Der Dienstag, sagt Sepp Mayer und schaut durch das Fenster seines Wohnzimmers in seinen winterkahlen, nieselregennassen Garten, der Dienstag also sei ein guter Tag zum Sterben. Am besten im Februar, wenn die ersten Märzenbecher blühen. Mayer, 84 Jahre alt, hat ein sehr unverkrampftes Verhältnis zum Tod. Man möchte fast sagen: ein freundschaftliches. „Der Gedanke macht mir keine Angst“, sagt er und lächelt. „Im Gegenteil. Er befreit mich.“ An diesem Dezembervormittag sitzt der Mann in Blue-Jeans und rotem Pulli auf einem Holzstuhl im Erdgeschoss seines Hauses im Münchner Stadtteil Laim, hinter ihm ein großes Bücherregal und ein alter Bauernschrank. Vor ihm ein kleines Tischchen mit Mosaikplatte, dahinter die tiefe Fensterbank, der Blick nach draußen. Dann beginnt Mayer zu erzählen. Von seinem Wunsch, zu sterben.
Mayer ist nicht krank, nicht gebrechlich. Er ist nur einfach, im wahrsten Sinne, lebensmüde. Es würde langsam reichen, findet er. Selbstbestimmt dem eigenen Dasein ein Ende setzen - das wünscht sich Mayer. Und das ist in Deutschland möglich, seit das Bundesverfassungsgericht im Februar 2020 das Verbot der Suizidhilfe für verfassungswidrig erklärt hat. Genauer: das „Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung“. Seither können sich Menschen wie Mayer, aber natürlich vor allem auch solche, die schwer krank sind, eine Freitodbegleitung vermitteln lassen.
Eine gesetzliche Neuregelung der Sterbehilfe gibt es bisher nicht
Eine wirkliche Reform der Sterbehilfe gibt es trotz des Urteils in Deutschland aber bisher nicht. Im Sommer 2023 hat der Bundestag zwei Gesetzesentwürfe zu einer Neuregelung abgelehnt. „Wir lassen Menschen mit Sterbewunsch allein“, sagte damals die Grünen-Politikerin Renate Künast, die mit ihrem Vorschlag gescheitert war. Ihre Kritik: Im Bereich der Sterbehilfe agierten Vereine, deren Arbeit nicht klar geregelt sei und die den Zugang zur Hilfe von hohen Beiträgen abhängig machten. Unter anderem die Bundesärztekammer hatte damals aber davor gewarnt, eine Neuregelung zu überstürzen. Das Parlament müsse sich ausführlich mit dem Thema befassen, zudem brauche es eine breite gesellschaftliche Debatte. Auch der damalige bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek hielt eine Abstimmung im Bundestag für verfrüht. Einer seiner Kritikpunkte war, dass die geplante Neuregelung die Suizidprävention nicht ausreichend stärke.
Sepp Mayer aus Laim kennt die politischen Debatten der vergangenen Jahre. Er selbst beschäftigt sich indes schon viel länger mit dem Thema - seit fast 40 Jahren ist er Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS). Seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts sind dort die Zahlen der Freitodbegleitungen deutlich gestiegen. 2021 beendeten in Deutschland 120 DGHS-Mitglieder auf diesem Weg ihr Leben, im Jahr 2023 waren es bereits 419. Die Vermittlung des assistierten Suizids ist im Mitgliedsbeitrag der DGHS enthalten. Vorbereitung und Durchführung kosten dann 4000 Euro. Für Paare, die gemeinsam sterben wollen, sind es 6000. „Das ist doch ein großes Glück, dass es möglich ist, menschenwürdig aus dem Leben zu scheiden“, sagt Mayer.
