Ein Thema beherrscht das Hackertreffen: Wie soll man auf die massive Überwachung durch Geheimdienste reagieren? Internet-Aktivisten rufen zum Widerstand gegen die ausufernde staatliche Überwachung auf.
Glenn Greenwald für Schutz der Privatsphäre
Der am Freitag in Hamburg eröffnete 30. Chaos Communication Congress steht im Zeichen der NSA-Enthüllungen. Der per Video zugeschaltete Journalist und Snowden-Vertraute Glenn Greenwald forderte die Hacker auf, sich für den Schutz der Privatsphäre einzusetzen. "Letztlich wird der Kampf über die Freiheit des Internets vor allem auf dem Schlachtfeld der Technologie geführt werden. Die NSA weiß das", sagte Greenwald von Rio de Janeiro aus.
Hackertreffen: "Wir müssen das Internet neu erfinden, wir müssen das Internet neu denken."
Er traf damit den Ton anderer Redner. "Wir sind aus einem Alptraum aufgewacht in eine Realität, die noch schlimmer ist", sagte zuvor Auftaktredner Tim Pritlove. "Wir müssen das Internet neu erfinden, wir müssen das Internet neu denken." Der Lebensraum der Szene werde durch die Überwachung wie durch ein Gift bedroht.
Der Fall Snowden - Eine Chronologie
Der frühere US-Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden ist seit Wochen auf der Flucht. Ein Überblick über die wichtigsten Entwicklungen der Affäre:
5. Juni: Die britische Zeitung «The Guardian» berichtet, dass der Handynetzbetreiber Verizon dem US-Geheimdienst NSA auf der Grundlage eines geheimen Gerichtsurteils täglich Informationen zu allen Telefonanrufen innerhalb der USA sowie zwischen der USA und anderen Ländern übermitteln muss.
6. Juni: Berichten der «Washington Post» und des «Guardian» zufolge dürfen die NSA und die Bundespolizei FBI auf Serverdaten der Internetkonzerne Google, Microsoft, Yahoo, Facebook, Apple, Youtube, Skype, AOL und PalTalk zugreifen. Das geheime Überwachungsprogramm wurde demnach 2007 eingeführt.
7. Juni: US-Präsident Barack Obama spricht von einem notwendigen Kompromiss zwischen Privatsphäre und Sicherheit.
9. Juni: Der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden, der über Hawaii nach Hongkong geflohen war, gibt sich als Quelle der Enthüllungen zu erkennen. Drei Tage später beschuldigt er Washington, weltweit «hunderttausende Computer» zu überwachen.
21. Juni: Die US-Regierung beschuldigt Snowden der Spionage, des Diebstahls und der illegalen Nutzung von Regierungseigentum. Washington verlangt von Hongkong die Auslieferung des IT-Experten.
23. Juni: Snowden, gegen den inzwischen ein Haftbefehl vorliegt, reist nach Moskau. Sein Reisepass wurde von den US-Behörden ungültig gemacht. Der ecuadorianischen Regierung liegt nach eigenen Angaben ein Asylantrag Snowdens vor. Washington warnt Moskau und Peking vor diplomatischen Konsequenzen.
25. Juni: Russlands Präsident Wladimir Putin bestätigt, dass sich der Ex-Geheimdienstmitarbeiter weiterhin im Transitbereich des Moskauer Flughafens Scheremetjewo aufhält.
30. Juni: Auch die EU ist laut Berichten des Magazins «Der Spiegel» Opfer der NSA-Spionage geworden. Der Geheimdienst habe unter anderem die EU-Vertretung in Washington und New York abgehört. Frankreich und Deutschland verlangen Aufklärung von der US-Regierung. Obama verspricht, alle Informationen vorzulegen.
1. Juli: Putin bietet Snowden ein Aufenthaltsrecht in Russland an, fordert aber, dass der Informant seine Aktivitäten gegen die USA einstellt. Nach Angaben der Plattform «Wikileaks» hat Snowden in zahlreichen Ländern, darunter Deutschland, um politisches Asyl ersucht.
2. Juli: Mehrere Staaten lehnen Snowdens Asylantrag ab. Nach Ländern wie Deutschland, Österreich, Brasilien, Spanien und Polen erteilen ihm am Tag darauf auch Frankreich und Italien eine Absage.
3. Juli: Der Fall Snowden führt zu weiteren diplomatischen Verwicklungen. Der bolivianische Präsident Evo Morales muss während eines Flugs von Moskau in seine Heimat einen 13-stündigen Zwangsstopp in Wien einlegen, nachdem ihm mehrere EU-Länder den Überflug verwehrt hatten. Hintergrund sind offenbar Gerüchte, dass sich Snowden an Bord der Maschine befand.
