Startseite
Icon Pfeil nach unten
Bayern
Icon Pfeil nach unten

Hochbegabung: Vier Menschen mit IQ über 130 erzählen ihre Geschichte

Intelligenz

„Ich diskutierte über Astrophysik statt Nagellack“: Vier Hochbegabte erzählen, wie sie merkten, dass sie schlauer sind

  • |
  • |
  • |
  • |
    Auf verschiedenste Art und Weise registrierten diese vier Menschen, dass sie hochbegabt sind.
    Auf verschiedenste Art und Weise registrierten diese vier Menschen, dass sie hochbegabt sind. Foto: Johannes Kiser

    Rund zwei Prozent der deutschen Bevölkerung haben einen IQ über 130. Damit sind ganze 1,7 Millionen Menschen in Deutschland hochbegabt. Mensa, der größte Verein für Hochbegabte, ermöglicht all jenen, sich zu vernetzen und mit Gleichgesinnten in Kontakt zu treten. 18.000 Personen sind bereits Mitglied und viele kommen aktuell auf dem Jahrestreffen in München zusammen. Wir haben uns mit vier von ihnen darüber unterhalten, wie es war, als der IQ-Test den Durchschnittswert bei Weitem übertraf.

    Sarah Elizabeth Riemann, 28: „Hochbegabung äußert sich dadurch, dass man innerhalb kurzer Zeit Muster erkennen und fortsetzen kann“

    Sarah Riemann erzählte in der Schule nur den wenigsten von ihrem hohen IQ. Zu groß war die Angst vor negativen Reaktionen.
    Sarah Riemann erzählte in der Schule nur den wenigsten von ihrem hohen IQ. Zu groß war die Angst vor negativen Reaktionen. Foto: Johannes Kiser

    „Ich war 16, als bei mir die Anzeichen für eine Hochbegabung klar erkennbar wurden. Wir hatten damals eine Vertretungsstunde und der Lehrer gab uns als Zeitvertreib recht schwere Aufgaben, die in Richtung IQ-Test gingen. Da sich Hochbegabung dadurch äußert, dass man innerhalb kurzer Zeit Muster erkennen und fortsetzen kann, war es ein einfaches Rätsellösen für mich. Kurz darauf machte ich den offiziellen Test, der den Verdacht bestätigte: Mein IQ lag über 130. Und so habe ich durch reinen Zufall erfahren, was in mir steckt.

    Wobei ich schon in der Schule merkte, dass mir Klausuren leichter von der Hand gehen als anderen. Und ja, ich hatte meinen Ruf als Streberin, aber an eine Hochbegabung dachte ich nicht. Einige Lehrer allerdings schon. Die hatten den Eindruck, dass ich lieber mit dem Kollegium befreundet wäre als mit Gleichaltrigen. Wenig verwunderlich, denn ich diskutierte über Astrophysik, während sich die Mitschülerinnen mit Nagellack beschäftigten. Glücklicherweise wurde ich deshalb nie gemobbt und ich konnte meinen Weg gehen. Heute mache ich meinen Doktor in Philosophie und habe zusätzlich ein Mathelehramtsstudium absolviert.“

    Bao Trung Le Nguyen, 34: „Wir machen genauso viele Fehler, nur manchmal andere“

    Löste nach einem Nickerchen eine schwere Gleichung an der Tafel: Bao Trung Le Nguyen reicht nur ein kurzer Blick, um komplizierte Aufgaben zu bewältigen.
    Löste nach einem Nickerchen eine schwere Gleichung an der Tafel: Bao Trung Le Nguyen reicht nur ein kurzer Blick, um komplizierte Aufgaben zu bewältigen. Foto: Johannes Kiser

    „Mir wurde der IQ-Test quasi untergeschoben und so fand ich durch ein Einstellungsgespräch heraus, dass es bei mir etwas anders ist als bei den meisten. Eigentlich habe ich mich damals nach meinem mittelmäßigen Realschulabschluss als Mechatroniker beworben. Nach dem Gespräch samt Einstellungstest riefen sie mich an und sagten mir, dass es als Mechatroniker keinen Platz für mich gibt. Ich wollte schon auflegen, doch dann fragten sie: ,Weißt du, was ein Fachinformatiker macht?‘ Ich wusste es nicht, darauf sagten die nur: ,Komm am Mittwoch zum Bewerbungsgespräch vorbei.‘

