Dillingen Der neunte Träger des Europäischen St.-Ulrichs-Preises heißt Lech Walesa. Gestern wurde dem ehemaligen Staatspräsidenten Polens und dem Friedensnobelpreisträger von 1983 die mit 10000 Euro dotierte Auszeichnung im Goldenen Saal der ehemaligen Universität ausgehändigt. