Lebensfreude, Optimismus und Zuversicht prägten die Einweihung des Hospizes vor einem Jahr. Die Vorfreude auf das neue Haus ist inzwischen der Sterbebegleitung dem Alltag gewichen. Der 52 Jahre alte Georg Peyk, der die von der Stiftung Haus Lindenhof betriebene Einrichtung leitet, zeigt sich erfreut über die große Nachfrage – auch aus dem Landkreis Dillingen.
Herr Peyk, wenn man bei einem neuen Angebot auf das erste Jahr zurückschaut, hofft man üblicherweise auf eine möglichst positive Zwischenbilanz. Ist diese Sichtweise bei einem Hospiz überhaupt angemessen?
Ich denke schon. Denn aus Sicht unserer Gäste ist es ja wirklich positiv, dass jetzt so eine Sterbebegleitung möglich ist. Und die Angehörigen wissen es ebenfalls zu schätzen, dass sie mit dieser Situation nicht allein gelassen werden.
Wie viele Personen haben Sie im vergangenen Jahr betreut?
85 unserer Gäste sind hier verstorben. Und momentan sind alle acht Betten belegt. Aber es sind auch vier Männer und Frauen wieder nach Hause gegangen.
Weshalb?
Alle waren in einem sehr schlechten Zustand angekommen. Bei dreien hat er sich aber so sehr gebessert, dass sie das Hospiz wieder verlassen konnten und auch heute noch leben. Ein Gast hat sich doch für eine ärztliche Therapie entschieden.
Für Sie und das gesamte Personal...
...ist es natürlich ein sehr schönes Gefühl, auch solche Momente erleben zu dürfen. Das motiviert ungeheuer.
Wie lange sind die Gäste üblicherweise bei Ihnen?
Durchschnittlich zwei bis drei Wochen. Die längste Begleitung dauerte 213 Tage, die kürzeste gerade einmal zweieinhalb Stunden.
Das Alter...
...deckt eine große Spanne ab. Der jüngste Gast war 42 Jahre alt, der älteste 96. Wir stellen fest, dass vermehrt Menschen zu uns kommen, die Ende 40, Anfang 50 sind. Oft leiden sie an Krebs und haben keine Familie.
Woher stammen sie?
Überwiegend aus dem Landkreis. Viele waren zuvor im Krankenhaus oder auf einer Palliativstation. Oft fragen auch Angehörige nach. Oder Ärzte.
Können Sie alle aufnehmen?
Momentan nicht. Wir haben derzeit eine Warteliste, auf der 18 Personen stehen. Es klingt vielleicht etwas komisch, aber ich hatte natürlich gehofft, dass die Nachfrage groß sein würde. Denn es ist ja unsere Aufgabe, unseren Gästen den letzten Lebensabschnitt so schön wie möglich zu gestalten. Und der Bedarf wäre auch da, wenn es das Hospiz nicht gäbe. Allerdings wussten wir anfangs nicht, wie sehr wir tatsächlich gebraucht werden, und wie die Bevölkerung zu uns steht. Die Belegungsrate war zunächst auch nicht so hoch. Mittlerweile liegt sie bei 87 Prozent.
Wie muss man sich den Alltag an einem solchen Ort des permanenten Sterbens und Abschiednehmens vorstellen?
Wir haben keinen geregelten Tagesablauf. Das Personal muss absolut flexibel sein, denn es weiß nie, was es erwartet. Wir bemühen uns jedenfalls immer, den Wünschen der Gäste gerecht zu werden. Jüngere wollen morgens oftmals länger schlafen, Ältere möchten ihr Frühstück meist früher haben. Es kommt auch immer drauf an, wie nahe ein Mensch bereits dem Tod ist.
Wie meinen Sie das?
Es kann sein, dass jemand nochmals aktiver wird, wenn das Ende naht. Zum Beispiel sind wir mit einer Frau noch in ein Musical nach Stuttgart gefahren. Für eine andere haben wir eine Schifffahrt organisiert, aber leider durfte sie die dann nicht mehr erleben.
