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Höchstädt

17.02.2020

Der Weg in die Freiheit führte über das Gefängnis

Vor zwei Schülergruppen sprach Lutz Quester bei seinem Besuch an der Berufsschule in Höchstädt. Er erzählte insgesamt etwa 150 Berufsschülern von seinem Leben in der DDR und dem beschwerlichen Weg in den Westen.
Bild: Mathias Rolger

Plus Lutz Quester wuchs wohlbehütet auf. Doch irgendwann wuchs sein Misstrauen gegen die DDR. In Höchstädt sprach er über seine Erfahrungen.

Lutz Quester steht vorne in einem Klassenzimmer der Höchstädter Berufsschule und spricht. Auf dem Pult liegen verschiedene Gegenstände, wie eine Fahne, ein Baukasten für einen Radioempfänger oder ein Plakat. Der 61-Jährige spricht an diesem Tag schon zum zweiten Mal vor einer etwa 75-köpfigen Berufsschülergruppe, erzählt von seinem Leben in der DDR und seinen Erfahrungen als politischer Häftling.

1958 als ältestes von drei Kindern in Dresden geboren, wächst Quester wohlbehütet mit den Brüdern, den Eltern und der Großmutter auf, wie er sagt. „Eigentlich war alles gut. Auch wenn es weniger gab als im Westen.“ Ein eigenes Grundstück mit Kirschbäumen, das der Vater gekauft hatte, Baumhäuser zum Spielen, verbotene Lehmgruben – er erlebt eine unbeschwerte Kindheit. Auch sonst verläuft es in seinem Leben relativ normal. Eine Jugendzeit mit FDJ-Mitgliedschaft, Russisch-Unterricht, Jugendweihe und der Wehrpflicht bei der Nationalen Volksarmee. Doch in seinem Inneren sieht es schon während der Schulzeit anders aus.

So ziemlich jeder in seiner Familie sei der DDR-Obrigkeit und der Sowjetunion gegenüber kritisch eingestellt gewesen, wie Quester den Schülern erzählt. „Mein Vater hat immer heimlich West-Radio gehört. SFB, RIAS, Deutsche Welle oder den Deutschlandfunk. Meine Mutter hatte immer eine höllische Angst, dass wir das in der Schule ausposaunen könnten. Zudem war unser Nachbar bei der Stasi.“ Anhand zahlreicher Beispiele stellt er den Alltag in der DDR und sein wachsendes Misstrauen dar.

Der Weg in die Freiheit führte über das Gefängnis

Jahrelange Wartezeiten für die einfachsten Dinge des Lebens

Zur Veranschaulichung hat er einige Requisiten wie ein Plakat mit dem Konterfei Erich Honeckers, ein Hausbuch eines Blockwarts und eine Broschüre für einen „Trabant“ mitgebracht. Jahrelange Wartezeiten bei den einfachsten Dingen des Lebens, ständige persönliche Überwachung und eine Doppelzüngigkeit sondergleichen. „Sie predigten Wasser und soffen Wein“, überschrieb er den ständigen Sinneswandel von „der Westen ist unser Feind“ zu „wir brauchen die D-Mark und West-Produkte“. Diese Einsicht wird Quester mit den Jahren immer deutlicher. „Was ist denn die Wahrheit? Das habe ich mich schon als Schüler oft gefragt.“ Den ersten Traum von Freiheit wecken im 14-jährigen Lutz Quester die Romane von Karl May, welche in der DDR verboten waren, wie er berichtet. Auch lange Fahrradtouren mit seinem Kumpel Manfred bringen einen Hauch von Freiheit. Später hat der gelernte Elektriker eine Familie gegründet, eine Wohnung gefunden, und einen festen Job. Doch wirkliche Freiheit hat er noch immer nicht.

