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Zwischen Bio-Essen und Stockbett: So sieht es in Bayerns Jugendherbergen heute aus

Dirk Umann leitet die Jugendherberge in Lindau am Bodensee. Sie befindet sich in einem denkmalgeschützten Gutshof, unweit der Insel. Für Familien gibt es Zimmer mit Doppelbett.
Foto: AZ-Montage: Pauline Held; DJH Bayern, Robert Pupeter
Bayerns Mutmacher

Nur das Stockbett ist geblieben: So sieht es in Bayerns Jugendherbergen heute aus

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    Es gibt Bauwerke, die Kriege überdauern. Bräuche, die seit Jahrhunderten bestehen. Und es gibt das Stockbett. Es weckt Erinnerungen: an durchgemachte Nächte auf Klassenfahrten, zehn Jungs in einem Raum, Türen knallen, die Hälfte hat das Deo zu Hause vergessen und am Frühstückstisch dampfender Hagebuttentee.

    Ein altes Klischee, denn zuletzt hat sich in Bayerns Jugendherbergen viel getan: In diesem Jahr feiert der Dachverband, das Deutsche Jugendherbergswerk (DJH), sein 100-jähriges Bestehen. Der Landesverband Bayern will zeigen, wie sich seine Häuser der Gegenwart anpassen und für die Zukunft rüsten. Dusche und WC auf den Zimmern, Wlan, Bio-Verpflegung: Das ist in Bayern inzwischen nahezu überall Standard. Der Landesverband nimmt für die Modernisierung seiner Häuser Geld in die Hand.

    In Lindau befindet sich die Jugendherberge in einem alten Gutshof

    So wie aktuell in Lindau am Bodensee. Die eine Hälfte der Herberge wurde bereits saniert, im Winter steht der zweite Abschnitt an. Doch zwischen Umbau, Glasfaseranschluss und Cocktailbar bleibt eine Sache gleich: das Stockbett. Seit 100 Jahren ist es das Synonym für Nächte in Gemeinschaftsunterkünften. Zeit für eine Übernachtung in einem Stockbett am Bodensee.

    Hübsch hier, ist der erste Gedanke vor der Jugendherberge in Lindau. Zweiter Gedanke: Sieht so gar nicht nach Herberge aus. Seit 1997 befindet sich die Jugendherberge in einem ehemaligen Gutshof unweit der Altstadt auf der Insel Lindau. Ein Teil des Gebäudes steht unter Denkmalschutz. Weiße Fassade, hellblaue Fensterläden, schwere Holztür. Von innen dringen Stimmen nach außen. Kinder schreien, rennen in den Fluren. Gut, hier ist man also doch richtig. Dirk Umann, Herbergsleiter, grüßt an der Rezeption.

    71 Zimmer hat die Jugendherberge in Lindau. Vom Bahnhof Lindau-Reutin erreicht man die Herberge nach fünf Gehminuten.
    71 Zimmer hat die Jugendherberge in Lindau. Vom Bahnhof Lindau-Reutin erreicht man die Herberge nach fünf Gehminuten. Foto: DJH Bayern, Robert Pupeter

    „Da staunst du!“: Zum Jubiläum gibt es eine eigene Spotify-Playlist

    Der 52-Jährige trägt Sneaker, Jeans, ein gemustertes Hemd, darüber eine Weste mit Namensschild. Seit 17 Jahren leitet er die Herberge in seiner Heimat. An seiner Hosentasche klemmt ein Walkie-Talkie. „Großes Haus“, kommentiert er und lächelt. Dirk Umann lächelt viel. Sein freundlicher Blick hat so gar nichts von strengem Herbergsvater. Noch so ein veraltetes Klischee, eines, das Umann ablegen will. Für sich und seine Kollegen in den 45 anderen Jugendherbergen in Bayern. Der Slogan in Lindau lautet schließlich: „Da staunst du!“

    Dirk Umann (52) leitet seit 17 Jahren die Jugendherberge in Lindau am Bodensee.
    Dirk Umann (52) leitet seit 17 Jahren die Jugendherberge in Lindau am Bodensee. Foto: Pauline Held

