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Interview: Kabarettist Zimmerschied: "Mein Großvater war ein Doppelmörder"

Interview

Kabarettist Zimmerschied: "Mein Großvater war ein Doppelmörder"

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    Der Niederbayer Sigi Zimmerschied zählt zu den bekanntesten deutschen Kabarettisten und ist regelmäßig auch als TV–Schauspieler aktiv.
    Der Niederbayer Sigi Zimmerschied zählt zu den bekanntesten deutschen Kabarettisten und ist regelmäßig auch als TV–Schauspieler aktiv. Foto: Helmut Bauer

    Herr Zimmerschied, haben Sie eigentlich, wie soll man sagen, eine kriminelle Ader?

    Sigi Zimmerschied: Ich fürchte ja. Also mein Großvater väterlicherseits war ja ein Doppelmörder…

    Wie bitte?

    Zimmerschied: Ja, der hat im Affekt seine erste Ehefrau und den Nebenbuhler erschossen. Dieser unkontrollierte Jähzorn schwingt auch in mir mit. Der hat sich aber über die Bühne ein schönes Ventil gesucht.

    Sie schießen mit Worten sozusagen...

    Zimmerschied: So in etwa. Wenn ich die Möglichkeit nicht hätte, diese Dinge in künstlerischer Form auszuleben, dann weiß ich nicht... Dann würde ich keine Aussagen darüber treffen wollen, was da alles passieren könnte. Mein Friseur, der seit drei Generationen den männlichen Zimmerschieds die Haare schneidet und schnitt, hat gesagt, ich hätte dieselben Wirbel wie der Großvater. Es muss also von dem schon etwas in mir sein. Das zeigt sich in einer überbordenden kreativen Energie. Aber, wie gesagt: Ich kämpfe mit Worten, nicht mit der Pistole.

    Das ist ja eine wunderbare Mechanik, wenn Sie negative Energie so gut in positive verwandeln können.

    Zimmerschied: Ja, das ist vielleicht auch verwandtschaftlich begründet, weil die mütterliche Seite der Verwandtschaft, das waren alle Polizisten. Man könnte dementsprechend sagen: Ein Doppelmörder und viele Polizisten – das ist eine gute Mischung. Anarchistische Energie, die in der Lage ist, sich zu disziplinieren, scheint für künstlerische Arbeit wirklich sehr gut zu sein.

    Ah, darum tauchen Sie auch immer wieder als Schauspieler in Krimis auf, mal als Polizist, mal auf der Gegenseite, oder?

    Zimmerschied: Es könnte schon damit zusammenhängen. Denn man wird ja immer wieder danach besetzt, was man ausstrahlt. Außerdem sind die Mörder, Polizisten und Pfarrer alles Figuren, die immer wieder gefragt sind. Und so viele dubiose, kauzige 70-Jährige gibt es nicht mehr in der Schauspielerfamilie. Die Gattung stirbt langsam aus.

    Was macht eigentlich mehr Freude: einen Polizisten darzustellen oder einen Verbrecher?

    Zimmerschied: Das hängt von der Rolle und ihrer Ausgestaltung ab. Sie kann langweilig sein, aber auch furchtbar spannend. Die besten Rollen haben eine gewisse Ambivalenz. Dann ist es ein Polizist, der nicht eindeutig gut ist oder ein Verbrecher, der nicht eindeutig schlecht ist. Immer wenn eine Figur Facetten hat, wird sie spannend.

    Man sagt den Niederbayern nach, sie seien ein bisserl verschlagen. Ist die Region, kriminalistisch gesehen, ein besonderer Landstrich?

    Zimmerschied: Also ich glaube, dass Niederbayern nicht verschlagen sind. Sie sind nur schwer zu dechiffrieren. Das Verwechseln Sie mit Verschlagenheit. Ein Niederbayer hat gewöhnlich kein nymphomanisches Verhältnis zum Wortschatz oder zum Sprachfluss. In Niederbayern muss man vieles erahnen oder interpretieren. Das macht sie ein bisserl rätselhaft. Im Grunde ist es sowieso nur ein Notwehrreflex.

    Notwehr gegen was oder wen?

    Zimmerschied: Niederbayern zieht gegenüber Oberbayern einen entsetzlichen Minderwertigkeitskomplex mit sich herum. Oberbayern waren immer die Reicheren, sie waren selbst im Fremdenverkehr erfolgreicher. Niederbayern war eher eine Gegend zum Verstecken. Und das schwingt immer noch mit, diese Zurückhaltung, die aus einem Minderwertigkeitskomplex stammt.

    Aber heute ist es doch umgekehrt, Niederbayern ist doch im Grunde das echtere Oberbayern.

    Zimmerschied: Nein, so schnell ändern sich diese Dinge nicht. Das dauert Jahrhunderte. Den Zeitraum, der mir zum Überblicken bleibt, ist dazu zu kurz. Ich kann den Minderwertigkeitskomplex jedenfalls immer noch feststellen.

    An Ihnen selbst auch?

