Darf man zum Fasching als Indianer gehen oder ist das kulturelle Aneignung? Und wo ist die Stimmung besser: beim Kölner Karneval oder im bayerischen Fasching? Wir haben einen „echten Schwob“ mit einem „kölschen Jung“ zusammengebracht und per Videocall interviewt – es geht um Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Krapfen. Eins ist klar: Beiden steckt die fünfte Jahreszeit im Blut:
Kamelle oder Krapfen?
HERBERT LENZ: Für mich gilt beides. Ich mag Kamelle wie auch Krapfen. Sie können von mir aus auch Strüssjer, also Blumensträuße, werfen. Als Verbraucher, sagen wir mal so, ist mir das wurscht. Ich nehm alles, was ich kriegen kann und was nichts kostet – da kommt der Schwabe wieder durch.
MICHAEL KRAMP: Ich mach die Mettbrötchen-Diät in der Session. In jedem Festsaal gibt es halt irgendwo Mettbrötchen. Zufällig habe ich eins zum Mittagessen hier.
Herr Lenz, Sie stehen seit 50 Jahren an Fasching auf der Bühne – was reizt Sie daran?
LENZ: Ich liebe es, in andere Rollen zu schlüpfen, einfach jemand anderes zu sein – vom musizierenden Clown über den Ölscheich, während der Ölkrise, bis hin zum Trump bei der „KOL-LA“-Faschingssitzung in Gersthofen in diesem Jahr. Einmal Präsident der Vereinigten Staaten zu sein, das war die Rolle meines Lebens. Für mich ist es das Beste, den Leuten Freude und Spaß zu bringen. Aber mein schönstes Erlebnis war, als ich mit meinem damals fünfjährigen Sohn auf der Bühne stand. Wir beide haben als Musicalclowns über 4000 Menschen begeistert. Das war bislang das wohl Größte in meinem Leben. Was will man eigentlich mehr?
Und für Sie, Herr Kramp?
KRAMP: Ja, in Köln kommt man natürlich als Kind schon damit in Berührung, und das war bei mir genauso. Man kann sich in eine Traumwelt begeben und dann ist man plötzlich Superman oder Superwoman. Ich glaube, eine gewisse Zeit lang mal über die Stränge zu schlagen und mal Dinge sagen zu dürfen, die man sich sonst nicht traut, das macht den Reiz aus.
Herr Lenz, wie würden Sie Herrn Kramp überzeugen, sich den bayerischen Fasching anzuschauen?
LENZ: Da müsste ich jetzt fast sagen, dann fahren wir ins Allgäu für die alemannische Fastnacht. Da gibt es dann die Krampen, Hexen und Teufelsaustreiber. Dort hat die Fasnet schon einen ziemlichen Stellenwert. Aber ich könnte mir vorstellen, dass Ihnen unsere Sitzung auch gut gefällt. Wir sind zwar nur eine Kleinstadt mit 23.000 Einwohnern, aber es ist enorm, was wir hier auf die Beine stellen. Da beäugen uns auch die Großstädter aus Augsburg.
KRAMP: Ich muss gleich zugeben, wir kommen da definitiv nicht zu, auch, wenn es mich privat reizen würde. Es geht ja darum, Spaß zu haben. Und dieses Verbindende, das hat der Karneval überall. Da ist es egal, ob es eine 23.000-Stadt ist oder eine Millionenmetropole. Es ist nur illusorisch, dass ich das neben meiner Arbeit für den Kölner Karneval schaffe. Hier feiert nämlich die ganze Stadt: Wenn Sie zum Metzger gehen, dann ist es völlig normal, dass hinter der Theke die Leute kostümiert sind und in der Polizeistation Luftschlangen von der Decke hängen.
Wie würden Sie denn Herrn Lenz überzeugen?
LENZ: Mich muss man da nicht überzeugen. Diese Mitmach-Stimmung, die ist natürlich in Köln eine ganz andere als bei uns. Wir lassen euch den Karneval, aber wir schauen schon bissel auf euch und gucken, was ihr so macht. Deshalb besteht der Wunsch, einmal die Kölner Sitzung live mitzuerleben und mal zu sehen, wie es da abgeht.
KRAMP: Ich glaube, was uns in Köln von ganz Deutschland unterscheidet, ist unsere herzliche Art. Dass wir sehr schnell jemanden an die Hand und sogar in den Arm nehmen. Das sieht man an Karneval ganz besonders: Man schunkelt und feiert gemeinsam – egal, ob man sich kennt oder nicht. Da sitzt man zu zweit im Brauhaus am Sechser-Tisch und eine Vierertruppe setzt sich dazu. Das ist ganz normal. Aber Herr Lenz, Sie sind auf jeden Fall gerne mit Partnerinnen eingeladen. Das werden wir irgendwie hinbekommen, dass Sie das mal live sehen.
Kölner Karneval oder bayerischer Fasching: Was ist konservativer?
LENZ: Ich möchte es gar nicht daran aufhängen, ob konservativ oder nicht konservativ, sondern ich möchte es eher mit dem Wort traditionell bezeichnen. Wir erhalten ja gewisse Werte, die seit vielen Jahrzehnten oder Jahrhunderten bestehen. Die wollen wir nicht außer Acht lassen. Ich mein, man kann alles modernisieren, aber trotzdem … Wenn ich an Fasching als Indianer gehen möchte, dann ist das heute kulturelle Aneignung. Also ich weiß nicht, ob wir uns damit einen Gefallen tun. Ich war auch schon als Russe in einem Kosakenchor verkleidet. Aber heute musst du dir immer überlegen: Was darf man noch tun und sagen? Mit dem müssen wir zurechtkommen und leben. Das Ziel ist aber immer der Erhalt der Tradition, und da sind wir, glaube ich, auf einem guten Weg.
KRAMP: Wir bewegen uns da in Köln auch in einem Spannungsfeld. Also das ist schon tendenziell eher ein konservatives Publikum. Gleichzeitig sind wir eine Großstadt – alle deutschen Großstädte sind eher links und werden links regiert. Ja, das ist halt ein Stadt-Land-Unterschied. Und trotzdem schaut man auf uns, wenn in einer anderen Stadt bei einem Schützenumzug ein Pferd durchgeht, dann ruft man auch außerhalb der Saison bei uns an und sagt: Ja, ihr habt doch auch Pferde im Rosenmontagszug, was sagt ihr denn dazu? Das Kostümthema ist auch so ein Thema: Wir sind nicht die Kostümpolizei. Wir geben eher praktische Tipps. Man sollte schlauerweise vielleicht nicht als arabischer Extremist mit Sprengstoffgürtel verkleidet in eine Menschenmenge gehen. Aber es ist in Ordnung, wenn sich ein Kind als Indianer verkleiden möchte, weil es Indianer vielleicht auch stark und heldenhaft findet. Wertschätzung ist entscheidend – Diskriminierung von Minderheiten sollte dabei natürlich tabu sein.
Kein Fasching ohne Fastenzeit – wie sieht es bei Ihnen beiden damit aus?
LENZ: So Moment, ich zeige Ihnen jetzt mal mein ganzes Profil (Lenz steht auf und zeigt seine Statur). Ja, und jetzt stellen Sie die Frage bitte noch mal! Klar gibt’s für mich die Fastenzeit, dieses Mal unter dem Motto: „20 Kilo müssen runter“, ne?
KRAMP: Eigentlich will ich auf Süßigkeiten verzichten. Aber dieses Jahr macht mir Rio einen Strich durch die Rechnung – wir fahren zum Höhepunkt des brasilianischen Karnevals. Da ist das wie ein Wettbewerb und in der Nacht von Samstag auf Sonntag nach Aschermittwoch werden die Sieger prämiert. Ich fürchte, wenn ich dann ab Aschermittwoch fasten würde, dann wäre ich schön blöd. Deswegen werde ich das ein bisschen verschieben.
Zu den Personen
Herbert Lenz wurde 1953 in Augsburg geboren und wuchs in Gersthofen auf. Seit 1971 steht er in der Faschingssaison auf der Bühne. Zu seinem Repertoire zählen Politiker-Parodien, Clownsfiguren und Musikeinlagen. Seit 25 Jahren übernimmt er die Spielleitung der „KOL-LA“-Faschingssitzungen in Gersthofen. Steht er nicht auf der Bühne, arbeitet er als Immobilienfachmann. Michael Kramp ist Inhaber einer Kommunikationsagentur und wurde 1967 in Köln geboren. Von klein auf besuchte er den Rosenmontagsumzug. Seit 2011 ist er Mitglied im Festkomitee Kölner Karneval und übernimmt im geschäftsführenden Vorstand die Außenkommunikation.
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