Herr Holetschek, Sie waren für die Kommunalwahlen viel unterwegs. Welche Erwartungen tragen die Menschen an Sie heran?
KLAUS HOLETSCHEK: Die zentrale Botschaft ist sehr klar: Die Menschen erwarten, dass Politik Probleme löst und Ergebnisse liefert. Oft höre ich den Satz: Ihr regiert doch in Bayern, in Berlin und in Brüssel – also bitte macht etwas daraus. Die Leute sagen mir zwar häufig, dass ihnen eine Rede oder ein politischer Ansatz gefällt. Aber am Ende kommt immer die gleiche Forderung: Jetzt müsst ihr liefern. Und das wollen wir umsetzen.
Und wie erklären Sie den Menschen, warum vieles trotzdem so lange dauert?
HOLETSCHEK: Fakt ist, dass einiges passiert ist. Stichwort Mütterrente, Agrardiesel oder Gastronomie-Steuer - das steht im Koalitionsvertrag und ist alles umgesetzt worden. Auch beim Thema Migration hat sich viele bewegt, es gehen mehr Menschen, als zu uns kommen. Aber Fakten sind das eine, das Gefühl der Menschen ist es etwas anderes. Das Vertrauen in die Politik hat in den vergangenen Jahren gelitten und dieses Vertrauen zurückzugewinnen dauert länger, als Entscheidungen zu treffen.
In Umfragen trauen viele Bürger keiner Partei mehr zu, Probleme wirklich zu lösen. Was läuft aus Ihrer Sicht falsch?
HOLETSCHEK: Ich glaube, dass die Politik in den vergangenen Jahren teilweise an den Themen der Menschen vorbeigeredet hat: Viel zu oft ging es um Ideologie statt um Pragmatismus, um Wokeness, Gendern usw.. Da haben sich viele Bürger gefragt: Was hat das mit meinem Alltag zu tun? Die Leute wollen wissen: Fährt mein Zug? Kann ich mir meine Wohnung leisten? Bekomme ich einen Arzttermin? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt. Deshalb dürfen wir uns nicht damit zufriedengeben zu erklären, warum etwas nicht geht. Politik muss ganz konkret zeigen, wie Lösungen möglich werden und die Menschen im Alltag unterstützen.
Ganz konkret, was wollen Sie denn nun im Landtag angehen?
HOLETSCHEK: Wir haben schon viel abgearbeitet und umgesetzt – ob Ladenschlussgesetz, Wassercent, Modernisierungsgesetze, schuldenfreier Haushalt. Als Fraktion sind wir ein super Team. Die Zusammenarbeit mit dem Ministerpräsidenten und der Staatsregierung ist ausgezeichnet, auch mit den Freien Wählern funktioniert es gut. Ein großes Thema ist die Modernisierung des Staates. Wir müssen uns ehrlich fragen: Wie funktionieren Verwaltung und Behörden eigentlich aus Sicht der Bürger? Wie schnell erhalte ich eine Dienstleistung? Ziel muss sein, Verfahren zu beschleunigen und Bürokratie abzubauen. Das bedeutet auch, Zuständigkeiten zu überprüfen: Wo wird mehrfach kontrolliert? Und wo können wir es einfacher machen?
Können Sie ein Beispiel nennen?
HOLETSCHEK: Zum Beispiel müssen Dienstleistungen stärker gebündelt werden, damit Bürger nicht durch unzählige Behörden laufen müssen. Außerdem wollen wir neue Wege gehen - etwa in unseren Modellregionen, in denen Bürokratie reduziert wird und Kommunen mehr Spielraum bekommen: weniger Nachweise für Start-Ups, schnelleres Bauen von Schulen und Kindergärten. Alle Ideen sind willkommen. Das ist unser „Einfach-mal-machen-Gesetz“. Wir wollen Chancen öffnen, Neues auszuprobieren und nicht von vornherein sagen: Das geht nicht. Auch das gehört zum Paradigmenwechsel Richtung mehr Vertrauen und Eigenverantwortung.
Ist denn schon klar, wo diese Regionen sein sollen?
HOLETSCHEK: Wenn der Landtag zustimmt, wird das Gesetz schon Mitte Mai in Kraft treten. Ich stelle mir eine einfache Plattform vor, auf der sich jeder bewerben kann. Und dann gilt: Möglichst viele mitnehmen, auch Kommunen, Ehrenamtliche und Wirtschaft. Wir wollen ermöglichen, erproben und schnell umsetzen.
In Bayern fehlen 200.000 Wohnungen. Welche Ideen hat Ihre Fraktion, damit mehr gebaut wird?
HOLETSCHEK: Bezahlbarer Wohnraum ist eine der zentralen sozialen Fragen unserer Zeit. Deshalb investieren wir weiter in den Wohnungsbau, auch mit dem Sondervermögen - und beschleunigen Genehmigungen. Allein 2026/27 fließen 3,6 Milliarden Euro in den Wohnungsbau. Gleichzeitig wollen wir Spielräume für Nachverdichtung und Umnutzung schaffen. Wichtig ist auch, private Investitionen anzureizen – etwa durch bessere steuerliche Abschreibungen. Darüber hinaus diskutieren wir Modelle, mit denen privates Kapital stärker in den Wohnungsbau fließen kann, etwa durch Fonds.. Ich bin für Vorschläge offen. Man sollte nichts von vorneherein ausschließen.