Anfang der 1980er-Jahre hat er die DDR endgültig satt. Quester ist in einem Dresdner Krankenhaus als Elektriker angestellt, als ein Arbeitskollege wegen des harmlosen Diebstahls einer Autobatterie von der Stasi abgeholt wird. Die Begründung: Er habe einen terroristischen Anschlag auf das Krankenhaus geplant. „Nach drei Monaten kam er wieder auf freien Fuß. Unter Tränen hat er uns später gestanden, dass sie ihn zum inoffiziellen Mitarbeiter umgepolt haben.“ 1984 dürfen etwa 30.000 Menschen aus der DDR in die Bundesrepublik ausreisen, unter ihnen auch sein Kumpel Manfred. „Ich wollte mit meiner Frau und unserem einjährigen Sohn auch in den Westen. Das habe ich dann über den offiziellen Weg, einen begründeten Ausreiseantrag, probiert, wurde aber immer wieder abgelehnt. Insgesamt zehn Monate lang.“ Er wurde von der Stasi vorgeladen und verhört, wurde aber wieder freigelassen. „Wenn das so weiterginge, würde ich verhaftet werden, haben die gesagt.“ Die Angst ist groß, also muss eine andere Lösung her. Doch welche? Viele gängige Fluchtwege kommen für ihn nicht infrage.

Die Schüler horchen auf. Durch die illegalen West-Radiosender weiß Quester über den Freikauf von politischen Gefangenen der DDR durch die Bundesregierung Bescheid. Er und ein Kumpel malen eindeutige Plakate, fahren nach Ost-Berlin und stellen sich an der „Ständigen Vertretung der BRD“ auf. „Wir wussten genau, dass die uns sahen. Wir hielten unsere Plakate in eine Überwachungskamera, und keine 30 Sekunden später wurden wir schon von der Volkspolizei verhaftet.“

Für den heute 61-Jährigen beginnen die wohl schlimmsten Monate seines Lebens. Erst in der „verbotenen Stadt“ Hohenschönhausen, dann in Dresden und schließlich in einem Arbeitslager in Chemnitz (damals Karl-Marx-Stadt). Monate voller Erniedrigung, Angst und psychischer Folter. „Ich war in der Stasi-Haft in Dresden schon völlig abgemagert. Man kann sich nicht vorstellen, mit welchen perfiden psychologischen Tricks und Maschen diese Menschen versucht haben, einen systematisch zu brechen. Von Unwahrheiten und Gerüchten über vorgegaukelte Freundlichkeit und Untersuchung auf Ungeziefer mit einer Pinzette war alles dabei. Wie muss man denn bitte drauf sein, um das als Mensch abziehen zu können?“

Im August 1985 ist es schließlich so weit. Quester wird mit anderen Häftlingen nach Ost-Berlin gebracht und von dort mit einem Reisebus nach West-Berlin gefahren. „Dieses Gefühl, endlich komplett frei zu sein, ist einfach unbeschreiblich. Wir mussten unbedingt am Checkpoint Charlie stehen und den Mittelfinger gen Osten strecken.“ Er geht nach Nürnberg, wo er sich ein Haus baut. Frau und Kind folgen ihm etwa zwei Monate danach. Vor langem Applaus appelliert Quester noch an die Schüler. „Bitte schätzt die Freiheit, die ihr habt, und die Demokratie. Das sind so wertvolle Güter.“

Lutz Quester ist zwar geschieden, lebt aber noch immer in Nürnberg. Vor zwei Jahren gründete er den Verein „Freundeskreis Deutsche Einheit“ mit, dessen Präsident er nun ist. „Wir wollen weitergeben, welches Glück wir mit der Wiedervereinigung hatten und was der Fall des gesamten Eisernen Vorhangs eigentlich für die innere Stabilität Europas bedeutet.“

In der nächsten Zeit will der Verein eine Begegnungsstätte für Betroffene und Interessierte schaffen. „Die Kaiserburg wäre ideal, da kommen wegen der Jugendherberge viele junge Leute hin. Bürokratisch gesehen sind wir von der Realisierung aber noch weit entfernt“, sagt Quester.

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