Liebe Leserin, lieber Leser,
es ist Frühling: Auch wenn die Kälte ziemlich lang verharrt, die Tage werden deutlich länger. Und doch: Es ist wieder ein besonderes Frühjahr: Die Corona-Pandemie ist immer noch da, wir befinden uns mitten in der dritten Welle. Bis die Gefahr vorübergeimpft ist, dauert es noch Wochen. Manche wollen sich trotzdem nicht an die Einschränkungen halten und pochen auf ihre Freiheit. Auf der anderen Seite stehen die Mitarbeiter des überlasteten Gesundheitssystems. Viele sind überarbeitet. Für viele von ihnen wären noch größere Einschränkungen hilfreich. Zwei Welten in einer Gesellschaft. Diese scheint sich unheilbar zu spalten: Der Schrei nach alter Normalität und der Hilferuf der Medizinberufe nach wirksamen Maßnahmen, die der Pandemie entgegenwirken, scheinen unversöhnlich aufeinanderzuprallen.
Aus dieser verfahrenen Situation zeigt der Apostel Paulus einen Ausweg: „Nur die Liebe baut [die Gemeinschaft] auf. … Die Freiheit, die ihr in Anspruch nehmt, darf die Schwachen nicht zu Fall bringen“ (1. Kor. 8).
Die Rücksicht auf die Schwachen ist Paulus wichtig: Ohne diese kann eine Gemeinschaft nicht überleben. Heute kann das heißen: Freiheit ist wichtig, aber muss ich unbedingt an einer Demonstration teilnehmen, wenn ich weiß, dass dadurch Glieder unserer Gesellschaft gefährdet werden? Muss ich unbedingt gegen die Corona-Regeln eine Party feiern und damit anderen möglicherweise schaden? Oder: Kann ich, wenn ich zu den finanziellen Gewinnern der Covid-19-Krise gehöre, nicht auf einen Teil des dadurch gewonnenen Reichtums verzichten und die unterstützen, die zu den Verlierern gehören und ihr Leben kaum mehr finanzieren können?
Das sind meiner Einschätzung nach die Fragen, die sich heute stellen. Das aber bedeutet auch, so schwer es fällt, manche eigenen Interessen zurückzustellen und den eigenen Frust nicht in Hass und Wut anderen gegenüber umschlagen zu lassen. Wenn das gelingt – ein Kraftakt für uns alle –, dann kann die Gesellschaft auch aus dieser Krise gestärkt hervorgehen.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen guten Frühling und ein gutes Durchkommen durch die noch schwierige Zeit der Pandemie - bis die Gesellschaft geschützt ist.
Ihr Rainer Lüters
"Gottesdienste Seite 25