Sie haben vor einem Jahr einen Kassensturz für den Freistaat gefordert. Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?
HOLETSCHEK: Mir ging es damals weniger um einen klassischen Kassensturz, sondern darum, Prioritäten zu setzen. Der Haushalt zeigt, dass Bayern weiterhin solide wirtschaftet: Wir machen keine neuen Schulden, haben eine hohe Investitionsquote und haben die Unterstützung für die Kommunen erhöht. Gleichzeitig sparen wir am Staat, indem wir Verwaltung und Bürokratie verschlanken, digitalisieren und KI nutzen. Genau das erwarten die Menschen: reformieren – konsolidieren – investieren. Gerade in schwierigen Zeiten ist das ein wichtiges Signal.
Sie haben dafür das Familiengeld gestrichen und in die Kitas umgeleitet . . .
HOLETSCHEK: Wir haben das Familiengeld reformiert und investieren das Geld in die Betreuungsplätze . . .
. .. die Familien bekommen es jedenfalls nicht mehr. Außerdem gehen Sie den Beamten ans Geld. Was streicht die Staatsregierung als Nächstes – die schwarze Null?
HOLETSCHEK: Sie meinen zusätzliche Schulden? Also das steht im Moment überhaupt nicht zur Debatte. Da haben wir uns klar darauf verständigt. Es gibt die Milliarden für die Infrastruktur aus dem Sondervermögen des Bundes, die müssen auch erst einmal verbaut werden und Wirtschaftskraft erzeugen.
Der Freistaat selbst hat auch gewaltige Investitionen versprochen. Denken wird nur einmal an die Milliarden, die für drei neue Unikiniken in Würzburg, Augsburg und München nötig sind. Wo soll das Geld herkommen?
HOLETSCHEK: Diese Investitionen sind entscheidend für die Zukunft Bayerns. Forschung, Innovation und Spitzenmedizin sind zentrale Faktoren für unseren Erfolg. Deshalb ist das Ob hier überhaupt keine Frage. Es geht darum, wie wir Verfahren straffen, Baukosten herunterbekommen und da sehe ich uns auf einem guten Weg. Die Entscheidung für Würzburg ist im Ministerrat gefällt worden und auch bei der Uniklinik Augsburg habe ich keinen Zweifel. Der Neubau kommt. Richtig ist natürlich, dass wir dafür stabile Steuereinnahmen brauchen. Deshalb ist es ja so wichtig, dass die Wirtschaft wieder anspringt.
Wenn die Baukosten runter sollen, wird die neue Uniklinik dann kleiner?
HOLETSCHEK: Da geht es nicht um kleiner oder größer. Es gibt Fortschritte beim Bauen. Es gibt Fortschritte in der technischen und medizinischen Entwicklung. Da muss man Pläne anpassen - auch die Zusammenarbeit mit den umliegenden Krankenhäusern kann man verbessern. Aber nochmal: An der Uniklinik an sich wird nicht gerüttelt. Da würden wir uns ja ins eigene Bein schießen. Wir brauchen solche Spitzen-Einrichtungen im eigenen Land dringend. Neben Innovation und Wirtschaft dürfen wir aber auch das Gefühl der Menschen nicht vergessen. Dialekt, Heimat, Ehrenamt, Vereine. Ich möchte an die Initiative von Alois Glück für mehr bürgerschaftliches Engagement anknüpfen und den Sinn für soziale Verantwortung und Gemeinschaft wieder stärken. Das werden wir in unserer Fraktion diskutieren und daraus parlamentarische Initiativen entwickeln.
Wenn Sie als Politiker völlig frei entscheiden könnten – was würden Sie sofort ändern?
HOLETSCHEK: Ein Thema, das mir besonders wichtig ist, ist die Pflege. Wir müssen sicherstellen, dass Menschen im Alter keine Angst vor finanzieller Überforderung haben. Die Kosten in der Pflege steigen stark, viele Familien geraten dadurch unter Druck. Ich würde deshalb sofort daran arbeiten, das System stabiler zu machen und versicherungsfremde Leistungen über Steuern finanzieren. Hilfe für die, die sie wirklich brauchen. Das ist der Kern des Sozialstaats. Und die Menschen müssen sich darauf verlassen können, dass der Sozialstaat funktioniert. Das heißt bei allen Reformen: Niemanden zurücklassen und keine soziale Kälte in unserem Land.
Zum Abschluss, haben Sie heuer einen Fastenvorsatz?
HOLETSCHEK: Ich wüsste zwar einen – aber ich würde ihn wahrscheinlich sofort wieder brechen. Ich nehme mir immer wieder vor, weniger Zeit am Handy zu verbringen und digital etwas zu entschleunigen. Gerade beruflich ist man ständig erreichbar. Beim Essen achte ich schon auf gesunde Ernährung und wenig Zucker. Aber gerade beim Thema Handy weiß ich: Abstinenz ist leichter gesagt als getan.
Zur Person
Klaus Holetschek, 61, ist als Chef der CSU-Landtagsfraktion einer der einflussreichsten deutschen Politiker. Die Fraktion hat den Memminger kürzlich mit mehr als 90 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt.
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