Die gestrickten Pulswärmer mit den Herzchen drauf sind nicht Teil der Verordnung, die die Mitarbeitenden der Behörden im Land gerade zum Frieren verdonnert. Doch die Rechtspflegerin hier am Amtsgericht in Aichach geht nicht mehr ohne sie ins Büro. Manchmal tippt sie auch mit den schwarzen, fingerfreien Handschuhen, die das Gesundheitsmanagement des Amtsgerichts allen hier geschenkt hat. „Und ich nehme, wann immer es geht, die Treppe, bringe Akten gerade auch gerne zu Fuß in andere Stockwerke“, erzählt sie. Alles, um ein bisschen wärmende Bewegung zu haben.
Kalt, manche würden sagen eisig, ist es aber auch im Treppenhaus, das zum Büro von Familienrichter Johannes Jahrbeck führt. Die Heizkörper stehen auf null. Jahrbeck ist im Altbau des Gebäudes beheimatet, dicke Mauern, hohe Decken, Wolljackentemperatur. Der Richter, der gleichzeitig als Pressesprecher fungiert, ist körperlich sensibel geworden in diesen Tagen. „Es ist erstaunlich, wie man wirklich jedes einzelne Grad merkt.“ Auf den Verkehrsflächen, Gängen etwa, werde gar nicht mehr geheizt.
„Dafür gibt es ein ausdrückliches Verbot in der Rechtsverordnung“, sagt er und zeigt auf die entsprechende Seite eines Konvoluts auf seinem Schreibtisch, dessen Titel ziemlich viele Buchstaben des Alphabets zu einem Wortungetüm zusammenzieht: Es ist die Kurzfristenergieversorgungssicherungsmaßnahmenverordnung.
Heizlüfter sind nicht erlaubt. „Man muss mit Kleidung entgegenwirken“, sagt der Richter am Amtsgericht in Aichach
Sie schreibt allen Behörden in Deutschland vor, was sie in Zeiten knapper Energie zu tun haben – und vor allem: zu lassen. Das Thermometer neben Jahrbecks PC zeigt an diesem verschneiten Freitagmorgen 19 Grad Innentemperatur. So wollen es die Maßnahmen für Arbeitsräume in öffentlichen Nichtwohngebäuden. Das Wasser zum Händewaschen sollte kalt bleiben.
„Unsere Mitarbeiter haben wir bereits im Mai aufgefordert, mit dem Strom zu haushalten“, erklärt der Richter. „So, wie man es zu Hause ja auch machen würde.“ Heizlüfter sind nicht erlaubt. „Man muss mit Kleidung entgegenwirken.“ Er hat da einen Vorteil, mit seiner Robe für die Verhandlungen. Doch von den Angestellten habe sich noch kaum einer beschwert, eingehalten würden die Vorgaben auch.
Solange das Thermometer brav im Plusbereich festgetackert ist, kann man ja viel ins Blaue hineinfabulieren, was man denn im Frostfall zu tun gedenke. Aber nun sind die ersten Eisfachtage und -nächte eben da. Jetzt zählt’s, jetzt ist das Realität, was der frühere Bundespräsident Joachim Gauck kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs zur nationalen Aufgabe erhoben hat: „Frieren für die Freiheit“. Energie sparen also, wo es geht, um sich von den russischen Gas- und Öllieferungen loszumachen.
Aber wie umgehen damit? Noch zwei Pullis drüberziehen oder doch in einem unbeobachteten Moment den Heizungsthermostat wenigstens ein Stückerl nach oben drehen? Hieß es nicht kürzlich, die Gasspeicher seien voll? Dann könnte man doch, ein kleines bisschen nur … Gewissen gegen kalte Zehen – fieses Duell.
Was Kälte mit unserem Körper macht – und was wir mit ihm deshalb machen können
Im Büro hat man keine Wahl. Chef oder Chefin weisen an: so viel Grad, maximal, oder eben, siehe oben: Kurzfristenergieversorgungssicherungsmaßnahmenverordnung. Aber zu Hause … Diese Woche hieß es in einer Umfrage des Instituts YouGov, dass fast 90 Prozent der Deutschen seit Beginn der Krise stark oder zumindest teilweise aufs Energiesparen achten. Immerhin, die Absicht scheint weit verbreitet zu sein. Aber gilt das auch, wenn die Gänsehaut zum Dauerzustand wird? An diesem Wochenende soll es in Teilen der Region bis auf minus 17 Grad runterkühlen, bevor dann der obligatorische Vorweihnachtswärmeeinbruch erfolgt.
