Frau Relin, an diesem Donnerstag würde Ihre Mutter Maria Schell 100. Geburtstag feiern. Sie hat mit den größten Hollywoodstars wie Gary Cooper oder Marlon Brando gedreht und sie verkörperte die Traumfrau des deutschen Kinos der 50er und 60er Jahre. Wie haben Sie persönlich Ihre berühmte Mama in Erinnerung?
MARIE THERES RELIN: Mir ist es im Grunde erst jetzt, bei den Arbeiten zum neuen Buch, klar geworden, was für eine Ausnahmefrau sie war. Zu einer Zeit, in der Frauen ihre Männer noch darum bitten mussten, wenn sie arbeiten gehen wollten, hat sie in den 50er Jahren schon eine Mega-Karriere hingelegt. Für mich aber war sie immer meine Mama und ich bin damit aufgewachsen, dass Prominente bei uns ein und aus gegangen sind. Es gibt eine Anekdote von mir – da war ich drei Jahre alt: Ich stand mit meiner Mama auf einem Parkplatz, da parkte auch ein Reisebus, und die Menschen sind gleich auf meine Mutter zugeströmt. Ich habe damals baff erstaunt gesagt: ,Mami, kennst du aber viele Leute!‘
Sie haben das Buch über Ihre Mutter „Yes, we Schell!“ betitelt. Was wollen Sie damit ausdrücken?
RELIN: Mir ging es darum, darauf hinzuweisen, was für eine großartige Frau und Schauspielerin Maria Schell war. Denn sie ist ein wenig in Vergessenheit geraten. Die öffentlich-rechtlichen Sender machen auch zu ihrem Geburtstag nichts. Nur in Österreich wird eine Maria-Schell-Straße eröffnet. Angeblich soll sie von der Billy-Wilder-Allee abzweigen. Das wäre wiederum großartig! Ich wollte jedenfalls die Schubladen, in denen meine Mutter gesteckt worden ist, noch einmal aufmachen und neu sortieren.
Im Vorwort schreiben Sie: „Wir sollten über Maria Schell reden. Über eine Frau, die ihrer Zeit weit voraus war. Quatsch, unserer Zeit!“. Was hatte sie den heutigen Frauen voraus?
RELIN: Zuallererst hat sie ihre Karriere ernst genommen und sich durchgesetzt in einer männerdominierten Welt. Sie war der Zeit voraus, weil sie geschäftliche Dinge selbst in die Hand genommen hat. Sie hat übrigens auch ihre beiden Ehemänner finanziert. Außerdem war sie eine Spätgebärende, sie hat mich erst mit 40 Jahren bekommen. Allerdings hat sie sich dann von ihren Männern auch ein bisschen knicken lassen. Sie hat sich übrigens schon mit 25 Jahren Jacketkronen machen lassen, damit sie ihr berühmtes Lächeln behält. Alles zu einer Zeit, in der die Selbstoptimierung noch nicht im Trend lag.
Und trotzdem haben Kritiker sie manchmal als „Seelchen“ herabgewürdigt. Wie kam Ihre Mutter damit zurecht?
RELIN: Ich finde diese Verkleinerungsform ganz schrecklich! Kann man einen Star nicht Star sein lassen? Das ist eine Herabwürdigung von jemandem, der mit vielen Preisen ausgezeichnet wurde. Man muss immer an einem Beinchen des Erfolgs sägen. Meine Mutter hat furchtbar darunter gelitten. Sie empfand das als sehr ungerecht. Der eine oder andere Kritiker war regelrecht bösartig. Ich weiß auch nicht, warum es diesen Neid gibt.
Sie selbst hatten ein ambivalentes Verhältnis zu ihr. Sie haben aber mit dem neuen Buch keine alten familiären Wunden aufgerissen. Ganz bewusst?
RELIN: Ja natürlich. Ich werde jetzt 60 Jahre und habe meiner Mutti längst all die Dinge verziehen, die sie vielleicht falsch gemacht hat. Irgendwann muss es gut sein. Im Übrigen wurden manche Vorwürfe von den Medien aufgebauscht.
Sie selbst haben auch erfolgreich Filme gedreht, eine Hausfrauenrevolution losgetreten und touren gerade mit Lesungen über deutsche Bühnen. Wie sehr nervt es Sie, oft als Tochter von Maria Schell, als Nichte von Maximilian Schell oder als Frau von Franz Xaver Kroetz eingeordnet zu werden?
