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Menschen

04.08.2018

Ein Leben und unzählige Schicksale

Luise Rössler feiert am Sonntag ihren 80. Geburtstag.

Die Höchstädterin Luise Rössler hat viel erlebt – Gutes wie Schlechtes. Trotzdem hat sie vielen Menschen, die in den Landkreis Dillingen geflüchtet sind, unermüdlich geholfen. Nun wird sie 80 Jahre.

Energisch steht sie aus dem Gartenstuhl auf, fasst sich mit den Händen an den Rücken und schließt die Augen. Luise Rössler lächelt. Wenn sie daran denkt, wird es ihr noch heute ganz warm am Rücken. 75 Jahre später, an ihrem 80. Geburtstag. „Das werde ich nie vergessen“, sagt sie. Ihre Augen füllen sich mit Tränen. Sie war ein kleines Kind, es herrschte Krieg. Tod, Verzweiflung, Hilflosigkeit, Verwüstung und Angst waren allgegenwärtig. Die kleine Luise wurde hin und her geschubst – zu ihrem Schutz. Bei den Großeltern fand sie Unterschlupf, Fürsorge und Liebe.

Heimlich Kartoffeln verteilt

Es war 1943. Gemeinsam mit Oma und Opa lebte die damals Fünfjährige in einem Haus in Nürnberg. Ihre kleine Wohnung befand sich im obersten Stock, direkt unter dem Dachboden. Dort, so erzählt es die Höchstädterin heute, wurde getrockneter Kabeljau abgehängt – in Stücken wurde er abgeschnitten und mit Kartoffeln verzehrt. „Das kann man sich nicht mehr vorstellen“, sagt sie und schüttelt den Kopf. Dort, wo der Fisch hing, war auch ein Schlaflager. Russische Frauen, Gefangene, haben dort gelebt. Jeden Abend, wenn sie von der Arbeit nach Hause kamen, wurden sie von den Hausbewohnern abfällig beobachtet. Auch von Luise und ihrer Oma – aber aus einem anderen Grund. Die Oma hat heimlich Kartoffeln gekocht, sie unter ihrer Schürze versteckt und das kleine Enkelkind vor sich gestellt. „Und wenn die russischen Frauen an uns vorbei in den Dachboden hoch gingen, hat meine Großmutter ihnen heimlich Kartoffeln hinter meinem Rücken zugesteckt“, schildert Luise Rössler. Es ist eine Geschichte, die man kennen muss, um zu verstehen, warum die Höchstädterin, die am Sonntag ihren 80. Geburtstag feiert, so ist, wie sie ist: eine Frau mit einem riesengroßen Herz und einer grenzenlosen Hilfsbereitschaft für benachteiligte Menschen. Für ihren unermüdlichen Einsatz für andere hat sie bereits die Silberdistel unserer Zeitung, das Ehrenzeichen des bayerischen Ministerpräsidenten sowie den schwäbischen Integrationspreis erhalten.

Silberdistel unserer Zeitung erhalten

Dabei hat Luise Rössler in ihrem Leben nicht nur die Sonnenseiten erfahren. Ihr Leben ist von vielen Stationen und Schicksalsschlägen geprägt. Trotzdem ist sie dankbar. „Ich habe so viel erlebt – Gutes wie Schlechtes. Aber man muss doch dankbar sein, für das, was man hat. Ich hatte zum Beispiel Glück mit meinen Genen. Ich fühle mich überhaupt nicht wie 80“, sagt sie und lacht.

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Und das stimmt: Der Höchstädterin sieht man ihr Alter nicht an. „Das habe ich auch von Oma gelernt. Man muss eitel bleiben bis zum Schluss und darf sich nicht gehen lassen.“ Egal, wie schlimm die Zeiten waren oder sind.