    Staunen sollen die Gäste das ganze Jahr über. Zum Jubiläum bietet der Landesverband besondere Angebote für Familien, hat sich Fotochallenges überlegt, sogar eine eigene Spotify-Playlist gibt es. Hört sich alles sehr modern an? Soll es auch. „Wir tun einiges gegen dieses veraltete Image“, sagt Michael Gößl. Der 60-Jährige ist geschäftsführender Vorstand des bayerischen Landesverbands im Deutschen Jugendherbergswerk. Neben Personalmanagement und Bauprojekten kümmert er sich darum, seinen Häusern einen neuen Anstrich zu verleihen. Von außen und von innen. „In den letzten 15 Jahren haben wir konsequent unsere Häuser modernisiert und die Aufenthaltsqualität für unsere Gäste verbessert.“

    Das Stockbett bleibt: „Das ist unser Markenzeichen“

    In Lindau wurde kurz vor der Corona-Pandemie ein erster, millionenschwerer Sanierungsabschnitt abgeschlossen. Ende Oktober dieses Jahres geht es weiter. Bis April 2027 soll ein Großteil der 71 Zimmer renoviert werden. Dafür muss die Herberge für fünf Monate komplett schließen. Böden werden herausgerissen, Türen verbreitert (Stichwort: Barrierefreiheit), Duschen und WCs in Zimmern eingebaut. Die Stockbetten? Bleiben. „Das ist unser Markenzeichen“, sagt Umann. Lediglich die teils 40 Jahre alten Gestelle der Stockbetten will er abschleifen und neu lackieren lassen.

    Für Familien gibt es in der Jugendherberge in Lindau inzwischen auch Doppelbetten.
    Für Familien gibt es in der Jugendherberge in Lindau inzwischen auch Doppelbetten. Foto: Pauline Held

    Dirk Umann führt in den Speiseraum. Mittwoch ist „Veggie-Day“. Typisch schwäbisch gibt es Spätzle mit Soße. Sonst: viel Nudeln, Gemüse, Hähnchenfilet, Schnitzel, eine Salatbar. Spaghetti-Bolognese geht immer. In Lindau kocht das Küchenteam selbst und frisch. Über 20 Prozent der Lebensmittel bieten sie in Bio-Qualität an – eine Vorgabe des Verbands. Die Äpfel beziehen sie von einem Lindauer Obstgut. Das Eis in der Truhe neben der Rezeption kommt vom nahe gelegenen Bauernhof. Hagebuttentee gibt es hier überhaupt nicht mehr.

    Hell und lichtdurchflutet ist der Speisesaal der Lindauer Jugendherberge.
    Hell und lichtdurchflutet ist der Speisesaal der Lindauer Jugendherberge. Foto: Pauline Held

    In Oberstdorf ist die Verpflegung zu 100 Prozent Bio

    Bio: Mit diesem Label wirbt der Verband. „Vor allem die Familien wissen das sehr zu schätzen“, sagt Michal Gößl. Die Jugendherberge in Oberstdorf weist als Erste in Bayern einen hundertprozentigen Bio-Anteil auf. Weitere Einrichtungen sollen folgen.

    Während bestehende Häuser umgebaut (Lindau) oder neu gebaut werden (die modernste Einrichtung steht seit 2022 in München), müssen andere Jugendherbergen schließen. Seit der Corona-Pandemie kämpft der Verband mit gestiegenen Kosten und sinkenden Übernachtungszahlen. 2025 gingen die Übernachtungen um circa vier Prozent zurück. Gab es 2023 noch 50 Jugendherbergen in Bayern, sind es heute 46. Gerade in den Städten konkurrieren die Häuser mit Hostels, Hotels und Ferienwohnungen. „Vor 25 Jahren waren wir noch nahezu konkurrenzlos“, sagt Gößl. Und heute? „Es ist schwerer geworden, geschäftlich erfolgreich zu sein, eindeutig“, sagt er.

    Michael Gößl ist geschäftsführender Vorstand des bayerischen Landesverbands im Deutschen Jugendherbergswerk.
    Michael Gößl ist geschäftsführender Vorstand des bayerischen Landesverbands im Deutschen Jugendherbergswerk. Foto: DJH Bayern, Anna Junker

    Etwa 42 Prozent der Gäste in Jugendherbergen sind Schulklassen

    Aber zum Glück gibt es die Schulklassen. Rund 42 Prozent aller Übernachtungsgäste sind Schülerinnen und Schüler: „Da sind wir nach wie vor Marktführer, das ist unsere Nische“, betont Gößl. Denn im Gegensatz zu Hostels bieten die Jugendherbergen ein breites Bildungs- und Freizeitangebot. Das Motto lautet: „Gemeinschaft erleben.“ Und die erlebt man eben am besten im Mehrbettzimmer, im Sportraum im Keller oder bei der Fahrradtour um den Bodensee.