Was Kälte mit unserem Körper macht – und was wir mit ihm deshalb machen können –, weiß Professor Hanns-Christian Gunga von der Berliner Charité, Zentrum für Weltraummedizin und extreme Umwelten. Das Kälteempfinden sei unterschiedlich ausgeprägt, was unter anderem vom Körperbau, von der jeweiligen Muskel- und Fettmasse abhänge, sagt er. Und vom Stoffwechsel.
Das erkläre, warum es bei gleicher Temperatur in einem Großraumbüro dem einen mollig vorkomme, die andere aber friere. Besonders Frauen frieren schneller, sagt Gunga. Sie hätten in der Regel zwar einen etwas höheren Körperfettanteil als Männer, jedoch dünnere Haut und vor allem weniger Muskelmasse – durch die der Körper Wärme produziert. Zum Beispiel durch Zittern.
Die Wohlfühl-Zimmertemperatur der meisten Menschen liege zwischen 19 und 23 Grad Celsius, sagt Gunga. Wohlfühlen im kalten Großraumbüro? Gunga hat etwas Interessantes festgestellt: Die während der Corona-Pandemie zunehmende Arbeit im Homeoffice habe viele von der Kälte entwöhnt. Wie das? „Durch die relativ gleichförmigen Temperaturen in unseren Wohnräumen, in denen wir uns noch dazu Tag und Nacht aufgehalten haben“, antwortet er.
Man könne sich an eine gewisse Kälte gewöhnen, erklärt Professor Hanns-Christian Gunga - und spricht dann von Kühlhaus-Mitarbeitern
Und jetzt, im Winter 2022: Energiekrise, Appelle zum Sparen, zum Heizung-Runterdrehen. Man könne sich an eine gewisse Kälte gewöhnen, sagt Gunga und spricht von Hochseefischern und, da fröstelt es einen schon beim Zuhören, Kühlhaus-Mitarbeitern. Die hätten ein geringeres Schmerzempfinden an den Händen. Die Durchblutung ihrer Extremitäten mache „stärker zu“, Gefäße verengten sich und verminderten so den Verlust an Körperwärme, die über Hände oder Füße – die Hautoberfläche – abgegeben werde.
Dieser Mechanismus lasse sich trainieren. Es genüge, drei-, viermal pro Woche in die Sauna zu gehen und Wechselbäder zu nehmen, sagt Gunga, und vergisst nicht zu erwähnen, dass man sich hierbei – gerade bei Vorerkrankungen – mit seinem Arzt oder seiner Ärztin besprechen sollte. Weiterer Haken: Das Training der Gefäßregulation erfordert einen längeren Zeitraum. Und, Stichwort Krise: Saunen verschlingen viel Energie.
Gunga hat seine Wohnung auf knapp 19 Grad gedrosselt, das lasse sich aushalten. Schließlich erzählt der Professor noch, dass er eben die Temperatur des Bieres auf seinem Balkon gemessen habe. Bier auf dem Balkon, klar, spart Energie und Platz im Kühlschrank. Geschützt mit einer Decke vor Wind habe das „Tannenzäpfle“ eine Temperatur von 0 Grad. Eher ein „Eiszäpfle“ also.
"Nächste Woche komme ich mit Decke, Wärmflasche und Hut“, schrieb die Grünen-Bundestagsabgeordnete Renate Künast
Wo wir schon in Berlin sind, passt ein Ausruf der Verzweiflung gut ins Bild, der bereits im November auf Twitter zu lesen war. „Sitze mit Mantel und 3. Tasse heißem Wasser – auch zum Händewärmen – im Büro. Ich zweifle, dass das 19 Grad sind. Nächste Woche komme ich mit Decke, Wärmflasche und Hut“, schrieb die Grünen-Bundestagsabgeordnete Renate Künast.
Die Reaktionen waren zahlreich und heftig, Mitleid gab es kaum. Die „Temperaturhöchstgrenze von vorübergehend 19 Grad“ gilt laut der Energieeinsparverordnung des Bundes nun mal an allen Arbeitsstätten in öffentlichen Liegenschaften. Seit Künasts Beschwerde sind die Außentemperaturen noch mal deutlich gesunken – und damit die Laune der Beschäftigten. Denn in vielen Gebäuden des Bundestages wird es zunehmend kälter.
