Daten der Betriebskrankenkassen (BKK) zeigen, wie es um die Gesundheit der Menschen in Bayern bestellt ist. Unsere Redaktion hat die Zahlen in Kooperation mit dem Bayerischen Rundfunk (BR) exklusiv ausgewertet. In fünf Folgen gehen wir auf einzelne Krankheitsbilder näher ein. Folge 1: Atemwegserkrankungen.
Alles hustet. Und schnieft und liegt flach. Was man allenthalben sieht und hört, bestätigt das Robert Koch-Institut: Die Aktivität akuter Atemwegserkrankungen sei „weiter deutlich gestiegen“ und liege derzeit auf einem hohen Niveau, heißt es von dort. Etwa 7,2 Millionen Menschen leiden demnach aktuell an einer akuten Atemwegserkrankung. Hauptverursacher seien Corona- und Rhino-Viren, letztere lösen die klassische Erkältung aus. Auch Grippeviren zirkulieren immer öfter, der Beginn der Grippewelle deute sich an, so das RKI.
Das ist die aktuelle Lage, eine, wenn man so will, nicht allzu unübliche für die kalte Jahreszeit. Daten der Betriebskrankenkassen (BKK), die unsere Redaktion analysiert hat, erlauben indes auch den Blick zurück, auf die Jahre 2016 bis 2024, und dabei zeigt sich: Die Krankschreibungen wegen Atemwegserkrankungen liegen seit 2022 deutlich höher als in den Jahren zuvor. In Zahlen ausgedrückt: Während 2016 ein BKK-Mitglied im Schnitt an 2,3 Tagen wegen Erkrankung der Atemwege ausfiel, waren es 2022 mehr als doppelt so viele Tage, nämlich 4,9. 2023 und 2024 sank die Zahl wieder etwas, pendelte sich mit 3,8 bzw. 3,9 Tagen aber über dem Niveau der Vorjahre ein, das stets unter drei Tagen lag. Besonders niedrig war der Wert im Jahr 2021, als in Deutschland strikte Infektionsschutzmaßnahmen wegen der Corona-Pandemie galten.
Corona-Pandemie hat die Beschäftigten sensibilisiert
Neben der Pandemie, dem offensichtlichsten Grund, gibt es noch andere Erklärungen für die starke Zunahme, vor allem im Jahr 2022. „Eine wesentliche Ursache für den Anstieg der Fehlzeiten ist die Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung Ende 2021“, sagt Isabelle Oehse, Referentin für Datenanalytik und Gesundheitsberichterstattung beim BKK-Dachverband. Heißt: Was vorher die Versicherten selbst erledigen mussten – nämlich den sogenannten „gelben Schein” an ihre Krankenkasse zu schicken –, passiert nun elektronisch. Dadurch sei die Erfassung von Arbeitsunfähigkeitsdaten deutlich genauer geworden.
Es gibt aber noch weitere Gründe für die gestiegenen Zahlen. „In den letzten drei Jahren gab es vergleichsweise starke Grippe- und Erkältungswellen, wie unsere Daten bestätigen“, sagt Oehse. Und natürlich spiele es auch eine Rolle, dass Beschäftigte durch die Corona-Pandemie stärker sensibilisiert seien und sich eher krankmeldeten, um Kolleginnen und Kollegen nicht anzustecken.
Telefonische Krankschreibung lässt Ausfalltage nicht steigen
Ein Vorurteil räumt Oehse vom BKK-Dachverband allerdings aus: „Einen Zusammenhang zwischen hohen Krankenständen und der telefonischen Krankschreibung, wie er aus der Industrie und Wirtschaft öfter mal zu hören ist, bestätigen unsere Daten nicht. Wir finden keinen Beleg dafür, dass die telefonische Krankmeldung missbräuchlich genutzt wird.“
Die ausgewerteten Zahlen zeigen zudem ein eindeutiges Nord-Süd-Gefälle. Im Norden des Freistaats fallen die Menschen deutlich häufiger wegen Atemwegserkrankungen aus als im Süden. Der niedrigste Wert wurde im niederbayerischen Landkreis Rottal-Inn gemessen - der höchste allerdings überraschenderweise auch im Süden, und zwar in Kaufbeuren. Die Stadt schert damit aus, denn in der Gegend rund um Kaufbeuren ist die Zahl der Krankmeldungen deutlich niedriger.
Menschen, die in sozialen Dienstleistungen arbeiten, infizieren sich häufiger
Wie sind solche Besonderheiten zu erklären? „Gesundheit ist nicht allein das Ergebnis individueller Faktoren. Mindestens ebenso entscheidend sind strukturelle und regionale Bedingungen“, erklärt Oehse. „So hat beispielsweise der Wohnort und das dortige Arbeitsangebot einen enormen Einfluss auf die Gesundheit der Menschen.“ Regionen, in denen überwiegend körperlich belastende Tätigkeiten ausgeübt werden, würden möglicherweise höhere Fallzahlen bei Muskel-Skelett-Erkrankungen aufweisen. Regionen, in denen überwiegend Büro- und Dienstleistungsjobs ausgeübt werden, wiesen dagegen höhere Fallzahlen bei psychischen Erkrankungen auf. „Und nicht zuletzt ist das auch eine Frage der medizinischen Versorgung. Ein dichtes Versorgungsnetz und eine hohe medizinische Versorgungsqualität spiegeln sich ebenfalls in den regionalen Fallzahlen bei den Krankmeldungen wider.“
Einfache Erklärungsmuster gibt es bei der Frage nach regionalen Besonderheiten also kaum. Weniger komplex ist indes der Blick auf die einzelnen Berufsgruppen und deren Ausfalltage wegen einer Atemwegserkrankung. Menschen, die in sozialen Dienstleistungen oder im Gesundheitswesen arbeiten und somit viel Kontakt zu anderen Menschen haben, sind deutlich öfter krankgeschrieben als etwa Mitarbeiter der IT oder der Unternehmensführung.
Impfungen schützen auch vor Herzinfarkten und Schlaganfällen
Die Infektionswahrscheinlichkeit durch eine akute Atemwegsinfektion hänge im Wesentlichen vom individuellen Infektionsrisiko und der Risikoexposition - also etwa durch viele Sozialkontakte - ab, sagt Professor Spinner, Infektiologie am Klinikum der Technischen Universität München (TUM Klinikum) Rechts der Isar. Hinzu komme die Frage, ob jemand geimpft ist, also etwa gegen Grippe oder Corona. Das, so Spinner, würde die Infektionswahrscheinlichkeit in den ersten drei bis sechs Monaten nach der Impfung in etwa halbieren. Wirksamste Maßnahme zur Vermeidung hoher Krankenstände sei deshalb eine möglichst hohe Impfquote im Sinne einer saisonalen Boosterimpfung gegenüber Covid-19 und Influenza, sagt Spinner gegenüber unserer Redaktion.
Dadurch werde übrigens nicht nur das Risiko, sich mit diesen Viren anzustecken, reduziert, fährt der Mediziner fort. „Neuere Studien deuten darauf hin, dass diese Impfungen auch die Wahrscheinlichkeit von Herzinfarkten und Schlaganfällen signifikant reduzieren“, erklärt Spinner. „Impfungen schützen also doppelt.“ Daher seien Arbeitgeber gut beraten, freiwillige Schutzimpfungen für die Belegschaft anzubieten.
Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel wurde erstmals am 30. November 2025 veröffentlicht.
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