Im Streit um das Debakel bei der zweiten S-Bahn-Stammstrecke in München wird oft ein einfacher Vergleich bemüht: Kein Häuslebauer könne es sich leisten, ein Haus in Auftrag zu geben und dann tatenlos zuzuschauen, wie die Kosten explodieren.
Markus Söder blieb trotz Warnungen untätig
Im Fall der Stammstrecke war das so. Die Staatsregierung hat das Projekt bei der Bahn in Auftrag gegeben, sich dann aber hinhalten lassen und schließlich gar nicht mehr gekümmert. Die Warnungen der damaligen Bauministerin Kerstin Schreyer verhallten in der Staatskanzlei, obwohl dort zwischendurch auch Söders wichtigste Beamtin, Staatsrätin Karolina Gernbauer, Alarm geschlagen hatte. Söder hat Bescheid gewusst und es ist kaum vorstellbar, dass die Untätigkeit der Staatsregierung in dieser Sache nicht auf ihn zurückgeht. Er hat sich nicht gekümmert und nicht einmal versucht, der Bahn, die zu hundert Prozent im Besitz des Bundes ist, über seinen Parteifreund, Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer, Beine zu machen.
Zu Söders Gunsten ließe sich nur anführen, dass es im Jahr 2020 vermutlich schon zu spät war, etwas zu retten. Anders als ein Häuslebauer hätte er nicht die Möglichkeit gehabt, ein anderes Unternehmen zu beauftragen. Zur Wahrheit gehört in diesem Fall eben auch, dass die Bahn als Monopolist eine Machtposition hat, die ihresgleichen sucht. Dennoch muss er sich vorwerfen lassen, gar nicht erst versucht zu haben, zu retten, was zu retten ist. Er wollte einfach keinen Ärger am Hals haben.