    Die hatten mit mir also tatsächlich eine Art IQ-Test gemacht und so bin ich zu meinem ersten Job gekommen. Nach sechs Jahren in der Firma wurde mir langweilig und ich ging an die Uni. Letztlich war es dann mein Informatik-Dozent, der mich ermutigte, einen offiziellen Test zu machen. Erst wollte ich nicht, aber 2022 habe ich ihn gemacht und wusste, dass ich hochbegabt bin. Plötzlich ergab mein ganzes Leben Sinn. Der Informatik bin ich dann auch treu geblieben und arbeite bis heute in der Branche. Unfehlbar bin ich aber keineswegs. Wir machen genauso viele Fehler, nur eben manchmal andere.“

    Stefanie Geisbusch, 61: „Ich war als einziges Mädchen im Mathematik- und Physikleistungskurs“

    Wurde von den Lehrern oft nicht ernst genommen: Stefanie Geisbusch hatte während der Schulzeit mit klassischen Klischees zu kämpfen.
    Wurde von den Lehrern oft nicht ernst genommen: Stefanie Geisbusch hatte während der Schulzeit mit klassischen Klischees zu kämpfen. Foto: Johannes Kiser

    „Bei mir ist es erst drei Jahre her. 2023 änderte sich der Blick auf mein Leben schlagartig und ich konnte es nicht glauben, dass ich so einen hohen IQ habe. Wobei ich das Lebensgefühl ‚Ich bin anders als die anderen‘ schon immer hatte, nur habe ich ständig versucht, mich anzupassen. In den 70er Jahren als Gymnasiastin war man still, brav und ließ vieles über sich ergehen. Ich war damals als einziges Mädchen im Mathematik- und Physikleistungskurs. Meine Noten waren gut und damit hat doch alles gepasst. Ich selbst habe mir über eine Hochbegabung keine Gedanken gemacht. Ich kam optimal durchs Abi, brach ein Studium ab und wurde erstmals Mutter. Doch das war mir irgendwann zu wenig.

    Ich begann ein Fernstudium der Elektrotechnik und lernte die Nächte durch. Ich merkte, dass mir Mathematik liegt, da ich beim Spülen Integrale im Kopf lösen konnte. Außerdem wusste ich beim Hörbuch hören, wie der nächste Satz im exakten Wortlaut heißt. Das waren auf jeden Fall Anzeichen. Schließlich aber kam die Begabung erst 2023 ans Licht. Aufgrund schwerer Depressionen nahm ich an einer Studie teil. Da wurden psychomotorische Tests gemacht, bei denen ich verdammt schnell antwortete. Es folgte der positive IQ-Test, der in mir jedoch mitunter Trauer hervorbrachte, da ich gerne früher gewusst hätte, was los ist und ich mir so vielleicht viele Dinge hätte ersparen können.“

    Paul Hellerforth, 51: „Ich leide unter Prüfungsangst und schob die Prüfung vor mir her“

    Paul Hellerforth kam durchs Abitur, ohne jemals Hausaufgaben gemacht zu haben. Im Studium musste er dann allerdings das Lernen neu lernen.
    Paul Hellerforth kam durchs Abitur, ohne jemals Hausaufgaben gemacht zu haben. Im Studium musste er dann allerdings das Lernen neu lernen. Foto: Johannes Kiser

    „Wenn ich ehrlich bin, habe ich einfach sehr gerne Logikrätsel gemacht und vor allem gelöst. Eine Freundin brachte mich schließlich auf die Idee, doch mal auf der Website von Mensa ein Rätselset zu machen. Gesagt, getan. Danach schlugen sie mir vor, einen echten Test zu machen. Allerdings leide ich unter Prüfungsangst und schob die Prüfung vor mir her. Na ja, bis vor fünf Jahren, da konnte ich mich überwinden. Ich wollte da einfach nicht durchfallen oder nicht unter die 130 kommen. Hätte ich es nicht geschafft, dann würde ich mich jetzt selbst als ziemlich eingebildeten Mensch bezeichnen.

    Der Aha-Effekt nach dem Test war dann schon enorm. Alles fügte sich zusammen. Bei mir ist jedoch eigentlich das Interessante, dass meine Frau den Test wohl ebenfalls schaffen würde. Deswegen sind wir wahrscheinlich auch zusammen. Mir war dahingehend Intelligenz immer am wichtigsten, deshalb haben wir uns auch gefunden. In diesem Fall braucht man eine ebenbürtige Sparringspartnerin.“

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein

    Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.

    Anmelden

    Sie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren