Startseite
Icon Pfeil nach unten
Bayern
Icon Pfeil nach unten

Wie schlimm sieht es in Bayerns Studentenwohnheimen aus?

Lesetipp

„Kann nicht sein, dass Studierende in schimmligen Wohnungen leben“: So steht es um Bayerns Wohnheime

  • |
  • |
  • |
  • |
    Löcher in Wänden und Sanitäranlagen waren und sind nur einer der Mängel in der Studentenstadt. Einige wurden inzwischen beseitigt.
    Löcher in Wänden und Sanitäranlagen waren und sind nur einer der Mängel in der Studentenstadt. Einige wurden inzwischen beseitigt. Foto: privat

    Im Waschraum klafft ein Loch in der Wand, Kabel und Rohre liegen frei. Im Flur des Hauses in der Münchner Studentenstadt, wo eigentlich eine Lampe angeschlossen sein sollte, hängt das Kabel lose von der Decke. Die Keramik des WCs hat sich im Laufe der Jahrzehnte braun verfärbt, in der Einfassung einer Badewanne ist ebenfalls ein Loch. Vor zwei Monaten haben Bewohnerinnen und Bewohner mehr als 2000 Fotos veröffentlicht, die in ganz Deutschland schockierten.

    Sie zeigen Arbeitsflächen in den Gemeinschaftsküchen, auf denen Schimmel wächst. Kühlschränke mit rostigen Gittern und schimmelnden Dichtungen, Wasserschäden an Decken und Wänden. All das in München, einer der beliebtesten Studentenstädte Deutschlands, an deren beiden Elite-Universitäten junge Menschen aus der ganzen Welt lernen. Die Bilder zwingen das Münchner Studierendenwerk als Betreiber des Wohnareals zum Handeln. Sie werfen aber auch eine Frage auf: Wie wohnen Studentinnen und Studenten im Rest Bayerns?

    Toni Hörterer (links) und sein Freund Patrick vor dem selbst betriebenen Kiosk der Studentenstadt.
    Toni Hörterer (links) und sein Freund Patrick vor dem selbst betriebenen Kiosk der Studentenstadt. Foto: Sarah Ritschel

    Aktuell leben 26.000 junge Menschen in den Wohnheimen der sechs bayerischen Studierendenwerke. Die Studentenstadt München-Freimann ist mit über 2400 Plätzen die größte Wohnanlage in Deutschland. Die Baumängel haben die Bewohnerinnen und Bewohner in deren sogenannter Altstadt dokumentiert, die Hochhäuser der Neustadt werden gerade aufwendig saniert und sind leer. Die Grünen-Landtagsabgeordnete Verena Osgyan hat sich bei allen Studierendenwerken in Bayern umgehört, um sich ein Lagebild vom baulichen Zustand der anderen Wohnheime im Freistaat zu verschaffen.

    „So schlimm wie in München ist es nirgends“, sagt sie im Gespräch mit unserer Redaktion. „Aber ein großer Sanierungsbedarf herrscht an allen Standorten.“ Viele der Gebäude seien 30 bis 60 Jahre alt und müssten dringend generalsaniert werden. Sie entsprächen auch nicht den heutigen energetischen Standards.

    „Ein großer Sanierungsbedarf herrscht an allen Standorten.“ 

    Verena Osgyan, Grünen-Abgeordnete

    Solche Komplettmaßnahmen aber könnten die Werke aus eigenen Mitteln oft nicht stemmen. Doch das Wissenschaftsministerium, das nicht nur die Rechtsaufsicht über die Studierendenwerke habe, sondern auch Fördermittelgeber sei, hat nach Ansicht Osgyans „lange die Augen verschlossen“. Jetzt haben die Grünen im Landtag einen Bericht zum baulichen Zustand aller bayerischen Studentenwohnheime beantragt. Bis die Antworten vorliegen, wird es wohl Sommer werden. Osgyan: „Es kann nicht sein, dass man sich als Hightech-Standort rühmt, aber die Studierenden in schimmligen Wohnungen leben müssen.“

    Das Wissenschaftsministerium setzt dem Vorwurf, weggesehen zu haben, Zahlen entgegen. In die Sanierung der Neustadt, wo zwei Häuser erst zurück- und dann nach modernen Standards neu aufgebaut werden, investiere der Freistaat über 150 Millionen Euro. Um die unsanierten Gebäude der Altstadt durch größere Neubauten ersetzen zu können, müsse die Landeshauptstadt München aber erst den Bebauungsplan ändern. Eine Sanierung allein lohne sich dort nicht, heißt es vom Betreiber.

