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Synagoge München: Tränen von Friedrich Merz

Münchner Synagoge

Die Geschichte der Münchner Synagoge bringt Kanzler Merz fast zum Weinen

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    Bundeskanzler Friedrich Merz nimmt am Festakt zur Wiederherstellung der Synagoge Reichenbachstraße teil.
    Bundeskanzler Friedrich Merz nimmt am Festakt zur Wiederherstellung der Synagoge Reichenbachstraße teil. Foto: Sven Hoppe, dpa

    Von außen sieht man dem Haus im Münchner Gärtnerplatzviertel seine aufwühlende Geschichte nicht an: weder das Verbrechen, das sich im Jahr 1970 hier ereignete, noch das Schmuckstück, das sich hinter der Fassade verbirgt. Die Reichenbachstraße 27 ist ein mehrstöckiger Bau, nur Bauzäune und ein Blatt Papier an der gläsernen Eingangstür gaben bis vor Kurzem einen Hinweis darauf, warum am Montagabend Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und eine auch sonst illustre Gästeschar an dieser schmucklosen Adresse erwartet wurden.

    Im Hinterhaus der Nummer 27 versteckt sich die ehemalige Münchner Synagoge. Nach Jahren des Zerfalls erwacht sie nun wieder zum Leben. Bei der Wiedereröffnung sagte Bundeskanzler Friedrich Merz, er wünsche sich, „dass jüdisches Leben in Deutschland eines Tages wieder ohne Polizeischutz auskommt. Wir dürfen uns daran nicht gewöhnen, dass dies nun schon seit Jahrzehnten offenbar notwendig ist.“ Er betonte: „Ich sage von dieser Stelle aus deshalb jeder Form des alten und des neuen Antisemitismus in Deutschland namens der gesamten Bundesregierung der Bundesrepublik Deutschland den Kampf an.“ Während seiner Rede kämpfte Merz offensichtlich mit den Tränen.

    Gebäude mit reicher Geschichte in München

    Ab 1931 beteten hier Jüdinnen und Juden, unterbrochen durch die Verfolgung und Zerstörung im Zweiten Weltkrieg. In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde der einst modernste Sakralbau Münchens verwüstet und entweiht. Unter den Nazis diente das Haus einem Spenglermeister als Werkstatt.

    So sah die Synagoge vor dem Sanierungsbeginn aus.
    So sah die Synagoge vor dem Sanierungsbeginn aus. Foto: Thomas Dashuber

    Nach dem Krieg setzten Shoah-Überlebende das Gebäude so gut es ging wieder instand, bis zur Eröffnung der neuen, größeren Hauptsynagoge im November 2006 blieb das kleine Hinterhof-Gotteshaus das Zentrum des jüdisch-religiösen Lebens in München. Danach verfiel es - bis 14 Jahre später eine jüdische Literaturwissenschaftlerin zufällig durch eins der Fenster sah. Sie heißt Rachel Salamander, hatte als Kind hier jüdische Feste miterlebt und wollte das „unheimlich sinnliche Farberlebnis“ wieder leuchten lassen, von dem ihr jene erzählten, die den Bau in seiner Ursprungsgestalt gekannt hatten.

    Blick in die restaurierte Synagoge an der Münchner Reichenbachstraße.
    Blick in die restaurierte Synagoge an der Münchner Reichenbachstraße. Foto: Sven Hoppe, dpa

    Sieben Menschen starben in der Reichenbachstraße 27

    Sara Elasari hat ein anderes, ein düsteres Kapitel in der Geschichte des Gebäudes miterlebt, in dessen Vorderhaus zeitweise ein jüdisches Wohnheim untergebracht war. Am 13. Februar 1970 kamen viele der rund 30 Bewohnerinnen und Bewohner abends aus der Synagoge, es war Schabbat. Elasari war damals im Studentinnen-Alter, lernte in ihrem Zimmer für das Medizin-Examen, als eine Stichflamme durch ihre Türe schoss. Noch heute erinnert sie sich intensiv an den Brandanschlag, bei dem in ihrem Wohnheim sieben Menschen starben. 55 Jahre ist das her, die Nazi-Ideologie war damals noch in vielen Köpfen, es war die Zeit der linksradikalen Protestbewegungen. Und das Verbrechen ist bis heute ungeklärt.

    Eröffnung der Synagoge in München ist „ganz wichtiges Zeichen“

    Sara Elasari war nie in der Synagoge im Hinterhof. Viele ihrer Familienmitglieder starben im Holocaust. „Ich habe meinen Glauben verloren“, sagt die heute 77-Jährige, die später als Notärztin arbeitete und in Cuxhaven lebt. Sie schaffte es, bei dem Anschlag übers Dach zu entkommen. Die sieben Personen, die sich nicht aus dem Flammenmeer retten konnten, waren Handwerker und Rentner, allesamt jüdisch.

    Das Wohnheim gibt es lange nicht mehr, in dem Nachkriegsbau sind heute Büros untergebracht. Dass aber die Synagoge wieder geweiht wird, freut Sara Elasari. „Sie symbolisiert das Judentum und steht dafür, dass Jüdinnen und Juden in Deutschland einen Platz haben.“ Aus ihrer Sicht ein „ganz wichtiges Zeichen“, wenn sich doch allein in Bayern antisemitische Vorfälle zuletzt innerhalb eines Jahres fast verdoppelt haben.

    Sara Elasari, heute 77, im Jahr des Anschlags.
    Sara Elasari, heute 77, im Jahr des Anschlags. Foto: Sara Elasari

    Die Renovierung der Synagoge, die Rachel Salamander mithilfe eines eigens gegründeten Vereins stemmte, orientiert sich am klaren, nüchternen Bauhaus-Stil von 1931. Ursprungsfarben wurden wieder aufgetragen, den Tora-Schrein ziert ein Originalstoff der jüdischen Bauhaus-Künstlerin Gunta Stölzl.

    Die Sanierung des Architekturjuwels, das wie andere jüdische Einrichtungen rund um die Uhr von der Polizei geschützt werden muss, kostete gut zwölf Millionen Euro. Stadt, Freistaat und Bund übernehmen je 30 Prozent, der Verein steuert die restlichen zehn Prozent bei. Bald soll die Synagoge auch rituell geweiht werden und danach sowohl für Glaubensfeierlichkeiten als auch öffentlich zugänglich sein, für Schulklassen etwa oder bei Konzerten. Rachel Salamander möchte, dass die Synagoge „zu einem der hippsten Orte der Stadt“ wird, trotz aller Widrigkeiten.

    Unauffällig: das Gebäude an der Reichenbachstraße 27.
    Unauffällig: das Gebäude an der Reichenbachstraße 27. Foto: Sarah Ritschel

    Und es gibt noch etwas Neues: 55 Jahre nach dem Brandanschlag in der Reichenbachstraße 27 wird wieder ermittelt. Andreas Franck, Oberstaatsanwalt und Antisemitismusbeauftragter der bayerischen Justiz, bestätigt unserer Redaktion, dass sich im Januar eine Privatperson mit einem neuen Hinweis an ihn wandte. „Die bisherigen Untersuchungen ergaben, dass die verdächtigte Person verstorben ist.“ Täterschaft und Motiv sollen trotzdem geklärt werden. „Sollten sich Hinweise auf noch lebende Tatverdächtige ergeben, würde auch dem nachgegangen.“ (mit dpa)

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