Frau Frühbeis, die meisten denken bei Comics an Superheldengeschichten und Hefte für Kinder. Ist das so?
LISA FRÜHBEIS: Als „Erwachsenencomics“ kennt man in Deutschland meistens nur Pornos. Das ist ein bisschen traurig. Ich hatte erst kürzlich eine lustige Begegnung am Markt, wo ich dem Händler meines Vertrauens erzählt habe, dass ich Comics zeichne. Als er erfahren hat, dass meine Zielgruppe Erwachsene sind, hat er komisch geguckt. Mein Mann hat hinterher zu mir gesagt: Der glaubt jetzt, du machst pornografische Comics.
Woher kommt dieses Image?
FRÜHBEIS: Das kommt noch vom Zweiten Weltkrieg und der Zeit danach. Im Nationalsozialismus wurden Comics verboten. Die Comics, die nachher nach Deutschland zurückgekommen sind, waren Schmuddelheftchen von amerikanischen Soldaten. Comics hatten also einen schlechten Ruf. Selbst den Asterix musste meine Mutter noch heimlich in der Waschküche lesen, obwohl das ein totales Bildungsbürgerwerk ist!
Hat sich dieses Bild heute verändert? Es gibt selbst auf der Buchmesse Leipzig eine eigene Messe für Mangas und Comics.
FRÜHBEIS: Bisher haben Comics vor allem in der Sparte Young Adult, also für junge Erwachsene, und durch Mangas eine größere Bekanntheit erfahren. Aber von den meisten Förderungen sind wir nach wie vor ausgeschlossen, und auch in der Berichterstattung ist wenig Platz für uns. In der Villa Massimo in Rom wurde kürzlich das erste Künstlerstipendium im Comic-Bereich an Barbara Yelin vergeben. Sie macht Comics über den Holocaust. Comics für Erwachsene sind einfach eine Nische in der Nische. Aber es ist so ein cooles Medium, mit dem man tolle Dinge erzählen kann.
Ihre früheren Comicbände „Busengewunder“ und „Der Zeitraum“ setzen sich mal lustig, mal persönlich mit dem Frausein in einer männlichen Welt auseinander. Für Ihren neuen Comic dokumentieren Sie die wahren Geschichten von Menschen in Deutschland ohne Aufenthaltsstatus. Warum wollen Sie mit Comics Journalismus machen?
FRÜHBEIS: Es gibt journalistische Comics aus Foltergefängnissen, von der Atomkatastrophe in Japan oder an der nordkoreanischen Grenze, wo Fotografieren und Filmen verboten ist. Dinge, wo ein Comic aber dem Ganzen ein Bild geben und das Thema greifbar machen kann. Das finde ich total interessant. Auf einem Workshop in Berlin haben Investigativjournalist Jonas Seufert und ich uns zusammengetan. Jonas Seufert recherchiert immer wieder zu Arbeitsausbeutung. Wir sind auf die Idee gekommen, die Leben von Menschen ohne Papiere in Deutschland zu erzählen, denn in Bildern können wir ihr Gesicht zeigen, ohne sie zu gefährden. Dann haben wir Anträge für Stipendien geschrieben und uns auf die Suche nach Gesprächspartnern begeben.
Und Sie haben die Menschen gefunden, die bereit waren, Ihnen ihre Geschichte zu erzählen.
FRÜHBEIS: Über ehrenamtliche Stellen haben wir vier Protagonisten gefunden. Das sind knallharte Leben, die da passieren. Einer unserer Protagonisten ist ins Gefängnis gekommen, hat da aber Wichtiges für sich mitgenommen. Aber er hat auch auf der Straße gelebt und wurde suizidal. Eine Frau war schwanger und hat einen Tag vor der Entbindung erst ihre Versicherungspapiere in Deutschland bekommen. Eine dritte Frau wurde von ihrer Puffmutter ausgebeutet und sagt gerade vor Gericht gegen sie aus. Und trotzdem sind die alle vier voller Hoffnung. Das ist beeindruckend.
Warum reicht es nicht, die Zustände, in denen Menschen illegal in Deutschland leben, einfach zu beschreiben oder mit Filmteam zu begleiten? Was kann ein Comic leisten, wo die Reportage nicht hinkommt?
FRÜHBEIS: Das Gesicht zu einer Lebensgeschichte zu sehen, hat natürlich immer eine Würde. Und ich kann auch in dem gezeichneten Bild viel über die Person erzählen. Da muss ich vieles nicht explizit ausformulieren wie in einem Text. Über Bilder kann ich erzählen, wie die Leute aufgewachsen sind, wie schaut ihr Leben in Deutschland aus, wie schauen die Straßen aus, in denen sie leben? Beim Lesen von Comics nimmt man das automatisch mit. Was ich im Bild machen kann, ist, einen ganz intuitiven Zugang zu schaffen. In Bildern kann ich sehr empathisch erzählen, weil es in die emotionale Region im Gehirn geht. Und weil es vor allem viel schneller aufgenommen wird als Text. Deswegen sind Comics leichter zugänglich als andere Medien.
Was haben Sie beim Zeichnen dieses Comics gelernt?
FRÜHBEIS: Für mich ist „Schattenleben“ auch ein Comic über Deutschland. Deutschland ist in Europa eines der härtesten Pflaster für papierlose Menschen. Menschen ohne Papier werden oft ausgebeutet, von der eigenen migrantischen Community, aber auch von Deutschen. Die Menschen haben nicht mal Zugang zur medizinischen Versorgung, weil sie bei einer Behandlung bei der Ausländerbehörde gemeldet werden müssen. Dadurch droht ihnen oft die Abschiebung. In Frankreich ist das anders, da gibt es eine universelle Absicherung. Dabei sollte medizinische Versorgung eigentlich ein Grundrecht sein. Es gibt aber elf ambulante Medibüros in Deutschland, wo Menschen ohne Papiere von Ehrenamtlern versorgt werden. Diese Ärztinnen und Ärzte behandeln die Undokumentierten, ohne sie zu melden. Die Defizite unseres Rechtsstaates werden also ganz stark von ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern ausgeglichen.
„Schattenleben – Menschen ohne Papiere erzählen“, von Jonas Seufert und Lisa Frühbeis, erscheint im Juni im Verlag Reprodukt.
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