    Die Kühlschränke waren teils verschimmelt. Sie wurden nach Angaben des Studierendenwerks inzwischen ausgetauscht.
    Die Kühlschränke waren teils verschimmelt. Sie wurden nach Angaben des Studierendenwerks inzwischen ausgetauscht. Foto: privat

    In Augsburg ist die Sanierung des größten Wohnheims der Stadt bald abgeschlossen. Die innenstadtnahe Anlage an der Ulrichsbrücke aus dem Jahr 1973 wurde im Frühling 2023 komplett geräumt und für 26,8 Millionen Euro generalsaniert. Etwa zehn Millionen kommen vom Freistaat. Mit einigen Monaten Verspätung sollen die 264 Wohnplätze zum Wintersemester wieder vermietet werden, heißt es vom Studierendenwerk. Die Kaltmiete für ein Einzelapartment wird bei – laut Studierendenwerk „sehr günstigen“ – 275 Euro pro Monat liegen. Wie dringend der Wohnraum gebraucht wird, zeigt ein Blick auf die Warteliste. Ende März standen für die rund 2800 öffentlich geförderten Wohnungen in Augsburg, Kempten und Neu-Ulm 453 Namen darauf.

    In und um München ist der Markt noch angespannter. Aktuell leben dem Studierendenwerk zufolge etwa 9.200 Bewohnerinnen und Bewohner in den Anlagen, auf der Warteliste standen Anfang April 5590 Personen. Der ausgelastete Markt und die teuren Mieten sind für viele Studierende der Grund dafür, dass sie in der baufälligen Münchner Studentenstadt ausharren. „Man nimmt, was man kriegen kann“, sagt Philipp Anton Hörterer, genannt Toni, der das Glück hat, in der sanierten Neustadt zu leben. In den abgewohnten Altstadt-Bungalows geht er regelmäßig ein und aus, er hat auch die Bilderaktion mitinitiiert.

    Studierendenwerk München räumt Versäumnisse ein

    Dass das Verhältnis zwischen den Wortführern der Studierenden und dem Betreiber schwer angeknackst ist, wird in den Aussagen beider Seiten deutlich. Hörterer und seine Mitstreiter wünschen sich Mitspracherecht bei den Sanierungen, das Werk verweist darauf, dass es sehr wohl Gespräche gegeben habe. Nach eigenen Angaben war das Studierendenwerk in den 60er-Jahre-Bauten keineswegs untätig: Man habe 2024 Instandsetzungsmaßnahmen im Umfang von etwa 1,23 Millionen und 2025 von 1,37 Millionen Euro vorgenommen. Aber die Verantwortlichen räumen ein: „Es reicht nicht, Reinigung und Reparaturen in Auftrag zu geben, sondern deren Umsetzung muss konsequent verfolgt und nachgehalten werden.“

    Sofortmaßnahmen in der Studentenstadt München sollen helfen

    Seit Mitte Februar 2026 habe man in 68 Küchen, 61 Duschräumen, 61 WCs und 43 Gemeinschaftsräumen „zahlreiche Sofortmaßnahmen ergriffen“: Grundreinigung von Küchen und Bädern, Austausch von Herden und Kühlschränken, Beleuchtung, Steckdosen und Abschlussleisten. Das habe „sofort zu merklichen Verbesserungen“ geführt.

    Frische graue Flächen an den Decken etwa zeigen auf Bildern nach den Sofortmaßnahmen, wo neu verputzt wurde. Wo vorher Schimmel war, sind in den Duschräumen zum Teil neue Fugen. Gerne duscht hier trotzdem noch keiner.

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein

    Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.

    Anmelden

    Sie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren