine sind in Deutschland nur Flughäfen – (er macht eine Pause). Warten Sie, das nehme ich zurück.

    Können Sie verstehen, warum so viele Deutsche sich in Vereinen organisieren?

    Mittermeier: Selbstverständlich. Ich kann das total nachvollziehen. Bei meinen Besuchen in Ingolstadt und Füssen habe ich so viel Liebe gespürt zwischen den Menschen. Die mögen sich. Ich sehe das auch bei der Familie meiner Frau. Da sind viele in der Feuerwehr aktiv. Auch die mögen einander und machen dann auch privat Dinge zusammen. Denn im Vereinsleben geht es ja nicht nur um die Sache, den Vereinszweck, sondern vor allem auch ums Miteinander. 

    Kann man dann sagen, dass Vereine so eine Art Naturheilmittel gegen die Spaltung der Gesellschaft sind?

    MITTERMEIER: Ich weiß nicht, ob man damit die Spaltung heilen kann, aber ich glaube, dass der Verein zumindest ein kleines Heilmittel ist für viele Menschen, die sagen können: Hey, da fühle ich mich aufgehoben! Da sind Leute, die ich mag, da sind Freunde, und ich kann da etwas tun, das mir Spaß macht. 

    Eigentlich wären Sie doch auch prädestiniert für einen Verein.

    MITTERMEIER: Also ich habe halt den Luxus, dass das, was ich am liebsten mache, nämlich auf die Bühne gehen und die Menschen zum Lachen bringen, mein Beruf ist und gleichzeitig mein einziges und liebstes Hobby.

    Früher haben Sie zumindest noch Gitarre gespielt?

    MITTERMEIER: Dazu komme ich leider viel zu selten. Ich spiele nur mehr random mittlerweile, das ist schade. In der Corona-Zeit war es ein bisschen mehr. Aber egal.

    Sie feiern Jubiläum, denn Sie sind heuer seit 40 Jahren auf Tour.

    MITTERMEIER: Auf der Bühne stehe ich sogar schon seit 50 Jahren. Meine Frau sagt mir oft, du hast den schönsten Beruf der Welt. Und ich muss auch sagen, dass es mich nach wie vor auf der Bühne gibt, das ist schon etwas Besonderes. Es gibt ja gar nicht mehr viele in Deutschland, die so lange unterwegs sind - vielleicht zehn oder 15.

    Sie bekommen für Ihre humoristischen Verdienste im Land den Bayerischen Kabarettpreis. Wie gehen Sie mit solchen Ehrungen um? Wie wichtig ist so ein Preis für Sie? Landet er im Wohnzimmer oder im Keller?

    MITTERMEIER: Ich freue mich sehr über den Preis. Ich kriege ihn ja nicht dafür, dass ich seit 40 Jahren auf Tour bin, sondern dafür, dass ich in der Comedy-Sparte offen Haltung zeige. Denn ich bin ein sehr politischer Mensch, auch immer gewesen. Nicht umsonst habe ich Politik und Amerikanistik studiert. Das machst du nicht, wenn dich das gar nicht interessiert.

    Sie sind kein reiner Wortwitzler, kann man sagen, sondern setzen auch Ihr Gesicht in Ihren Nummern gezielt ein. Was war bei Ihnen zuerst da – die Grimasse oder die Pointe?

    MITTERMEIER: Als ich mit zehn Jahren zum ersten Mal mit meinem Bruder einen Sketch von Karl Valentin gespielt habe, spürte ich sofort, dass das Publikum lachte, wenn ich mein Gesicht verzogen habe. Und ich dachte mir: Okay, wenn ich blöd schaue, dann lachen die Leute. Und das habe ich dann immer wieder so gemacht. Deswegen war, sag ich mal, die Grimasse zuerst da. Irgendwann habe ich dann schon gemerkt, na ja, ich will eine Kombination aus beidem. Ich war immer ein Crossover. Deswegen habe ich vielleicht auch viele Leute angesprochen, die sonst gesagt haben: deutsche Comedy, ich weiß ja nicht. Deswegen konnte ich auch irgendwann ins Ausland gehen.

    Ja, genau. Wie war es für Sie das erste Mal in den Staaten? Fremde Sprache, fremdes Land, vielleicht auch ein anderer Humor – war es für Sie schwierig?

    MITTERMEIER: Das war intensiv. Du musst ja Menschen, die dich nicht kennen, die keine Ahnung haben, wer du bist, für dich begeistern. Meine Englischkenntnisse damals, als ich Anfang der Nullerjahre in New York gewohnt habe, waren noch ausbaufähig. Aber keine Ahnung, trotzdem habe ich hunderte Auftritte gemacht auf offenen Bühnen und am Schluss dann auch in echten Clubs, was sehr nice war. Ich gehe immer gern dahin, wo vorher keiner war. Und damals war ich sicherlich der erste deutsche Comedian ever, der auf Englisch Stand-ups gemacht hat. Und es ist schön, dass aus der nächsten Generation Comedians mittlerweile immer mehr zweisprachig unterwegs sind. 

    Sie waren, bevor Sie in die USA sind, in Deutschland schon eine richtig große Nummer.