Geboren und aufgewachsen ist Luise Rössler in Nürnberg, den „Franke in ihr“ kann und will sie auch nach mehr als 30 Jahren im Landkreis Dillingen nicht verbergen. Ihren Vater, der im Krieg in Russland gefallen ist, hat sie nie kennengelernt. Es sind Erlebnisse wie in dieser einen Nacht vor 75 Jahren, die die starke Frau geprägt haben. Plötzlich gab es einen Alarm. Es war Winter. Die Fünfjährige wurde losgeschickt, zum sogenannten Felsenkeller in Nürnberg. Es war kalt, dunkel. Mitten im Krieg rannte sie um ihr Leben. Als sie eine Frau mit einem Kinderwagen vor ihr sah, schöpfte das kleine Mädchen Hoffnung und klammerte sich an den Griff des Wagens – die Frau stieß sie weg. Luise Rössler sitzt in ihrem Stuhl auf der Terrasse in Höchstädt und muss weinen. „Mir wird erst heute bewusst, was ich alles erlebt habe.“

Ehemann Horst war ihr Motor

Als 18-Jährige holte sie den vierjährigen Sohn ihres späteren Ehemanns aus dem Waisenhaus und zog ihn liebevoll bei sich auf. Nach der Geburt von Sohn Gregor folgte der Umzug der Familie von Nürnberg ins Hannover-Land in die Gemeinde Oesselse. Schnell hat der dortige ehrenamtliche Bürgermeister gemerkt, was er an Luise Rössler hatte – eine gelernte Stenokontoristin, die vier Sprachen beherrschte. Von da an war die zweifache Mutter und Ehefrau nicht nur Familienmanagerin, sondern auch Verwaltungsangestellte, Gemeindesekretärin, Kassenverwalterin … Mädchen für alles. Das zehrte – körperlich, wie nervlich. Hinzu kamen Eheprobleme. „Irgendwann war ich am Ende. Ich konnte nicht mehr“, erinnert sie sich. Sie musste die Reißleine ziehen – der Startschuss für die schönste Zeit in ihrem Leben, wie sie erzählt. Während eines Kuraufenthaltes lernte sie ihren Horst, „den Rössler“, kennen und lieben. 1985 zog sie zu ihm ins Lechwerk nach Höchstädt. Ehemann Horst, der im Januar 2017 verstorben ist, war ihr Motor, er unterstützte sie. Sei es bei ihrer Tätigkeit in der SPD. Seit 50 Jahren ist sie im Ortsverein aktiv und war von 1990 bis 2002 gewählte Stadträtin. Oder im Vereinsleben – Luise Rössler engagiert sich seit mehr als drei Jahrzehnten bei der AWO, war lange im Vorstand des Sportvereins und des evangelisch-lutherischen Gemeindevereins aktiv. Ihr ganzes Herzblut steckt aber in der sozialen Arbeit. Sie betreut russlanddeutsche, bosnische, kosovarische, rumänische Asylbewerberfamilien. Sie gründete den „Internationalen Frauentisch“, unter ihrem Engagement wurde die Höchstädter Tafel errichtet, und vor sechs Jahren initiierte sie einen Alphabetisierungskurs für Flüchtlinge inklusive Kinderbetreuung und Deutsch-Kurs. Schon vor knapp 40 Jahren hat sie ein vietnamesisches Flüchtlingskind bei sich zu Hause aufgenommen – es folgten viele, viele weitere Schicksale, denen sich Luise Rössler angenommen hat. Bis heute. „Ich bin so. Für mich ist Integration nicht nur ein Wort. Ich habe es selbst erlebt“, sagt sie.

Die Oma ist das große Vorbild

Von klein an. Dank ihrer geliebten Oma. Die eben nicht verstohlen im Treppenhaus stand und auf die russischen Frauen gestarrt hat. Sondern geholfen hat. „Sie war eine selbstbewusste, energische Frau. Sie hat damals schon gesagt: Leben und leben lassen – egal woher. Sie ist bis heute mein Vorbild“, so die 80-Jährige. Trotzdem, das hat Luise Rössler ihren Söhnen und Freunden versprochen, will sie nun Schluss machen. Versuchen, gelassener zu werden, mehr auf sich zu achten. Selbstverständlich werde sie sich weiterhin um „ihre Familien“ kümmern, aber „ich verkrafte keine neuen Schicksale mehr“.

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