Wenn man diese Geschichte erfunden hätte, wäre sie zu verrückt, um wahr zu sein. Man stelle sich vor: Knapp 80 Allgäuer Jugendliche brechen zu einer zweiwöchigen Konzertreise nach Malaysia auf. Konzerte, ein Festival und viele Auftritte stehen auf dem Programm. Alles läuft wie geplant – bis zur Rückreise. Ein Flieger muss wegen des Nahost-Konflikts plötzlich umkehren. Und 54 Musikerinnen und Musiker sitzen am anderen Ende der Welt fest. Wann es nach Hause geht? Unklar. Wie lange sie warten müssen? Nicht abzusehen.
Jugendblasorchester Marktoberdorf: Bei der Rückkehr fließen Tränen
Genauso ist es dem Jugendblasorchester Marktoberdorf (JBO) passiert. Mehrere Tage lang saß ein Teil des Orchesters in Malaysia fest. Nun feierten die Musiker ihre Rückkehr. „Endlich“, könnte man sagen. Denn die Rückreise entwickelte sich zu einer Geduldsprobe. Ein gestrichener Flug, eine Nacht am Flughafen in Kuala Lumpur und Tage voller Unsicherheit lagen hinter den Musikern, die am Freitagabend um kurz nach 6 vor dem Rathaus in Marktoberdorf vorfuhren. Dort hatten sich Freunde, Familien und eine Orchesterabordnung versammelt, um die Heimkehrer gebührend zu empfangen – mit einem musikalischen Ständchen, Jubel und Umarmungen. Auch Tränen flossen. „Malaysia war einfach unbeschreiblich“, sagten die Jugendlichen, die sich in den Armen lagen.
Dass das JBO überhaupt eine so große Reise angetreten hat, ist einem deutschen Ehepaar aus Malaysia zu verdanken. Die beiden suchten ein deutsches Jugendblasorchester, das beim „International Youth Marching Band Festival“ in Taiping spielt. Anlässlich des 150-jährigen Stadtjubiläums sollten internationale Gäste dabei sein. JBO-Vorsitzender Hubert Jörg leitete die Mail an Dirigent Thomas Wieser weiter - mit der Bemerkung: „Das ist wahrscheinlich nichts für uns“. Immerhin steckte das JBO gerade mitten im Projekt „Symphonischer Hoagascht“ mit Stardirigent Simon Rattle. „Wir hätten das mit der Planung nicht hinbekommen“, sagte Jörg.
So kam die Malaysia-Reise der Allgäuer zustande
Doch Thomas Wieser ließ die Nachricht nicht los. „Also habe ich da einfach mal angerufen“, erzählte er. Als Wieser ihnen von der Zusammenarbeit mit Rattle berichtete, war der Stein ins Rollen gebracht. Die Organisatoren des Festivals waren sogar bereit, die Großveranstaltung zu verschieben, damit die Marktoberdorfer dabei sein können. Und so kam eins zum anderen. 77 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 28 Jahren reisten mit 16 Begleitpersonen nach Malaysia.
„Es war einfach unbeschreiblich“, sagte ein Musiker. Neben dem musikalischen Austausch kam auch das Sightseeing nicht zu kurz. Das Orchester besuchte die Mangrovensümpfe, nahm an einem Tempelfest teil und badete im Ozean. Bereits am Montag trat das JBO in zwei Gruppen die Rückreise an. Die erste Gruppe kam problemlos nach Hause. „Wir hatten Glück“, schilderte eine Jugendliche, die in jenem Flieger saß. Die zweite Gruppe startete einige Stunden später Richtung Katar – zunächst lief alles nach Plan. „Doch als wir über Indien waren, musste das Flugzeug umdrehen“, berichtete Wieser. Der Grund: der gesperrte Luftraum über Katar nach dem iranischen Angriff auf US-Stützpunkte. Qatar Airways stellte den Flugbetrieb ein. Und die Marktoberdorfer? Sie landeten um halb fünf Uhr morgens - Ortszeit - wieder in Kuala Lumpur und mussten erneut nach Malaysia einreisen. Zunächst war unklar, wie es weitergeht.
Wie war die Stimmung bei den Marktoberdorfern?
„Es ist unglaublich, mit welcher Ruhe das JBO diese Situation gemeistert hat“, sagte Wieser. „Eigentlich müssten einem die Tränen kommen.“ Das JBO kam zunächst in einem Hotel unter. Der Vorstand rund um Hubert Jörg, Herbert Streif und Thomas Wieser setzte alles daran, den Rückflug zu organisieren. Keine einfache Aufgabe mit 54 Personen, wie Wieser berichtete. Mit den entsprechenden Airlines mussten die Kosten für Übernachtungen, Flüge und Transfers geklärt werden.
Am Mittwochabend ging es erneut zum Flughafen. Doch der Flug wurde wegen Doppelbuchungen wieder in letzter Minute gestrichen. Das Orchester musste die Nacht am Flughafen verbringen. „Natürlich war der eine oder andere im ersten Moment geknickt. Aber wir haben uns gut mit der Situation arrangiert“, erzählten die Musiker. „Wir haben Schafkopf gespielt.“ Am Donnerstagmorgen hob der Flieger Richtung Heimat ab. Dort fieberten die anderen Orchestermitglieder und die Familien mit.
Ob die Situation belastend war? „Nein“, sagte ein Jugendlicher. „Die letzte Nacht haben wir in Doha nochmals im Hotel geschlafen. Dort hätten wir es auch länger ausgehalten.“ Die Jugendlichen wirkten am Freitag erschöpft, aber erleichtert, wieder in der Heimat zu sein. Die Freude war groß, dass alle gesund wieder in Marktoberdorf sind - mit einer Ausnahme. „Der Einzige, der nicht mitgekommen ist, ist mein Koffer. Der hängt entweder in Kuala Lumpur oder Doha fest“, sagte Wieser und lachte.
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