Startseite
Icon Pfeil nach unten
Bayern
Icon Pfeil nach unten
Innenstadt
Icon Pfeil nach unten

Roy Bianco und die Abbrunzati Boys: Wenn die Riviera ruft, ist Italo-Schlager die Antwort

Urlaub in Italien

Sempre Italia! Wenn die Riviera ruft, ist Roy Bianco die Antwort

  • |
  • |
  • |
  • |
    Sechs Männer Anfang 30, die das Lieblingsland der Deutschen zum Thema ihrer Musik machen: Das sind Roy Bianco und die Abbrunzati Boys.
    Sechs Männer Anfang 30, die das Lieblingsland der Deutschen zum Thema ihrer Musik machen: Das sind Roy Bianco und die Abbrunzati Boys. Foto: Ludwig van Borkum

    Von Italien kann man nicht einfach nur erzählen. Da muss man schwelgen. Denn Italien – das ist für uns Deutsche nicht irgendein Urlaubsland. Es ist ein Versprechen. Von Leichtigkeit und Genuss. Von der perfekt gebackenen Pizza, von der wir uns im Urlaub ausnahmsweise eine mehr gönnen. Von Menschen, die uns freundlich empfangen und in eingeübter Glaubwürdigkeit loben, wenn wir mit falsch ausgesprochenen Phrasen glänzen wollen. Es ist die Verheißung des süßen Nichtstuns, des schönen Lebens. La dolce vita eben! Und der sanften Brise, die über unsere aufgeheizte Haut weht, wenn wir am Lido unter dem Sonnenschirm liegen.

    Nein, Italien ist nicht einfach nur ein Land. Es ist der Ort, an den wir immer wieder zurückkehren. Und an dem wir ein ganz bestimmtes Lebensgefühl suchen. Generationen hat sie überdauert, so groß ist die Italien-Sehnsucht der Deutschen. Heute ist sie vielleicht stärker denn je – nicht unbedingt dank der Älteren, die den Ansturm auf das sonnige Land im Süden in den 1950er und 1960er Jahren selbst noch miterlebt haben. Es sind vor allem junge Leute, die eben diese deutsche Ur-Erfahrung – Ferien machen in Italien – romantisieren: vom Brenner über die Vespa bis zum Rotwein.

    Der Italo-Schlager ist zurück – aber nur ironisch

    Kein Wunder also, dass diese Italienliebe sogar ein eigenes Musikgenre bedient: Italo-Schlager. Kaum jemand hat die 1980er Jahre so sehr geprägt wie Eros Ramazzotti, Gianna Nannini oder Adriano Celentano. All das ist Kult, und ausgerechnet eine Band aus Augsburg lässt ihn nun erneut aufleben.

    Es ist ein warmer Abend im Juli. Auf dem Rosenheimer Sommerfestival wird es allmählich eng, als der Hauptact endlich die Bühne betritt: sechs Männer mit Schnauzer und Sonnenbrille, gekleidet in bunten Anzügen und schrillen Paillettenjeans. „Ein ganz herzliches Grüß Gott“, wünscht einer der Frontmänner, „und ein feuriges Buongiorno“. Die Menge jubelt. „Ich bin Roy Bianco“, sagt er dann. „Und ich bin Die Abbrunzati Boys“, stellt sich der Mann neben ihm vor. Ein Teil des Publikums ist noch damit beschäftigt, den Witz zu begreifen, da erzählt Die Abbrunzati Boys schon einen Schwank aus der Vergangenheit: „43 Jahre Italo-Schlager! Wir mögen nicht so aussehen, aber es ist so: Wir tun das seit 43 Jahren.“

    Roy Bianco (links) und Die Abbrunzati Boys (rechts) sind die Frontmänner der Band, die gerade deutschlandweit erfolgreich ist.
    Roy Bianco (links) und Die Abbrunzati Boys (rechts) sind die Frontmänner der Band, die gerade deutschlandweit erfolgreich ist. Foto: Ludwig van Borkum

    Ältere Zuschauerinnen und Zuschauer runzeln die Stirn. Denn auch wenn sie sich kleiden und so verhalten wie eine 80er-Jahre-Schlagerband – die Männer auf der Bühne sind allesamt erst Anfang 30. Eingeweihte Fans hingegen lachen darüber, denn sie kennen den erfundenen Gründungsmythos, an dem die Band bis heute festhält. Die Erzählung geht so: Roy Bianco und die Abbrunzati Boys haben sich Silvester 1981 am Gardasee kennengelernt. Dort beschlossen sie, gemeinsam Musik zu machen. Mit der übrigen Showband an Bord, gelang ihnen beim Schlagerfestival in Rio de Janeiro 1984 dann der große Durchbruch.