    Lernen in denkmalgeschützten Räumen: Die Jugendherberge in Lindau befindet sich in einem ehemaligen Gutshof.
    Lernen in denkmalgeschützten Räumen: Die Jugendherberge in Lindau befindet sich in einem ehemaligen Gutshof. Foto: Pauline Held

    Gleichzeitig würden die Kinder Eigenverantwortung und Selbstständigkeit lernen. Wie vor 100 Jahren gilt: Die Bettwäsche bezieht man selbst. Wer das Zimmer verlässt, fegt durch und nimmt den Müll mit. Noch so eine Sache, die bleibt. Wie das Stockbett.

    Wer in einer Jugendherberge übernachten will, braucht eine Mitgliedschaft

    Wer in einer Jugendherberge übernachten will, muss Mitglied im Verband sein. Der Beitrag stieg zu Jahresbeginn an. Statt 22,50 Euro zahlen Familien und über 27-Jährige nun 27,50 Euro im Jahr. Eine Erhöhung war unausweichlich, sagt Gößl. Denn das Jugendherbergswerk ist eine gemeinnützige Organisation, die auf Mitgliedsbeiträge und Fördergelder angewiesen ist. Während die Mitgliedszahlen laut Gößl seit mehreren Jahren sogar leicht ansteigen (auf Bundesebene 2,4 Millionen Menschen, in Bayern rund 260.000), sieht es bei den Fördergeldern schlecht aus. Inflation, hohe Energiepreise und Modernisierungsdruck zum Trotz.

    „Bis 2019 waren wir sehr gut aufgestellt“, erklärt Gößl. 2018, ein Jahr zuvor, begann der Landesverband mit dem Neubau der Jugendherberge München City. „Das hat uns viele Körner gekostet.“ Mit der Baustelle rutschte der Verband mitten in die Corona-Pandemie. Dadurch verzögerte sich der Bau um mehrere Jahre und wurde teurer als angenommen. „Das hat unsere finanzielle Situation sehr belastet.“ 2022 dann der Angriff auf die Ukraine. Hohe Energiekosten, unterbrochene Lieferketten, Baustoffmangel. „Die Baukosten sind exorbitant gestiegen.“

    Die modernste Jugendherberge Bayerns steht seit 2022 mitten in München: Blick in ein Zimmer in München City.
    Die modernste Jugendherberge Bayerns steht seit 2022 mitten in München: Blick in ein Zimmer in München City. Foto: Sven Hoppe, dpa

    Seit rund drei Jahren fährt der Landesverband deswegen einen „massiven Sparhaushalt“.

    Seit 20 Jahren unverändert: Wie viel Förderung kommt vom Freistaat?

    Das Problem: Der Landesverband erhalte zwar insgesamt eine jährliche Förderung vom Freistaat Bayern in Höhe von 1,45 Millionen Euro für alle 46 Häuser. Damit ergehe es ihm sogar noch besser als Partnerverbänden in anderen Bundesländern, betont Gößl. Jedoch sei die Summe seit 20 Jahren gleich geblieben. Eine Inflationsbereinigung fand nicht statt. „Wir sind deswegen immer wieder mit dem Sozialministerium im Gespräch.“

    Es wird Abend in Lindau. Dirk Umann wartet auf eine Schulklasse, die von ihrem Ausflug auf den Pfänder, den Hausberg von Bregenz, zurückkommt. Eine andere Gruppe bricht zu einer Nachtwanderung auf. Gegen 22 Uhr sind die meisten auf ihren Zimmern. An Schlaf ist bei den Schülerinnen und Schülern nicht zu denken. Jetzt passiert doch erst all das Magische, das eine Übernachtung in einem Sechsbettzimmer mit sich bringt. Flüstern, Tuscheln, Kichern. Geheimnisse von Stockbett zu Stockbett austauschen. Wo geht das besser als hier?

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