    MITTERMEIER: Ja, es konnte damals nach Auftritten bei Festivals wie Rock am Ring oder Rock im Park vor zigtausenden Menschen ja gar nicht mehr größer werden. Und dann bin ich nach New York, um mich weiterzuentwickeln, und bin in Kellern vor 20 Menschen aufgetreten. Und da war ich übrigens mindestens genauso glücklich wie auf den Festivals. Und ich lernte dabei: Es kommt für mich gar nicht darauf an, ob mich der Erfolg verfolgt. Denn das Entscheidende ist etwas, das sich im Inneren eines Künstlers abspielt. Darum ist die Kleinkunst für mich eigentlich genauso wertvoll wie der große Show-Event.

    Ist es also für einen Künstler gar nicht so wichtig, wie viele Leute vor einem stehen?

    MITTERMEIER: Ich glaube tatsächlich, die Erfolgsformel wird oft einfach falsch formuliert. In Deutschland war es ja irgendwann so, dass Erfolg an immer größere Auftritte geknüpft war. Bevor ich meinen Durchbruch hatte, so gegen 1995, war es mein Ziel, dass im Durchschnitt 100 Leute zu meinen Auftritten kommen sollten. Und wenn du 100 im Schnitt jeden Abend hast, dann kannst du damit ja Geld verdienen und davon leben. Was ich sagen will: Es muss gar nicht jeder das große Rad drehen. Im Fußball muss man auch nicht unbedingt beim FC Bayern oder in Barcelona spielen, um Spaß am Fußball zu haben.

    Sie haben am 3. April Ihren 60. Geburtstag gefeiert. Wie haben Sie den begangen: allein im Klo eingesperrt oder auf einer Riesenparty?

    MITTERMEIER: Das war die beste Feier ever! Wir haben eine epische Party gehabt bei uns im Lucky Punch Comedy Club in München. Ich habe quasi die Bude vollgemacht mit Freunden, Weggefährten, und es gab eine Comedy-Show. Dann haben wir gefeiert, bis es hell wurde. Es war krass. Alle waren völlig weggeblasen.

    Für manche Leute ist der 60. Geburtstag ein Grund für eine persönlich Krise. Und für Sie?

    MITTERMEIER: Für mich gar nicht. Ich habe in den letzten sechs Jahren mehr gemacht als jemals zuvor. Das waren, glaube ich, vier Live-Programme und drei Fernsehspecials. Ferner habe ich zwei Bücher geschrieben und zwei Podcasts am Start. Ab 2027 gehe ich mit meinem mittlerweile 17. Live-Programm „Oldboy…sind wir bald da?“ wieder auf Tournee. In Kürze eröffne ich noch meinem zweiten Lucky Punch Comedy Club in Wien. Aber das alles macht mir Spaß. Ich mache die Dinge einfach gerne. Das in Wien ist fast wie ein Geburtstagsgeschenk, weil ich die Stadt einfach liebe. Da gibt es so eine schöne Szene, aber die hat einfach noch keinen großen Platz, einen richtig geilen Ort, eben einen Comedy-Club. Nein, ich kann mich nicht beschweren und habe gar keine Zeit für eine Krise.

    Mal ganz grundsätzlich - darf ein Komiker eigentlich auch weinen?

    MITTERMEIER (LACHT): Wenn ich auf die Bühne gehe und zwei Stunden weinen würde, wäre das schwierig. Wenn ich aber auf der Bühne war und es war ein wahnsinnig toller Auftritt wie damals bei Rock im Park oder auch auf den kleinen Bühnen in New York oder als ich mein erstes Solo gespielt habe, da habe ich schon feuchte Augen gehabt. Das versteht ja jeder. Oder jetzt beim 60. Dass man mir einen so schönen Abend bereitet hat, das hat mich schon berührt. Und da darf man dann auch Tränen zeigen. Aber nur Weinen auf der Bühne würde für ein Programm nicht reichen (er lacht).

    In Ihrem Programm bringen Sie das Publikum trotz der Absurdität oder Tragik mancher Themen des Lebens zum Lachen. Kann man sagen, Ihr Lebensmotto lautet: Lachen, wenn es zum Weinen nicht reicht?

    MITTERMEIER: Das kann man durchaus. Ich glaube halt, dass es wichtig ist, den Wahnsinn des Lebens auch mal abzulachen. Denn Lachen befreit ja bekanntlich. Mark Twain hat gesagt: „Humor ist der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt.“ Oder war es Werner Finck oder Ringelnatz? Egal, das heißt jedenfalls, wenn man über all den Wahnsinn um einen herum lachen kann, dann tut das einem gut. Und das tut auch mir gut. Ich gehe auch gern mal zu Kolleginnen und Kollegen und schaue mir deren Programme an. Wir haben so viele großartige Leute, dass es eigentlich trotz der schwierigen Zeit immer genug zum Lachen gibt.

    Der deutsche Humor wird ja oft kleingeschrieben, beispielsweise im Vergleich zum britischen. Wie sehen Sie das?

    Mittermeier: Also, wenn jemand sagt, dass wir nicht genügend gute Comedians haben, dann hat er keine Ahnung von der Szene. Das ist meine Erfahrung. Und klar gibt es Kritiker, die behaupten, britischer Humor sei besser als der deutsche. Aber nehmen wir einmal die britischen Stand-up-Comedians. Wer ist da? Da kommt dann meist Monty Python, aber die sind schon Jahrzehnte nicht mehr unterwegs. Die meisten, die über die deutsche Szene ablästern, kennen sie nicht.

    Zur Person

    Michael Mittermeier, 60, ist verheiratet, Vater einer Tochter und lebt in München.

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