Deutschlands Wirtschaft kommt nicht vom Fleck. Selbst die Bundesregierung rechnet nicht mehr mit einer spürbaren Erholung in diesem Jahr und hat ihre Wachstumsprognose bereits auf 0,5 Prozent gesenkt. Gründe für die Krise gibt es viele, der Krieg im Iran ist nur einer davon. Klar ist aber, je länger die Energiepreise hoch bleiben, desto stärker spüren die Verbraucher die Folgen. Mittlerweile fällt der Konsum als Stütze der Wirtschaft weitgehend aus. Das Konsumklima ist laut der jüngsten Umfrage des Nürnberg Institut für Marktentscheidungen (NIM) auf dem niedrigsten Stand seit Februar 2023. Die Folgen sind für den Einzelhandel dramatisch.
Wolfgang Puff, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Bayern, warnt vor einer Pleitewelle in der Branche: „Der Handel ist seit dem Jahr 2020 quasi im Dauerkrisenmodus. Wenn die Konsumzurückhaltung anhält, könnten bis Jahresende 1000 Geschäfte in Bayern verschwinden, Neueröffnungen bereits einberechnet“, sagt er unserer Redaktion. Denn während die Umsätze schwach blieben, machten sich gestiegene Kosten für Energie und Personal, etwa durch den höheren Mindestlohn, direkt in den Bilanzen bemerkbar.
Zahl der Insolvenzen im Handel könnte steigen
Wie tief viele Händler mittlerweile in der Krise stecken, zeigt auch eine aktuelle Konjunkturumfrage des Münchner Ifo-Instituts. Demnach sehen acht Prozent der Unternehmen in Deutschland den eigenen Fortbestand gefährdet. Im Einzelhandel lag der Wert mit über 17 Prozent mehr als doppelt so hoch. Höhere Werte gab es nur in den Bereichen Beherbergung und Gastronomie.
Ifo-Umfrageleiter Klaus Wohlrabe rechnet mit mehr Pleiten im Handel: „Die Insolvenzzahlen dürften vor dem Hintergrund der geopolitischen Unsicherheit in den kommenden Monaten auf einem hohen Niveau bleiben.“ Insgesamt fürchteten 1,6 Prozent aller Unternehmen im Groß- und Einzelhandel, dass sie ihr Geschäft aufgeben müssen. Wichtigster Grund für die Sorgen war in der Ifo-Umfrage die Kaufzurückhaltung der Verbraucher. Zusätzlich belasteten der wachsende Online-Handel und Billiganbieter aus dem Ausland die Geschäfte.
Die Sparneigung der Verbraucher ist hoch
Ende 2015 gab es laut Handelsverband noch etwa 372.000 Geschäfte in Deutschland. In den vergangenen Jahren haben bereits Zehntausende geschlossen. Heuer könnte die Zahl erstmals unter 300.000 sinken. Der wichtigste Grund für die Kaufzurückhaltung der Verbraucher sind laut Rolf Bürkl, Konsumklima-Experte beim NIM, die drastisch gesunkenen Einkommensaussichten der Verbraucher. Maßgeblich getrieben von höheren Preisen für Energie ist die Inflation im April auf 2,9 Prozent gestiegen. Im Februar waren es noch 1,9 Prozent. „Vor diesem Hintergrund erachten die Menschen auch den Zeitpunkt für größere Anschaffungen derzeit als weniger günstig“, erklärt Bürkl.
Stattdessen wird das Geld zusammengehalten, die Sparneigung sei trotz leichter Rückgänge weiter auf hohem Niveau. „Haushalte mit einem größeren verfügbaren Einkommen sagen in unseren Umfragen sogar noch häufiger, dass sie mehr sparen wollen“, sagt Bürkl. Etwa ein Drittel der Haushalte verfüge aber gar nicht über Rücklagen in nennenswertem Umfang. „Wenn diese Menschen pendeln und deutlich höhere Kosten für Benzin haben, müssen sie sich an anderer Stelle einschränken.“
Gespart werde bei allem, was nicht zum täglichen Bedarf gehöre, sagt Handelsverbands-Chef Puff. Große Sorgen hätte etwa der Modehandel, der aber zu den Leitbranchen für die Innenstädte gehöre. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes ging der Umsatz im Textilhandel im März im Vergleich zum Vorjahr um fast fünf Prozent zurück. „Die Kunden achten auf jeden Cent“, so Puff.
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