Frau Schulze, in keinem anderen Bundesland bleiben Väter so selten zu Hause, wenn ein Kind krank wird, wie in Bayern. Die Quote liegt laut einer aktuellen AOK-Studie bei gerade einmal 23 Prozent. Was ist da los?
KATHARINA SCHULZE: Der Unterschied zwischen dem Einkommen von Frauen und Männern ist in Bayern größer als in anderen Bundesländern. Und der finanzielle Verlust für die Familie fällt natürlich höher aus, wenn derjenige das Kinderkrankengeld beantragt, der mehr verdient. Die Entscheidung, wer sich kümmert, ist also leider ganz oft eine Frage des Geldes. Ich sehe hier aber schon auch ein gesellschaftliches Thema: Noch immer gehen viele Leute wie selbstverständlich davon aus, dass sich die Frauen, die Mütter, die Töchter um die Familie kümmern. Das ist ja nicht nur bei der Kinderbetreuung so, sondern auch bei der Sorge um pflegebedürftige Angehörige.
Wie lässt sich das ändern?
SCHULZE: Wir müssen so früh wie möglich versuchen, dieses Rollenbild gar nicht erst entstehen zu lassen. Ein Beispiel: In den meisten Familien bleibt die Frau nach der Geburt eines Kindes deutlich länger zu Hause als der Mann. Das könnte man ändern, indem man Paaren, die ihre Elternzeit gleichwertig untereinander aufteilen, als Anreiz mehr Elterngeld bezahlt. Damit würde es von Anfang an selbstverständlicher, dass die Papas sich genauso kümmern wie die Mamas. Aber das reicht natürlich nicht.
Was fehlt noch?
SCHULZE: Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, ist es aber leider nicht: Frauen müssen für gleichwertige Arbeit auch gleichwertig verdienen wie die Männer. Dann wäre es für die Familienkasse egal, wer von beiden zu Hause bleibt, wenn das Kind krank ist oder die Kita geschlossen hat. Und wir müssen Unternehmen unterstützen, die besonders familienfreundlich sind. Man könnte solchen Firmen zum Beispiel bei staatlichen Aufträgen den Vorzug geben. Es geht hier ja auch um den Stellenwert von Kindern in unserer Gesellschaft. Ich höre immer wieder von Vätern, die sagen: „Ich habe zwar offiziell einen Anspruch auf Kinderkrankengeld, aber in meiner Firma wird das nicht so gerne gesehen.“ Es wird also unterschwellig Druck aufgebaut, immer den Job über die Familie zu stellen.
Also doch eine Frage der Mentalität?
SCHULZE: Ein Beispiel aus unserem Leben mit zwei kleinen Kindern. Wenn ich abends einen beruflichen Termin habe, werde ich ganz oft gefragt: Und wer kümmert sich heute um die Kids? Meinen Mann, der ja auch diese zwei Kinder hat, fragt das komischerweise nie jemand.
Ihr Mann ist Finanzminister in Baden-Württemberg, Sie sind Grünen-Fraktionschefin im Bayerischen Landtag. Von geregelten Arbeitszeiten kann man da nicht unbedingt ausgehen. Wer bleibt bei Ihnen zu Hause, wenn die Kinder krank werden?
SCHULZE: Die meisten Eltern kennen das: Die Kinder werden natürlich genau dann krank, wenn man es sich beruflich gerade gar nicht leisten kann. Wenn wir beide wichtige Termine haben, gibt es bei uns eine goldene Regel: Wer seinen Termin leichter verschieben und an einem anderen Tag nachholen kann, bleibt beim Kind. Zur Wahrheit gehört aber auch, es ist bei uns genauso wie in vielen anderen jungen Familien: Ohne die Omas wären wir aufgeschmissen.
Glauben Sie, dass Ihr Mann über die Betreuungsquote des bayerischen Durchschnittsvaters von 23 Prozent kommt?
SCHULZE: Vielleicht würde er die Frage anders beantworten, aber mein eigenes Bauchgefühl sagt: eher nein (lacht). Aber das ist ein guter Punkt, wir führen mal eine Familienstatistik und sprechen in einem Jahr noch mal.
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