    Zimmerschied: Ich habe ihn halt überwunden. Ich weiß noch gut, wie es mich das erste Mal nach München katapultiert hat, weil ich mit dem ersten Kabarettprogramm so ziemlich alle Preise gewonnen habe. Da geriet ich in eine völlig fremde Gesellschaft. Man steht plötzlich mittendrin in Münchner Feuilleton- und Schauspielerkreisen. Da war ich schon unsicher, mental sozusagen der kleine Bub. Bis ich dann kapiert habe, dass die Welt da auch nicht anders funktioniert als in Niederbayern.

    Aktuell haben Sie eine Episodenrolle in der ARD-Produktion „Ein Krimi aus Passau“ gespielt. Arbeiten Sie gerne als Schauspieler?

    Zimmerschied: Ich mache das sehr gerne. Da fällt nämlich dieser Universalzwang weg, der drückt, wenn ich beim Kabarett auf der Bühne stehe. Da bin ich für alles, einfach alles verantwortlich. Wenn ich drehe, bin ich nur für das Darstellen der Rolle zuständig. Das ist eine Leichtigkeit, die ich genieße. Außerdem ist der Wechsel in der Spieltemperatur zwischen diesen Genres spannend. Wenn ich auf der Bühne bin und der Letzte sitzt 30 Meter weit weg, dann muss ich viel intensiver spielen. Und wenn man beim Film eine Nahaufnahme des Auges hat, das dann im Kino später zwei Meter groß auf der Leinwand erscheint, dann muss man anders rangehen. Dieser Unterschied hält einen wach. Aber letztendlich ist das Kabarett schon die Königsdisziplin.

    Wegen der Kunst der Pointe?

    Zimmerschied: Ja, ich meine aber das wirkliche Kabarett im Sinne Qualtingers. Das so komplex ist, dass man es als Königsdisziplin bezeichnen kann.

    Aber viele Vertreter davon gibt es nicht mehr, oder? Es dominiert heute gefühlt ja eher die schnelle Pointe auf den Bühnen...

    Zimmerschied: Das kommt vom Druck der Medien. Ich hätte es dem Bayerischen Rundfunk nie zugetraut, dass er das Kabarett kaputtmachen könnte. Aber die haben es geschafft. Man kann auch keinem jungen Künstler mehr sagen, versuche es an den Medien vorbei. Diesen beschwerlichen Weg tut sich keiner mehr an. Das Kabarett wird heute geprägt von Quotendruck und Formenarmut. Alles wird gleich gemacht. Wirkliche Unikate, die einen eigenen Stil entwickeln, gibt es nicht mehr. So ist es übrigens auch bei dem Passau-Krimi – die Region gibt eigentlich nur eine Kulisse ab.

    Das heißt, die Zuschauer sollen gar nicht mehr über Niederbayern erfahren?

    Zimmerschied: Um tiefer in die Seele einer Region einzutauchen, bräuchte man ganz andere erzählerische Mittel. Aber da ist die Angst bei den Verantwortlichen zu groß, dass bei einem Krimi aus Passau die Dörte aus Hamburg weiterzappt, weil sie nix versteht. Man kann überhaupt feststellen, dass diese Uniformität in vielen Lebensbereichen zunimmt. Im Rahmen der Möglichkeiten eines ARD-Unterhaltungsformats ist der Passau-Krimi aber ganz gut. Die Autoren passen, der Regisseur, auch die Hauptdarsteller. Darum macht da auch einer wie ich trotz meiner Erkenntnisse mit, weil die Arbeit am Set mit dem Team eben ein Erlebnis ist und spannend.

    Der Bayerische Rundfunk hat Sie in einem Porträt zu Ihrem 65. Geburtstag als einen „liberalen Quergeist“ beschrieben. Ist das heutzutage noch ein Kompliment?

    Zimmerschied: Na ja, nur weil ein Begriff inzwischen negativ besetzt wird, verstehe ich immer noch etwas anderes darunter als das, was jetzt unter Querdenker läuft.

    Wie ordnen Sie überhaupt die aktuellen Spaziergänge der Impf- und Coronagegner ein?

    Zimmerschied: Mei, das ist im Wesentlichen die ewig gleiche Mannschaft, die immer unter einem anderen Vorzeichen durch die Gegend marschiert. Da geht es meistens nicht ums Impfen. Das sieht man schon an der Zusammensetzung der Truppe. Da sucht eine Unzufriedenheit immer wieder nach einem Ausdruck und den findet sie bei solchen Gelegenheiten. Aber das flaut schon wieder ab.

    Beunruhigen Sie diese Umtriebe?

    Zimmerschied: Nein, da vertraue ich schon auf die Selbstreinigungskräfte der Demokratie. Im Grunde muss so etwas sogar sein. Solange es öffentlich geschieht, ist es außerdem fassbar, greifbar, definierbar. Viel schlimmer wäre es, wenn es völlig in die unterirdischen Bereiche des Internets abrutschen würde, an die man nicht mehr rankommt. Nein, nein, man muss demonstrieren können – auch gegen die Impfpflicht.

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