Sepp Mayer will auf keinen Fall ins Pflegeheim
Menschenwürdig, selbstbestimmt - diese Worte fallen oft im Gespräch mit Mayer, das vieles ist, vor allem reflektiert, versöhnlich, klar, nie traurig, oft fröhlich. Was für ihn nicht zu diesen Begriffen passt: Im Pflegeheim auf den Tod warten. „Für mich steht fest, dass ich auf gar keinen Fall in ein Altersheim gehe. Das wäre für mich der absolute Horror“, sagt Mayer, schlägt die Beine übereinander und blickt nachdenklich hinaus in seinen Garten. Vorher, bevor er pflegebedürftig wird, will er „den Absprung schaffen.“ Das gilt auch für den Fall, dass er schwer erkrankt. „Wenn ich eine Krebsdiagnose bekäme, würde ich mich nicht behandeln lassen“, sagt er. „Dann würde ich sofort zum Telefon gehen, die DGHS anrufen und sagen: Wir müssen uns jetzt über meinen Tod unterhalten.“ Aber auch ohne schwere Krankheit, ohne die Aussicht, ins Pflegeheim zu müssen, steht für Mayer fest: „100 werde ich nicht, das schwöre ich.“
In Deutschland ist der assistierte Suizid noch relativ neu, in der Schweiz indes schon lange eine Option. Viele Menschen aus ganz Europa reisen dorthin, um ihr Leben zu beenden - längst ist von einem „Sterbehilfe-Tourismus“ die Rede. Die meisten Menschen, die in der Schweiz sterben wollten, kamen einer Erhebung der Universität in Zürich zufolge über Jahre aus Deutschland und Großbritannien. Mittlerweile, seit sich die Situation in der Bundesrepublik 2020 geändert hat, kommen die meisten Sterbewilligen aus Frankreich, wie der Sterbehilfe-Verein Dignitas berichtet. Auch die Nachfrage aus Großbritannien dürfte bald abnehmen: Ende November stimmte die Mehrheit der Abgeordneten im britischen Unterhaus einem Gesetzesentwurf zur Legalisierung der Sterbehilfe zu.
Das Infusionsventil müssen die Menschen selbst öffnen
Was viele Menschen nicht wissen: Anders als in Deutschland reicht in der Schweiz die sogenannte Lebenssattheit nicht aus, um eine Freitodbegleitung zu bekommen - die ist nur für Menschen möglich, die nachweislich an einer unheilbaren Krankheit leiden. Was in der Schweiz und in Deutschland gleich ist: Wer sterben will, muss den entscheidenden Schritt am Ende selbst tun, im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte und aus freiem Willen. Der Arzt stellt das tödliche Medikament zur Verfügung - das Infusionsventil müssen die Menschen dann selbst öffnen.
Gerhart Gross berät seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes Menschen, die nicht mehr mögen. Er sitzt an einem kalten Winterabend in der Altbauwohnung seiner Lebensgefährtin Irmgard Pohl im schicken Münchner Stadtteil Haidhausen, Parkett, Kunst an den Wänden, großer Holztisch, vor sich eine Tasse Kaffee, draußen vor dem Fenster fällt Schnee. „Man bekommt ein anderes Gefühl für die Endlichkeit“, sagt Gross, früher Personalleiter, heute, im Ruhestand, bei der DGHS Ansprechpartner für das südliche Bayern.
Wer bei ihm einen Antrag auf eine Freitodbegleitung stellt, wird zunächst nach Berlin vermittelt, wo der Antrag geprüft wird. Dann geht der Fall an einen Juristen, der das Erstgespräch führt, ein zweites Gespräch übernimmt ein Mediziner. Wenn beide Gespräche zu dem Ergebnis kommen, dass der Sterbewunsch nicht nur einem spontanen Affekt entspringt, sondern auf einer rationalen, dauerhaften, freiverantwortlichen Entscheidung fußt, kann ein Termin vereinbart werden. Für Menschen, die etwa an einer Demenz oder einer psychischen Erkrankung leiden, birgt das Hürden. Denn dann wird es schwieriger, festzustellen, ob die Entscheidung wirklich frei und eigenverantwortlich getroffen wird.
