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Frühjahrsmüdigkeit: Gibt es das Phänomen wirklich? Das sagen Experten

Rätselhaftes Phänomen

Schlapp und antriebslos: Gibt es Frühjahrsmüdigkeit wirklich?

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    Die Sonne kommt – und damit auch die Müdigkeit. Das Phänomen der sogenannten Frühjahrsmüdigkeit ist weitverbreitet.
    Die Sonne kommt – und damit auch die Müdigkeit. Das Phänomen der sogenannten Frühjahrsmüdigkeit ist weitverbreitet. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/ dpa (Symbolbild)

    Wie schön, der Frühling kommt! Doch statt neue Energie zu verspüren, fühlen sich viele Menschen schlapp und antriebslos. Oft fällt dann ein Begriff: Frühjahrsmüdigkeit. Das Phänomen gilt als weit verbreitet, doch eindeutig wissenschaftlich belegt ist es nicht. Einer neuen Schweizer Studie, die im Fachjournal Journal of Sleep Research erschienen ist, zufolge könnte Frühjahrsmüdigkeit sogar nur ein Mythos sein. Was also steckt dahinter? Wir haben Experten gefragt.

    Was ist Frühjahrsmüdigkeit?

    „Darunter versteht man kein klar definiertes medizinisches Krankheitsbild oder eine Diagnose“, sagt Prof. Dr. Jörg Schelling, Beauftragter für Forschung und Lehre im Vorstand des Bayerischen Hausärztinnen- und Hausärzteverbands. In der Praxis berichteten Patientinnen und Patienten zwar gelegentlich über Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Konzentrationsprobleme sowie manchmal auch über Schwindel oder Kopfschmerzen. Als eigentlicher Beratungsanlass komme das jedoch selten vor, sagt der Hausarzt, der in Martinsried im Landkreis München praktiziert. Ähnlich bewertet der Chronobiologe Manuel Spitschan von der Technischen Universität München (TUM) das Phänomen. „Der Begriff ist vor allem im deutschsprachigen Raum verbreitet und beschreibt eine subjektiv empfundene Phase von verminderter Leistungsfähigkeit und erhöhter Erschöpfung im Alltag.“

    Gibt es dafür wissenschaftliche Erkenntnisse?

    „Es existieren zahlreiche Hypothesen, um das Phänomen zu erklären“, sagt Christine Blume von der Universität Basel der Deutschen Presse-Agentur. „Aber es hat nie jemand überprüft, ob es überhaupt existiert.“ Deshalb startete ihr Forschungsteam vor zwei Jahren die neue Studie, eine Online-Befragung. Dabei machten 418 Menschen über ein Jahr hinweg alle sechs Wochen Angaben zu ihrem Schlaf und ihrem Müdigkeitsempfinden. Knapp die Hälfte der Befragten gab an, selbst von Frühjahrsmüdigkeit betroffen zu sein. Die regelmäßigen Befragungen im Jahresverlauf bestätigten dieses Gefühl jedoch nicht: Weder zeigte sich im Frühjahr eine stärkere Erschöpfung, noch eine erhöhte Tagesschläfrigkeit oder eine schlechtere Schlafqualität. Hausarzt Schelling überrascht das Ergebnis nicht. „Frühjahrsmüdigkeit ist eher ein populärer Begriff als eine klar definierte Diagnose“, sagt er. Viele der beschriebenen Beschwerden ließen sich auch durch andere Faktoren erklären.

    Was sind mögliche Gründe für Frühjahrsmüdigkeit?

    Eine mögliche Erklärung sieht Schlafforscherin Blume in der großen Bekanntheit des Begriffs. Gerade weil er so verbreitet ist, könnten Menschen ihre eigenen Empfindungen leichter damit in Verbindung bringen. Psychologen sprechen hier vom Labeling-Effekt: Wein schmeckt Menschen etwa besser, wenn ihnen zuvor gesagt wird, dass er besonders teuer war. „Das hat viel mit unserer Erwartungshaltung zu tun“, erklärt die Forscherin. „Wenn ich erwarte, dass ich im Frühjahr müde bin, verändert das auch meine Interpretation solcher Symptome.“

    Für Chronobiologe Spitschan spielen zudem Veränderungen im Alltag eine Rolle. „Längere Tage, mehr Aktivitäten und bei vielen Menschen auch etwas weniger Schlaf“, zählt er auf. Hinzu kämen mögliche Allergien, Infekte oder Stress. „Zudem ist die Fitness nach einem teilweise bewegungsarmen Winter oft reduziert“, ergänzt Schelling.

    Welche Faktoren spielen eine Rolle?

    Das zunehmende Tageslicht kann hormonelle Rhythmen verändern, sagt Hausarzt Dr. Schelling. Gleichzeitig begünstigen Wetterumschwünge Kreislaufbeschwerden oder Blutdruckschwankungen. Auch die Zeitumstellung störe den Schlafrhythmus oft kurzfristig. Manche Menschen reagieren wohl sensibler auf solche Veränderungen, erklärt Spitschan. Eine Rolle spielen dabei unter anderem der Chronotyp, also ob jemand eher Früh- oder Spättyp ist, sowie Schlafqualität, Alter und mögliche Vorerkrankungen. „Insgesamt handelt es sich meist um ein Zusammenspiel mehrerer biologischer und verhaltensbezogener Einflüsse“, sagt der Chronobiologe.

    Was kann ich dagegen tun?

    Sinnvoll seien - wie in jeder Jahreszeit - regelmäßige Bewegung im Freien, ausreichend Schlaf, eine ausgewogene Ernährung und eine strukturierte Tagesroutine. „Wenn Müdigkeit länger anhält oder sehr stark ausgeprägt ist, sollte man hausärztlich abklären lassen, ob medizinische Ursachen dahinterstecken“, sagt Schelling.

    Außerhalb des deutschsprachigen Raums ist das Phänomen übrigens kaum bekannt. Blume bestätigt das: „Wenn ich Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern davon erzähle, staunen die.“ In der englischsprachigen Welt kursiert stattdessen der Begriff „spring fever“. Dieses „Frühlingsfieber“ wird allerdings nicht mit Müdigkeit und Erschöpfung in Verbindung gebracht, sondern eher mit erhöhter Energie und Vitalität. (mit dpa)

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