RELIN: Ich habe da grundsätzlich gar nichts dagegen. Denn es stimmt ja alles. Aber ich möchte eben auch nicht darauf reduziert werden. Ich bin gerne die Tochter von, aber bitte nicht nur. Wenn dann beispielsweise bei TV-Porträts Teile meiner Vita einfach weggelassen werden, dann finde ich das nicht gut. Dann kommt so ein bisschen Bitterkeit hoch. Denn Tochter oder Frau zu sein, ist nicht meine Leistung.
War es für Sie als junge Frau schwierig, mit so erfolgreichen Eltern wie Maria Schell und Veit Relin Ihren Weg zu finden?
RELIN: Ich bin diesen Weg einfach gegangen. Ich war mit 17 Jahren schon voll berufstätig. Für mich war klar, ich werde auch ein Weltstar wie mein Onkel oder meine Mutter. Die Zeitungen haben damals ja auch prophezeit, ich sei die neue Ingrid Bergmann. Aber dann kamen einige Projekte unter unglücklichen Umständen nicht zustande, dann habe ich Kroetz kennengelernt, dann wurde ich Mutter. Und als solche wird man leider nicht mit Rollenangeboten überschüttet, zumal wenn zwei Kinder an schwerem Asthma leiden. Dann ist man als Mutter eben erst mal für die Kinder da. Wenn man sich die ersten Jahre nur damit beschäftigt, bist du raus aus dem Geschäft. Das war mein Grund, die Hausfrauenrevolution loszutreten, um mich für die Rechte dieser Frauen einzusetzen.
Am Ende ihres Lebens war Ihre Mutter schwer krank, hatte ihr Vermögen verloren. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
RELIN: Es war keine einfache Zeit. Meine Mama war ein Leben lang manisch-depressiv. Schon deren Großmutter hatte diese Krankheit und verbrachte 19 Jahre in der Psychiatrie. Und meine Mum musste dann auch verkraften, dass sie in den 70er Jahren international nicht mehr so erfolgreich war. Das war für sie ein echter Karriereknick, obwohl sie mit deutschen Serien wie „Ich heirate eine Familie“ noch gut im Geschäft war. Für mich war das alles schlimm, denn wir haben schon vor ihrem Selbstmordversuch mitbekommen, dass sie bipolar war. Sie wurde dann hinterher auch behandelt. Wir haben das Thema gesehen, aber wir konnten nichts dagegen machen, dass sie in Hochphasen ihr ganzes Geld ausgab. Irgendwann hat Maximilian ihre Alm samt meiner Mutter übernommen. Denn meine Mutter hatte sich finanziell ruiniert.
Mal theoretisch angenommen, Sie könnten mit Ihrer Mutter nochmals sprechen. Was würden Sie ihr gerne sagen, was zu Lebzeiten nicht ausgesprochen wurde?
RELIN: Ich glaube, ich müsste ihr gar nicht viel sagen. Ich habe mich zuletzt so viel mit ihr beschäftigt, auch im Buch ist ein nahes, letztes Gespräch mit ihr nachzulesen. Als ich das im Hörbuchstudio aufgenommen habe, war meine Mutter präsent. Denn ich hatte eine innige Beziehung zu ihr und hätte ihr gewünscht, dass sie mit einem Herzinfarkt auf der Bühne gestorben wäre. Aber sie hatte einen langen Leidensweg mit 16 Schlaganfällen. Sie war fast zehn Jahre bettlägerig. 14 Tage vor ihrem Tod bin ich noch einmal zu ihr in die Klinik und saß eine Woche an ihrem Bett. In dieser Zeit habe ich ihr alles gesagt, was ich ihr sagen wollte. Da habe ich innerlich Frieden mit ihr geschlossen.
Zur Person
Marie Theres Relin, 59, ist früh ihren Weg gegangen. Mit 16 zog sie nach Paris, drehte später in England ihren ersten Film. 14 Jahre war sie mit dem Dramatiker Franz Xaver Kroetz verheiratet, mit dem sie drei Kinder hat. Sie lebt in Wasserburg und auf Teneriffa.
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