Wie viele Personen umfasst Ihr Mitarbeiterstab?
Dazu gehören insgesamt 20 Festangestellte und zwölf Ehrenamtliche. Vier weitere sind gerade in der Ausbildung. Zunächst waren es sogar noch einige mehr gewesen, aber weil sich ihre persönliche Situation geändert hat, versehen sie diesen Dienst nun doch nicht.
Haben schon Ehrenamtliche aufgegeben, weil sie sich den großen Anforderungen auf Dauer nicht gewachsen fühlten?
Nein, das war noch nicht der Fall. Aber es sind Vollzeitkräfte zurück in den Krankenhausdienst gegangen, weil sie sich die Arbeit im Hospiz anders vorgestellt hatten. Aber grundsätzlich wissen natürlich alle, was hier auf sie zukommt.
Welche Rückmeldungen bekommen Sie von den Gästen und ihren Angehörigen?
Wir hören eigentlich nur Positives, sind aber jederzeit auch dankbar für Vorschläge, was wir bei unserer Arbeit noch besser machen können. Es freut uns natürlich sehr, wenn es uns offenbar gelingt, den schwerstkranken Menschen gute Begleiter zu sein. In einem Erinnerungsbuch haben schon etliche Angehörige Seiten gestaltet. Da steht viel Berührendes drin.
Ist es schwierig, ständig Menschen gehen zu sehen?
Meistens sind wir dankbar, wenn Menschen ihren Weg beenden durften, denn mitunter zieht es sich sehr, sehr lange und mühsam bis zu diesem Punkt. Man hofft dann einfach, dass es erträglich für die Betroffenen ist. Die Älteren unter unseren Gästen wünschen meist, dass es schneller zu Ende geht.
Wie hat sich die finanzielle Lage entwickelt?
Die Krankenkassen tragen 95 Prozent der Kosten, wir müssen über die Förderstiftung die restlichen fünf Prozent beisteuern. Das ist uns dank Spenden und Veranstaltungen wie Benefizkonzerten bisher gelungen.
Beim Richtfest hatten sie die Hoffnung geäußert, dass sich das Haus Barbara zu einem Ort des Lebens entwickelt. Ist es aus Ihrer Sicht ein solcher geworden?
Ich denke schon. Es muss eben jeder neue Tag mit Leben gefüllt werden. Besonders schön ist es für uns, wenn in dieser letzten Phase der gemeinsamen Zeit Familien wieder zueinander kommen. Wenn Dinge geklärt werden, über die man zuvor nicht gesprochen hat. Das gibt uns allen Kraft. Wahrscheinlich wäre die Arbeit hier auf Dauer ansonsten zu belastend.
Nicht jeder lässt die Dinge aber so nah an sich heran. Vieles bleibt dann für immer unbearbeitet. Umso schöner zum Beispiel, wenn manchmal jemand zu der Erkenntnis kommt, dass es sich doch gar nicht gelohnt hat, sich über dieses oder jenes aufzuregen. Dann geht für uns der Himmel auf.
Es gibt sicher auch viele düstere Momente.
Ja, es bleibt natürlich nicht alles hier im Haus. Manches nehme ich emotional auch mit. Nahe geht mir vor allem, wenn junge Menschen sterben müssen. Trotzdem dreht sich alles immer wieder um eines: Wenn ich einen neuen Gast begrüße, dann sage ich ihm als Erstes, dass wir uns darum kümmern werden, wie seine letzte Lebenszeit sinnvoll gestaltet werden kann.
Stiftung Haus Lindenhof, Lindenhofstraße 127, 73529 Schwäbisch Gmünd, Telefon: 07171 802-0, Telefax: +49 7171 802-112, E-Mail: info@haus-lindenhof.de, Im Internet: http://www.haus-lindenhof.de