Deutschland erleidet jedes Jahr mehrere Milliarden Euro an Einbußen durch Steuerhinterziehung. So steht es in der Einleitung zum Gesetz zur Bekämpfung von Steuerhinterziehung. Meist handelt es sich demnach um grenzüberschreitende Steuerhinterziehung. Finanzexperte Pascal Zamorski vom Münchner Ifo-Institut bestätigt dies: „Normalerweise sind Steueroasen andere Länder, die durch niedrige Steuern versuchen, Kapital aus anderen Staaten abzuziehen, wie die Cayman Islands.“
Doch auch in Deutschland gibt es Orte mit besonders niedrigen Abgaben, das verdeutlichte jüngst Satiriker Jan Böhmermann in einer Folge seiner Show „ZDF Magazin Royale“. Der Moderator und sein Team haben 37 deutsche Kommunen mit unterdurchschnittlich niedrigen Gewerbesteuer-Hebesätzen herausgegriffen. Einige davon liegen in Bayern. Was man allerdings wissen muss: Ein „Steuerparadies“ ist zunächst nicht illegal. Kriminell wird es erst, wenn Unternehmen niedrige Steuermodelle für verbotene Geschäfte missbrauchen.
Kleine Kommunen sind im Steuerwettbewerb untereinander
Finanzexperte Zamorski sagt dazu: „Im deutschen Kontext ist es das Recht einer Gemeinde, den Gewerbesteuer-Hebesatz selbst festzulegen.“ Der bundesweite durchschnittliche Hebesatz liegt derzeit nach Angaben der Deutschen Industrie- und Handelskammer bei 438 Prozent. Prinzipiell gilt: „Große Städte wie München haben höhere Hebesätze, weil sie ohnehin oft als attraktive Standorte für Unternehmen gelten. Kleinere Städte haben oft niedrigere Hebesätze und sind im Steuerwettbewerb untereinander. Innerhalb Bayerns gibt es da ein großes Gefälle.“ Die meisten Kommunen haben zwischen 2004 und 2023 im Schnitt alle zehn Jahre einmal ihre Gewerbesteuer leicht erhöht, um 0,8 Prozent. „Es gibt nur ein paar Gemeinden, die bewusst ihre Hebesätze gesenkt haben.“ Das allein sei jedoch noch kein Grund, eine Oase für Steuerhinterziehung zu vermuten. Die Wahrheit liege in der Mitte. Das beweist ein Blick nach Mertingen im Landkreis Donau-Ries.
Gewerbesteuer hoch oder niedrig – das hat Auswirkungen auf den Standort
Dort liegt der Gewerbesteuer-Hebesatz zwar bei 295 Prozent und damit am unteren Ende der Skala, ähnlich wie in den Nachbarkommunen. Der Unterschied: In Mertingen ist die Großmolkerei Zott ansässig. Experte Zamorski sagt dazu: „Eine Kommune kann ihren Gewerbesteuer-Hebesatz aus zwei Gründen senken: entweder um neue Firmen anzuziehen oder um eine große Firma zu halten.“ Letzteres treffe aller Wahrscheinlichkeit nach auf Mertingen zu. „Ein niedriger Gewerbesteuer-Hebesatz ist ein ökonomischer Faktor für Unternehmen.“ Eine große Firma habe normalerweise viele Angestellte und zahle viel Gewerbesteuer. Je höher der Hebesatz, desto mehr. Je niedriger, desto weniger.
Während etwa der weltweit prestigeträchtige Standort München trotz eines Hebesatzes von 490 Prozent für viele namhafte Unternehmen interessant ist, punkten Vororte wie Grünwald mit einem um die Hälfte niedrigeren Hebesatz. Alles Steueroasen? Von einem Generalverdacht hält Finanzexperte Zamorski nichts. Denn auch die Bavaria Filmstudios haben in Grünwald ihren Sitz. Ein Hinweis auf ein „Steuerparadies“ hingegen könnten viele Ein-Mann-Firmen sein.
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