Ein warmer Pullover unter dem Jackett, ein schützender Schal um den Hals – es sind derzeit selbst im Plenarsaal Kleidungsstücke zu sehen, die früher nicht üblich waren. Während die Abgeordneten meist viel in Bewegung sind, trifft es ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter besonders hart. Sie berichten von Raumtemperaturen um die 16 Grad. Im Luisenblock West, ein Neubau mit 400 Büros für Abgeordnete und ihre Teams, wurde es aufgrund eines technischen Fehlers kurzzeitig sogar 14 Grad kalt. Wer sich da etwas Trost aus dem Wasserhahn holen will, wird enttäuscht. Die Büros der Abgeordneten verfügen in der Regel über eigene Waschtische, und bisher lieferten 1800 Durchlauferhitzer dort warmes Wasser. Doch die Geräte wurden abgeschaltet.
Immerhin: Auf den Toiletten und in den Teeküchen gibt es noch warmes Wasser. Wobei die Energieeinsparung ohnehin ihre Grenzen hat: Damit sich keine Legionellen bilden, bleibt die zentrale Warmwasserbereitung in einigen Gebäuden angeschaltet.
Einige Abgeordnete geraten in Wallung, wenn sie nur wenige Meter weiter aufs Kanzleramt blicken
Beim Umbau des Reichstagsgebäudes zum Sitz des Bundestages war es eines der Ziele, den Energiebedarf des Gebäudes so weit wie möglich zu reduzieren. Das scheint gelungen, der Energieausweis beschreibt einen Primärenergiebedarf von 204 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr. Das Gebäude liegt damit deutlich über dem Anforderungswert für einen modernisierten Altbau und nähert sich dem eines Neubaus an.
Doch Besucherinnen und Besucher erleben auch die andere Seite. Der Neubau des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses etwa hat zwar nur einen Primärenergiebedarf von 95 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr. Der Anteil für die Heizung ist jedoch auffallend hoch, was an der großzügigen Architektur liegen dürfte. Das 2003 fertiggestellte Abgeordnetenhaus hat viel umbaute leere Fläche, unter anderem ein Veranstaltungsfoyer von der Größe einer Dorfkirche mit riesigen Glasflächen nach außen. Es wird wenig genutzt und muss trotzdem warmgehalten werden.
Einige Abgeordnete geraten angesichts vergleichsweise niedriger Temperaturen in Wallung, wenn sie nur wenige Meter weiter aufs Kanzleramt blicken. Es ist nicht zuletzt aus Sicherheitsgründen bis in die späte Nacht hell erleuchtet und erweckt den Eindruck von Heimeligkeit. Die Weihnachtslichter der Fichte im Ehrenhof verbrauchen nach Regierungsangaben 287 Watt Strom pro Stunde. Es sind 82 Elemente zu je 60 Leuchtdioden verbaut, insgesamt also 4920 Lichtlein. Jedes der 82 Elemente wiederum zieht 3,5 Watt Strom, und das für einen begrenzten Zeitraum: Der Weihnachtsbaum wird nur in der Zeit zwischen 16 Uhr und 20 Uhr beleuchtet.
Bundeskanzler Olaf Scholz und die Rechtspflegerin am Amtsgericht sind im Frieren vereint
Zurück in Aichach zieht Familienrichter Johannes Jahrbeck seine Strickjacke mit den hölzernen Knöpfen zurecht. Obwohl er gleich wieder ins kalte Treppenhaus raus muss, hält er die Temperaturregulierung für vertretbar. Darin sieht er kurzfristig das größte Sparpotenzial, langfristig in der Photovoltaikanlage, die seit 2021 auf dem Dach installiert ist. „25 Prozent des Stroms, den wir verbrauchen, erzeugen wir über das Jahr gerechnet mittels der Anlage selbst. Dadurch sind die Stromkosten erheblich gesunken – und jetzt zahlt sich natürlich besonders aus, dass wir ein Stück weit unabhängig sind.“
Die Gebäudeteile in Aichach stammen aus verschiedenen Jahrzehnten, entsprechend herausfordernd ist es mit der Isolierung. Jahrbeck hofft, dass sie von Schimmel verschont bleiben. „Ob es bautechnisch so sinnvoll ist, manche Räume gar nicht mehr zu heizen, ist die Frage. Die Gesetzeslage ist insoweit jedoch eindeutig.“ Und sie wirkt bis ganz nach oben. Bundeskanzler Olaf Scholz und die Rechtspflegerin hier im Amtsgericht mögen zwar in der Pyramide der Verwaltungsebenen ziemlich viele Stufen trennen, aber im Frieren sind sie vereint: Auch Scholz’ Thermometer zeigt in diesen Tagen kühle 19 Grad.