    In Wahrheit gibt es die Gruppe seit 2016, doch öffentlich würden das die Bandmitglieder niemals aussprechen. Egal, wo sie auftreten und mit wem sie reden – ihre Rollen verlassen die sechs Männer nie. Hinzu kommen weitere Absurditäten, wie der Bandname, der eine Anspielung auf die Schlagersänger Roy Black und Roberto Blanco ist. Oder ihr Debütalbum, das sie unter dem Namen „Greatest Hits“ veröffentlichten. Es ist ein ironisches Gesamtkonzept – und zwar mit System.

    „Nach Brennero geht‘s bergab, zwanzig Mark für Telepass“

    „Es ist eine musikalische Komödie“, erklärt Musikwissenschaftler Moritz Kelber, der an der Universität Augsburg lehrt. Dass sich die fiktive Bandgeschichte durch jedes Interview und jeden Live-Auftritt zieht, „das gehört zur Popmusik dazu“, sagt er. „Man will, dass die Leute wiederkommen und eine Reise mitgehen, und dass man das Publikum an sich bindet. Dafür baut man eine große Erzählung auf.“ Wer Roy Bianco und die Abbrunzati Boys also einmal verstanden hat, kann Teil der Erzählung werden. Ist es das, was die Fans so begeistert?

    „Ich glaube, die Leute finden Schlager einfach lustig“, sagt eine junge Frau im Publikum. Es ist ihr drittes Konzert von Roy Bianco und die Abbrunzati Boys. „Und auch die Storyline dahinter macht natürlich Spaß.“ Das allein macht den Reiz für sie aber nicht aus. „Sie verbinden das mit diesem Italo-Ding, mit dem wir alle aufgewachsen sind. Und die Texte sind lustig, das ist die Hauptsache.“

    Ein bisschen Glück liegt im Schatten des Vesuvs. Ein Blick von dir – und ich weiß, alles wird wieder gut.

    Roy Bianco und die Abbrunzati Boys in „Bella Napoli“

    Gitarre, schnelle Synthesizer-Beats und Schlagzeug pulsieren von der Bühne, dann beginnt Roy Bianco mit rollendem R zu singen. „Nach Brennero geht‘s bergab, zwanzig Mark für Telepass, und im Morgen liegt schon ein gelobtes Land.“ Keine andere Band lässt die Fahrt über den Brenner so verlockend klingen. Und keine andere Band fängt den verklärten, deutschen Blick auf Italien so gut ein.

    Die Musik mag zunächst einfach wirken, aber Moritz Kelber von der Universität Augsburg erkennt sofort: Dahinter stecken Profis. „Es ist Musik, die zum Mitsingen einlädt und dadurch im Ohr bleibt“, sagt er. Das habe viel mit der Stimmgebung des Sängers zu tun. „Es klingt so, als ob er zum ersten Mal auf der Bühne stehen und zum ersten Mal in ein Mikrofon singen würde“, meint der Experte. Das Timing aller Songs sei jedoch immer perfekt: „Da sitzt jeder Schnitt und jede Zeile.“

    In den 1950er Jahren brach in Deutschland das Italienfieber aus

    Die Texte sind schnulzig, melancholisch und voll beladen mit Nostalgie und Klischee. In „Bardolino“ beweinen sie den Herzschmerz am Gardasee, „Ponte di Rialto“ ist eine Hymne an die Liebe und an die Lagunenstadt Venedig. Und in ihrem bekanntesten Song, „Bella Napoli“, geht es um die Schönheit Neapels: „Ein bisschen Glück liegt im Schatten des Vesuvs. Ein Blick von dir – und ich weiß, alles wird wieder gut.“

    Italien wurde bereits kurz nach dem Krieg zum beliebtesten Reiseziel der Deutschen außerhalb der eigenen Grenzen. Mitte der 50er Jahre wurde es durch gelockerte Reisebestimmungen einfacher, in den Süden zu reisen. Daraufhin brach in Deutschland das Italienfieber aus. Pizzerien und Eisdielen eröffneten in der gesamten Republik. Und bereits 1960 ging es für jeden zehnten der 13 Millionen Urlauber in das Land am Mittelmeer. Mehr als die Hälfte reiste damals noch mit dem Zug. Erst mit der Zeit überholten Auto und Flugzeug die Eisenbahn als Transportmittel.

    Es war einmal auf Capri, vor nunmehr dreißig Jahren. Da war die Welt ein Paradies und wir sind hingefahren.

    Roy Bianco und die Abbrunzati Boys in „Capri ’82“

    Auch die Art des Urlaubs hat sich mit der Zeit gewandelt. Zunächst besichtigten die Urlauber die klassischen Sehenswürdigkeiten oder zelteten in malerischen Buchten. Diese wurden jedoch, besonders an der Adria, schnell mit einfachen Unterkünften zugebaut. Das machte den Urlaub am Mittelmeer auch für Menschen mit geringerem Einkommen erschwinglich. Denn auch wenn viele davon träumten: Reisen war damals keineswegs der Standard. Erst 1973 konnte es sich mehr als die Hälfte der Bundesbürger leisten, in den Urlaub zu fahren. Heute reisen die Deutschen dagegen so viel wie nie. Und das beliebteste Ziel ist nach wie vor: Italien.

