Mit nachdenklicher Miene blicken drei Männer auf ein Rednerpult, das auf einem Feld im Unterallgäu steht. Sie lauschen den Reden bei einem lang erwarteten Spatenstich: Dort in Sontheim entsteht ein neues Hochwasser-Rückhaltebecken. Es soll die Menschen in den umliegenden Orten vor Wassermassen schützen. Und so verhindern helfen, dass es noch einmal zu einem solchen Jahrhundert-Hochwasser wie im Juni 2024 in Schwaben kommt.
Die drei Männer - Rupert Fischer, Norbert Weber und Michael Kofler - sehen also zu, wie der Baustart von Landespolitikern und Wasserwirtschaftsamt Kempten (WWA) feierlich eröffnet wird. Auch wenn sie etwas wehmütig auf ihre jetzt ehemaligen Felder blicken - ohne die drei hätte der Bagger dort nicht graben können.
Hochwasserschutz: Ohne Grundstückseigentümer ginge es nicht
Denn die Landwirte sind Grundstückseigentümer - „gewesen“, sagt Rupert Fischer. Dann deutet er auf das Feld neben dem Rednerpult. Das habe ihm gehört. Jetzt soll dort ein 900 Meter langer Staudamm entstehen, der die 63 Hektar große Staufläche begrenzt. Im Jahr 2027 wird das Projekt in Sontheim voraussichtlich fertiggestellt sein.
15,5 Millionen Euro sollen in den Bau fließen. Die Landwirte haben zum Ausgleich für ihren Boden andere Tauschflächen erhalten. Das habe ganz gut geklappt, sagen sie unisono.
Ohne das Geschäft mit ihnen würde es das Projekt so nicht geben, sagt Bernhard Simon, Leiter des zuständigen Wasserwirtschaftsamtes Kempten. Das sei immer so, wenn Hochwasserschutz entsteht. Viele Gespräche müssten vor Ort und persönlich mit den Grundstücks-Eigentümern geführt werden. Zwar sind dort im Unterallgäu bereits drei von fünf geplanten Becken entstanden. In Sontheim wird nun das vierte gebaut.
Doch erst die Wassermassen des vergangenen Jahres hätten die Bürgerinnen und Bürger vom Sinn des Hochwasserschutzes so richtig überzeugt. Die Gemeinde Babenhausen hatte es im Juni 2024 besonders getroffen. Ohne die bereits fertiggestellten Becken wäre es wohl noch schlimmer gekommen, blickt Simon zurück. Der Anblick des vollgelaufenen und erst kurz vorher fertiggestellten Rückhaltebeckens in Engetried (Gemeinde Markt Rettenbach) sei vielen im Gedächtnis geblieben.
Im Günztal im Unterallgäu kommt es immer wieder zu Überschwemmungen
Das Günztal wurde schon vor Jahrzehnten als Problemfall erkannt. Die Dörfer rund um die Günz erwischte es gleich mehrmals: beim Pfingsthochwasser 1999, im Jahr 2002 und vergangenes Jahr erneut. Erste Überlegungen für einen Hochwasserschutz habe es schon 1999 gegeben, sagt Simon. Der Zeitraum vom Beginn einer ersten Planung bis zum Ende aller Baumaßnahmen erstreckt sich in der Regel über drei Generationen, sagt Simon.
Allein die Planung dauere meist zwei Jahrzehnte. Dazu kommen teils zähe Verhandlungen, Behörden müssen Verfahren genehmigen und Grund muss gekauft werden, heißt es vom WWA.
Der bayerische Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) ist jetzt ebenso nach Sontheim gekommen wie der Memminger Klaus Holetschek, CSU-Fraktionsvorsitzender im Landtag. Der Freistaat Bayern trägt rund 80 Prozent der 75 Millionen Euro Kosten des Großprojekts im Günztal, wo bis 2030 der Bau der fünf Hochwasser-Rückhaltebecken abgeschlossen sein soll.
Bayernweit habe der Freistaat seit 2001 bereits vier Milliarden in den Hochwasserschutz investiert, sagt Thorsten Glauber. Und dabei gehe es um nichts weniger als um die Zukunft der Heimat, „es geht um Menschenschutz“, ergänzt Holetschek.
Erkheim: Was sagt die Bevölkerung zu dem Hochwasserschutz?
In Erkheim, einem der nahegelegenen Orte, die durch das Sontheimer Rückhaltebecken geschützt werden sollen, erfährt man Zustimmung für den Bau. Eine Frau hält mit dem Rad an. Im Gespräch erwähnt sie, dass sie zwar nicht unmittelbar von dem jüngsten Hochwasser betroffen war, doch die Nachbarschaft schon.
In einer Bäckerei sagt eine Erkheimerin, dass sie durchaus wahrnehme, dass etwas zum Schutz passiert. Die Frauen finden das gut. Beunruhigt seien sie aber nicht gewesen. Ist das Hochwasser von Juni 2024 noch Thema im Dorf? Nein, sagen sie.
Ähnlich sieht es Johanna Schmölz. Die 29-Jährige wohnt etwas außerhalb des Dorfes auf einer Anhöhe. Dank dieser, sagt sie, sei ihr Haus verschont geblieben. An die Wassermassen erinnert sie sich noch gut: Sie konnte mit dem Auto nämlich nicht mehr nach Hause fahren - die Unterführung, die zu ihrem Wohnviertel führt, war vollgelaufen. Dass jetzt Millionen in den Schutz der Gemeinden fließen, sei „sicher nicht verkehrt“, sagt sie.
Rupert Fischer, Norbert Weber und Michael Kofler müssen einige Hektar Feld jetzt zwar woanders bewirtschaften. „Doch wir sehen schon, was los ist bei Hochwasser“, sagt Fischer. Alle drei sind bei der Freiwilligen Feuerwehr und waren im Einsatz, als Keller ausgepumpt wurden und Straßen mit Booten befahrbar waren. Das Verständnis für den Bau, sagen sie, ist da.
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