5. Juli: Nicaragua, Venezuela und Bolivien erklären sich bereit, Snowden aufzunehmen.
7. Juli: Snowden beschuldigt den Bundesnachrichtendienst in einem «Spiegel»-Interview, schon seit langem mit der NSA zusammenzuarbeiten.
12. Juli: Snowden beantragt vorübergehendes Asyl in Russland, um anschließend nach Lateinamerika ausreisen zu können. Der russische Parlamentspräsident Sergej Naryschkin, ein Vertrauter Putins, spricht sich dafür aus, Snowden zumindest zeitlich begrenzt politisches Asyl zu gewähren.
20. August: Die englische Regierung zwingt Redakteure des "Guardian", Material zur NSA-Affäre zu vernichten. Es seien mehrere Festplatten im Keller der Redaktion zerstört worden, berichtet "Guardian"-Chefredakteur Alan Rusbridger.
27. Oktober 2013: Durch die Informationen von Edward Snowden kommt ans Licht, dass die USA das Handy der Bundeskanzlerin abgehört haben. Angeblich hat die NSA 35 Staatsführer weltweit belauscht.
31. Oktober 2013: Der Berliner Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele reist unter größter Geheimhaltung nach Moskau und trifft Edward Snowden.
Ströbele bringt einen Brief Snowdens mit nach Deutschland: Darin bietet er an, in Deutschland auszusagen - erbittet im Gegenzug aber Asyl in der Bundesrepublik.
Die US-Regierung wolle den Informanten Edward Snowden für den Rest seines Lebens ins Gefängnis stecken, zeigte sich Greenwald am Freitagabend überzeugt. Die drohende harsche Strafe solle andere mögliche Informanten abschrecken: "Es ist eine effektive Taktik."
Greenwald wirbt für Asyl für Enthüller Edward Snowden
Greenwald warb dafür, dass ein Land wie Deutschland, Frankreich oder Brasilien Snowden aufnehmen solle. "Es hat einen Preis, das zu tun", sagte er. "Aber Edward Snowden hat einen höheren Preis dafür bezahlt, Eure Rechte zu verteidigen, und er hat es dennoch getan."
Greenwald spielte eine Schlüsselrolle bei den Berichten über die Überwachungsprogramme. Er ist einer der Journalisten, denen der Snowden die von ihm heruntergeladenen NSA-Unterlagen übergeben hatte. Greenwald kündigte eine Fortsetzung der Enthüllungen an: "Es wird noch viele weitere Berichte geben."
Häme über Umgang der Bundesregierung mit NSA-Affäre
Die USA fordern die Auslieferung von Snowden und werfen ihm Spionage und Diebstahl offizieller Dokumente vor. Auf Basis der Snowden-Dokumente wurden weitreichende Spionageprogramme der Geheimdienste aus den USA und Großbritannien aufgedeckt.
Die Teilnehmer des Kongresses erwarten bis Montag dutzende Vorträge, Projekte und Präsentationen. Dabei spielen die NSA-Enthüllungen immer wieder eine Rolle. So nahm der Linguistik-Professor Martin Haase am Freitag die Versuche deutscher Politiker aufs Korn, die Tragweite der Enthüllungen kleinzureden. Besonders die Aussagen des damalige Kanzleramtschef Ronald Pofalla, die NSA-Affäre sei beendet, nahm er unter den Lachern der Zuhörer auseinander.
Chaos Communication Congress warnt seit Jahren vor staatlicher Überwachung
Die Organisatoren erwarten bis zu 8000 Teilnehmer. Das sei etwa ein Drittel mehr als im vergangenen Jahr, sagte Frank Rieger vom Veranstalter Chaos Computer Club. "Der Snowden-Faktor spielt da schon eine Rolle." Der CCC warnt seit Jahren vor ausufernder staatlicher Überwachung und schwindendem Datenschutz. Das Thema sei inzwischen auch in der breiten Bevölkerung angekommen. Pritlove kritisierte jedoch halb scherzhaft, dass die Warnungen der Netzaktivisten immer noch nicht ernst genommen würden.
30. Treffen der Hackerszene: Themen werden immer wichtiger
Auf dem Kongress steht die Hackerszene auch vor der Frage, wie sie politisch und technisch auf die Erkenntnisse aus den Snowden-Dokumenten reagieren will. In mehreren Vorträgen soll es um Gegenmaßnahmen wie Verschlüsselung und Anonymisierung gehen. Der Gründer der Enthüllungsplattform Wikileaks, Julian Assange, soll wie Greenwald per Video auftreten.
Der Kongress ist gleichzeitig das Jubiläumstreffen des Clubs, er findet dieses Jahr zum 30. Mal statt. "Die Themen, um die es hier geht, werden immer wichtiger für die Gesellschaft", sagte Rieger. Auch daher sei das Interesse gestiegen. Viele Teilnehmer nennen das Treffen "30C3", das Kürzel steht für den 30. Chaos Communication Congress. dpa/AZ