„Wir hatten ein tolles Leben. Warum sollten wir es uns am Ende verhunzen?“
Gross kann von vielen Menschen erzählen, die sich entschieden haben, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Etwa die eines Mannes, der mit Anfang 50 mit seinem Gleitschirm abgestürzt und seither querschnittsgelähmt war. Sein Handy konnte er nur noch mit einem Stift, den er mit dem Mund balancierte, bedienen. „Drei Jahre hat er es mit Reha probiert“, erzählt Gross. „Dann hat er gesagt: Jetzt ist Schluss.“
Gross und Pohl – er 82, sie 74 – sind sich einig, dass sie ihr Leben nicht unnötig in die Länge ziehen wollen. Ins Pflegeheim zu gehen, kommt für beide nicht infrage. Sich zu Hause pflegen zu lassen auch nicht. „Was hat man dann noch vom Leben?“, fragt Gross und lächelt seine Partnerin an. Die sagt: „Wir hatten ein tolles Leben. Warum sollten wir es uns am Ende verhunzen?“
Sepp Mayer will im Kreise seiner Familie sterben
Zurück in Laim. Bei Sepp Mayer, der die Sache mit dem Sterben genauso sieht. Aus seinem Wunsch, selbstbestimmt zu sterben, macht er kein Geheimnis. „Meine Kinder wissen genau Bescheid, sie sind bis ins letzte Detail informiert“, sagt Mayer, hält einen Moment inne und sagt dann: „Aber ich fühle bei ihnen schon eine gewisse Zurückhaltung und auch Angst.“ Natürlich werde es schwer für seine Kinder, sich von ihm zu verabschieden. „Aber die müssen verstehen, dass ich nicht unsterblich bin.“
Eigentlich will Mayer nicht zu Hause sterben. „Aber wenn man nicht in einem Krankenhaus oder im Pflegeheim ist, kann man die Freitodbegleitung nur im eigenen Haus machen“, sagt er. Er habe schon Kontakt mit einem Bestatter aufgenommen und ihn gebeten, ob er nicht dessen Räumlichkeiten nutzen könne. „Aber das wurde leider kategorisch abgelehnt.“ Mayer hätte gerne, dass seine Familie dabei ist, dass seine Kinder und seine Ex-Frau gemeinsam am Tisch sitzen, während er das Infusionsventil öffnet. Er überlege noch, ob er oben im Schlafzimmer oder hier unten im Wohnzimmer mit Blick in den Garten sterben will. „Wahrscheinlich Zweiteres“, sagt der 84-Jährige. „Und wenn ich noch rüstig genug bin, baue ich das Bett hier selbst auf. Oder ich leg‘ mich auf meine Liege“, sagt er und deutet auf ein Möbelstück mit Kuhfellmuster gleich neben der Tür, gegenüber dem Bücherregal.
Ein Avatar spricht über das Thema Sterbehilfe
Wie lange er tatsächlich noch leben wird und will - Mayer weiß es nicht. Die Zeit will er aber noch nutzen. An der Ludwig-Maximilians-Universität München nimmt er an einem Studienprojekt zur Alzheimerforschung teil, lässt sein Gehirn regelmäßig untersuchen. Nach seinem Tod will er seinen Körper der Wissenschaft zur Verfügung stellen. „Meine Organe will ich auch spenden, wenn sie denn noch brauchbar sind.“ Und Mayer will über das Thema Sterbehilfe aufklären, dazu beitragen, dass die noch immer herrschende Stigmatisierung abgebaut wird. Dafür hat er sich im Kunstprojekt „Ars Moriendi“ - aus dem Lateinischen übersetzt heißt das „Die Kunst des Sterbens“ - von 120 Kameras für ein 3D-Modell fotografieren lassen. „Die App fehlt noch, aber wenn sie da ist, dann kann man mit meinem Avatar Kontakt aufnehmen und sich anhören, was ich über das Sterben denke“, sagt er. „Ich bin zwar irgendwann nicht mehr da, aber der Avatar schon. Das ist doch schön.“
Sterben will Mayer im Winter, am besten im Februar. „Da ist die Stimmung eh so düster“, sagt der 84-Jährige. Der Sommer erscheine ihm unpassend. „Da ist alles so lebendig, die Menschen gehen zum Baden, ich ja auch.“ Februar also. Wenn die ersten Märzenbecher blühen. Am besten an einem Dienstag, das habe er sich so überlegt. Denn der Dienstag, sagt Mayer, sei für ihn ein guter Tag zum Sterben.
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