    „Sie regen da eine sehr universelle kulturelle Prägung bei uns an“, erklärt Ethnologin und Kulturwissenschaftlerin Kirstine Fratz, die ihren Forschungsschwerpunkt auf den Zeitgeist gelegt hat. „Italien tritt so vom Lebensgefühl her keiner Gruppe zu nahe.“ Soll heißen: Auch wenn unsere Gesellschaft zunehmend gespalten wirkt, ist Italien so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner, auf den wir uns alle einigen können. Gerade für angelsächsisch oder protestantisch geprägte Länder wie Deutschland sei Italien vielleicht der ideale Sehnsuchtsort, sagt sie. Während Deutschland eher für Arbeitsmoral und Struktur steht, steht Italien für etwas anderes. „Dem Schönen, dem Genuss, der Liebe und dem Design – dem geben sie dort viel mehr Raum.“

    Konzerte von Roy Bianco und die Abbrunzati Boys sind ausverkauft

    Hinzu kommt: Um sich mit dieser Italien-Sehnsucht identifizieren zu können, müssen die jungen Fans von Roy Bianco und die Abbrunzati Boys dort noch nicht einmal selbst gewesen sein. Kirstine Fratz erklärt, die Band arbeite in ihren Texten viel mit Symbolen, die kulturell positiv vorgeprägt sind – „durch die Medien, alte Filme und Erzählungen der Eltern“. Dass Italien in Deutschland Kultstatus hat, wird einem also in die Wiege gelegt. Das sei schon die halbe Miete, meint Fratz.

    „Komm ein bisschen mit nach Italien“, sang Caterina Valente schon in den 1950er Jahren. „Ti amo“, hieß es bei Howard Carpendale in den 1970ern. Nun sind es eben Roy Bianco und die Abbrunzati Boys, die die Spielhallen in Jesolo und die Gondolieri in Venedig besingen. Und das mit gewaltigem Erfolg. Ihre Alben landen regelmäßig auf Platz 1 der deutschen Charts, Konzerte sind ausverkauft. Zum 30-jährigen Jubiläum des legendären Musikfestivals „Rock im Park“ in Nürnberg war die Gruppe heuer gar als Überraschungsgast geladen. Italo-Schlager trifft heute also wieder einen Nerv. Vielleicht sogar einen ganz bestimmten.

    In den 60er Jahren war Caterina Valente eine der populärsten Schlagersängerinnen in Deutschland.
    In den 60er Jahren war Caterina Valente eine der populärsten Schlagersängerinnen in Deutschland. Foto: Wolfgang Weihs, dpa

    In Rosenheim ist die Sonne mittlerweile untergegangen und das Bühnenlicht gedimmt. Roy Bianco und Keyboarder Ralph Rubin treten zur Europahymne auf die Bühne und verneigen sich. Das Keyboard steht derweil in Flammen – für das Lagerfeuer-Gefühl, denn jetzt folgt die Ballade des Abends. Ralph Rubin spielt eine melancholische Melodie an, dann stimmt Roy Bianco ein. „Es war einmal auf Capri, vor nunmehr dreißig Jahren“, singt er. „Da war die Welt ein Paradies und wir sind hingefahren.“ Das Publikum ist textsicher. Einige liegen sich in den Armen, andere schunkeln langsam im Takt.

    Ironie erleichtert den Fans den Zugang zur Musik

    Auch in „Capri ’82“ geht es um Italien. Doch es geht auch um die Vergangenheit, um die Sehnsucht nach einer Zeit, die einfacher wirkt als die jetzige. Betreiben die Fans von Roy Bianco also Realitätsflucht? Forscherin Kirstine Fratz sieht es eher als Kompensation: „Wir sind den ganzen Tag damit beschäftigt, uns in Ausgleich zu bringen. Sich in einem kulturellen System zu bewegen, bedeutet immer, dass irgendetwas nicht zum Tragen kommt.“ Dadurch entwickle sich ein „emotionales Dazwischen“, ein leeres Feld der Sehnsucht, das erfüllt werden möchte.

    Genau diese Lücke füllen Roy Bianco und die Abbrunzati Boys, wenn sie über das Verliebtsein, das Vespa-Fahren und die Riviera singen. „Es hat wirklich was damit zu tun, aus dem Alltag auszubrechen und an die ganz großen Gefühle heranzukommen, die einem Lebensqualität geben“, meint Kirstine Fratz. Es ist ein musikgemachter Italienurlaub.

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein

    Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.

    Anmelden

    Sie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren