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Schichtl beim Oktoberfest: Manfred Schauer blickt auf 40 Jahre zurück

Oktoberfest 2025

Wiesn-Urgestein Manfred Schauer lebt fürs Schafott

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    „Auf geht‘s beim Schichtl“: In der Schaustellerstraße stellt Manfred Schauer sein Theaterkabinett vor und lockt Publikum an.
    „Auf geht‘s beim Schichtl“: In der Schaustellerstraße stellt Manfred Schauer sein Theaterkabinett vor und lockt Publikum an. Foto: Felix Gnoyke

    Es hätte ewig so weitergehen können. Mehr als zwanzigmal am Tag kullert ein blutiger Kunstkopf vom Schafott. Mehr als zwanzigmal am Tag springt Manfred „Schichtl“ Schauer in seinem Frack mit Leopardenmuster auf die Vorbühne, um Publikum in sein Varietétheater zu locken. „Auf geht’s beim Schichtl“, tönt es dann, in München kennt man das.

    Der Schichtl, mit 156 Jahren der älteste Schaustellerbetrieb auf dem Oktoberfest, ist eine Konstante wie die steigenden Bierpreise. Aber sogar beim Schichtl passieren Überraschungen, erst kürzlich eine von trauriger Natur. Im Juli verstarb Ringo Praetorius, der gefürchtete Henker. Genau 40 Jahre, nachdem er mit Manfred Schauer den Schichtl zu dem gemacht hatte, was er heute ist. „Einmal krank kann jeder machen, aber sterben war nicht abgemacht“, sagt Manfred Schauer, der nun als einziger übrig bleibt, als „Rest vom Anfang“. 40 Jahre Schauer beim Schichtl: Was hat sich da getan? Ein Besuch vor und hinter der Bühne.  

    Manfred Schauer, Quereinsteiger aus der Großmarkthalle, übernahm das Varieté der Schaustellerfamilie Schichtl 1985. Da war das Theater schon längst mit Zaubertricks, Akrobatik und Illusionen auf der Wiesn bekannt geworden. Bis heute folgt eine Show beim Schichtl immer demselben Skript: Auf der Vorbühne in der Schaustellerstraße ködert Manfred Schauer mit markigen Sprüchen sein Publikum.

    Im Varieté wählt der Henker jemanden fürs Schafott aus. Zuerst ein paar Scherze über die Verurteilten, dann hackt das Fallbeil fachkundig den Kopf ab – aber keine Angst, alles Illusion. Der Trick ist ein wohlbehütetes Geheimnis. Nach der Inspektion der Speiseröhre kommt wieder zusammen, was getrennt wurde. Ein simpler Plot, aber wunderbar unterhaltsam, gerade weil Erwartungen befriedigt werden.

    40 Jahre Schauer beim Schichtl: Neuer Henker, altes Skript

    Als sich der Schichtl an diesem Dienstag Zeit für ein Gespräch nimmt, gibt es nur wenige Menschen zum Ködern und zum Köpfen. Nieselregen und wolkenverhangener Himmel schmälern die Kaufkraft. Er nimmt auf einer Bank vor der Bühne Platz, trägt statt Leo-Frack und Hut eine Trachtenjacke. Wer den Schichtl fragt, was sich so getan hat in 40 Dienstjahren, die er nun schon goschert ins Publikum hineinruft und in denen er zum Chronisten der Wiesn geworden ist, bekommt Antworten, die sich mal mehr an der Form, mal mehr am Inhalt laben.

    Zum Gespräch hinter der Bühne erscheint Manfred Schauer statt in Leo-Frack und Hut mit Trachtenjacke. Doch bald geht es weiter: der nächste Kopf will vom Körper fliehen.
    Zum Gespräch hinter der Bühne erscheint Manfred Schauer statt in Leo-Frack und Hut mit Trachtenjacke. Doch bald geht es weiter: der nächste Kopf will vom Körper fliehen. Foto: Felix Gnoyke

    Ob sich das Publikum verändert hat? Ja, sagt Manfred Schauer, manche sind gekommen, andere sind gestorben. Und doch: „Wir haben eine hohe Zahl von Stammkunden, die ohne ärztliche Überweisung auftauchen.“ Wie halten es die Leute mit dem Humor? Sie seien empfindlicher geworden, aber nicht sensibler, sagt der Schichtl. Jeder nehme sich selbst zu ernst. „Zu viele Amateurprofis sind unterwegs.“ Trotzdem findet er sein Publikum fast ausschließlich nett, auch die Betrunkenen zu später Stunde hat er ein bisschen lieb. Er lehnt sich nach vorne und diktiert: „Wenn der Rausch dich in die Arme nimmt, bist du Gast in deinem Körper.“

    Aufhören? Sobald er zur Vernunft kommt, sagt der Schauer vom Schichtl

    Und die Tänzerinnen und Magier seines Varietés? Viele sind nach einem Jahr wieder gegangen, hätten überschätzt, wie viel so eine Wiesn abverlangt, sagt Schauer. Bis zu 300 Vorführungen innerhalb von 16 Tagen. Dieses Jahr habe er eine neue Sängerin engagiert, direkt aus der Mailänder Scala.

    Tretmine Schreivogel ihr Name. Ein Künstlername?

    Was soll das sein – Schauer schüttelt mit großen Augen den Kopf. Und dann der neue Henker: Martin Kollmann heißt er im echten Leben, beim Schichtl ging er dem Henker Ringo seit 2019 als Knecht zur Hand. Er entschädelt liebevoller als sein Vorgänger, befand die Süddeutsche Zeitung. „Man muss der Evolution ihren Lauf lassen“, sagt Schauer und lehnt sich zurück.

    Zu guter Letzt der Schichtl selbst: Was machen 40 Jahre Wiesn mit einem? 72 Jahre zählt Manfred Schauer und urteilt: „Je älter ich werde, desto komischer wird alles andere drumherum.“ Seine Gedanken will er zu einem Buch machen, den Titel hat er schon mal: „Schichtls visionäre Betrachtungen inklusive morgen“. Weitermachen will er, bis er selbst zur Vernunft komme, oder aus der Familie jemand sage: Manni, lass gut sein. „Denn loslassen ist eine Kunst.“

    Auf einmal gibt es noch eine Überraschung: Manfred Schauer muss los, ein Mitarbeiter in Frack und Zylinder ruft ihn. Vor der Vorbühne warten schon die Leute, ein weiterer Kopf will vom Körper fliehen. Manfred Schauer springt auf wie ein Jungspund und verschwindet aus dem Varieté. Kurz darauf sieht man ihn auf die Vorbühne wackeln, die Musik setzt ein. „Meine Damen und Herren, wir ham a technisches Problem gehabt“, sagt er fröhlich und winkt zum Abschied.

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