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Hier wohnt Lasse: Auch in Bayern greift der Hype um den Wichtel und seine Streiche um sich

Weihnachten

Hier wohnt Lasse: Auch in Bayern greift der Hype um den Wichtel um sich

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    Hier hat der Wichtel sein Zuhause: Eine kleine Holztür mit eigenem Postkasten, Besen und Leiter. Mit kleinen Briefen und Scherzen sorgen die Wichtel in vielen Familien einen gewissen Zauber in der Adventszeit.
    Hier hat der Wichtel sein Zuhause: Eine kleine Holztür mit eigenem Postkasten, Besen und Leiter. Mit kleinen Briefen und Scherzen sorgen die Wichtel in vielen Familien einen gewissen Zauber in der Adventszeit. Foto: Hendrik Schmidt, dpa

    Eigentlich haben Weihnachtswichtel hierzulande nordische Namen. So wie Lasse, Nils oder Ylvi. In Straßlach, südlich von München, gibt’s einen, der sich Xaver schimpft. „Unserer ist halt bayerisch“, sagt Saskia Bauch über den unsichtbaren Mitbewohner, der gerade in ihrer Wohnzimmerwand hinter einer klitzekleinen Tür, der Wichteltür, haust.

    Immer kurz vor dem 1. Dezember zieht Xaver bei der alleinerziehenden Mutter und ihren Söhnen Luca (11) und Nick (8) ein. Nachts treibt er Schabernack, macht schon mal die Küche dreckig und friert Zahnbürsten im Zahnputzbecher ein. Oder er schreibt den Buben Briefe und versucht sie zum Lesen zu animieren, indem er all ihre Bücher übereinanderstapelt. Am 24. Dezember verschwindet Xaver wieder – und mit ihm die Wichteltür.

    Wichtel wie Xaver erobern derzeit immer mehr Wohnungen, vor allem bei Familien mit kleinen Kindern. Jede Familie handhabt ihre Wichtel-Geschichte ein wenig anders: Bei den meisten sind die Wesen unsichtbar, es gibt aber auch Wichtelpuppen und wahlweise Elfen.

    Xaver hat einen Vorgarten mit Postkasten, Skiern und Zeitung

    Saskia Bauch hat die Weihnachtswichtel vor drei Jahren auf Social Media entdeckt. „Damals waren die noch nicht so trendig.“ Inzwischen gibt’s Wichteltüren schon beim Discounter zu kaufen inklusive passendem Zubehör, das sich drumherum aufstellen lässt. Auch in Xavers Vorgarten stehen allerlei niedliche Dinge: ein Postkasten in Miniatur, zwei Mini-Skier, eine klitzekleine Zeitung. Die Kulisse wechselt täglich wie von Zauberhand.

    Xavers Welt begeistert Luca und Nick, die nach wie vor fest daran glauben, dass es den unsichtbaren Wichtel wirklich gibt. „Manchmal frage ich mich aber schon, was ich mir da angetan habe“, sagt die Arzthelferin, die 30 Stunden die Woche arbeitet. Die täglichen Vorbereitungen laufen erst, wenn die Kinder im Bett liegen – und das in der ohnehin stressigen Weihnachtszeit. „Aber es macht Spaß und es toll, die Kinder zum Lachen zu bringen“, sagt die 36-Jährige.

    Die Wichtelwohnung im Wohnzimmer: Hier gibt‘s allerlei zu entdecken.
    Die Wichtelwohnung im Wohnzimmer: Hier gibt‘s allerlei zu entdecken. Foto: Oliver Merz

    Dass Wichtel längst nicht zu allen Familien passen, sagt Grundschulpädagogin Saskia Niechzial aus Hannover. „Wenn ich gewusst hätte, was der Wichtel für uns als neurodivergente Familie bedeutet, würde ich das so nicht noch einmal machen“, sagt die Autorin und Bloggerin. Für neurodivergente Kinder, also Kinder mit Diagnosen wie ADHS, können Heimlichkeiten zum Problem werden, so Niechzial. „Bei uns kamen Nachfragen wie: Ist das jetzt eine tragende Wand, in der der Wichtel wohnt? Stürzt unser Haus ein?“ Die nächtlichen Scherze machten den Kindern eher Angst. „Was, wenn der Wichtel auch an meine Sachen geht?“, fragten sich die Kinder.

    Wenn man dennoch nicht auf einen Wichtel verzichten möchte, empfiehlt Niechzial, in der Familie über den Wichtel zu sprechen. Je nach Familie kann es auch sinnvoll sein, von Anfang an mit offenen Karten zu spielen. Der Moment der Auflösung komme früher oder später zwangsläufig. Manche Streiche hält die Pädagogin auch für bedenklich. Was möchte man Kindern vermitteln, wenn der Wichtel Löcher in Socken schneidet oder Lebensmittel verschwendet. Für ihre Familie hat Niechzial eine gute Lösung gefunden: Die Wichteltür und die Accessoires davor gibt es nach wie vor, dafür aber keine Scherze mehr.

    Aus Skandinavien kommt der Wichtel tatsächlich nicht

    Handelt es sich beim Wichtel-Trend wirklich um einen „skandinavischen Brauch“, wie es immer wieder behauptet wird? „Das stimmt leider nicht“, sagt Juliane Egerer von der Universität Augsburg. Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin hat sich in ihrer Doktorarbeit „Von Waldtrollen und Hauszwergen“ mit der Diskursgeschichte übernatürlicher Wesen in Norwegen befasst, darunter auch mit dem norwegischen „Nisse“ (zu deutsch etwa „Wichtel“). Sie sagt: „Der Trend in Deutschland hat nichts oder allenfalls nur sehr, sehr wenig mit den Wichteln aus dem skandinavischen Volksglauben zu tun.“

    Ursprünglich komme der Hype aus den USA. Dort erschien 2005 das Kinderbuch  „The Elf on the Shelf. A Christmas Tradition“, in dem es um Elfen geht, die in der Vorweihnachtszeit das Verhalten der Kinder beobachten und Santa Claus darüber berichten. Rund um das Kinderbuch habe sich eine eigene, von Anfang an auf Kommerz ausgerichtete Industrie etabliert, sagt Egerer. Die rot-bekleideten Elfenpuppen sieht man mittlerweile rund um die Welt. So auch in Skandinavien und Deutschland, allerdings in jeweils abgeänderter und kulturell angepasster Form. Die Unsichtbarkeit der Wichtel wertet Egerer als typisch deutsches „Heinzelmännchen-Feature“.

    Zwar stecke in Deutschland hinter dem Wichtel-Trend (noch) keine eigene Marke. Allerdings sei es auch hierzulande gelungen, „ein Bedürfnis bei den Menschen zu produzieren, sodass es mehr und mehr Nachfrage nach Wichteln und nach Wichtel-Accessoires auf dem Markt gibt.“ Aus wissenschaftlicher Sicht werden die „The Elf on the Shelf“-Industrie und ihre Ableger bereits seit 2013 kritisch hinterfragt.

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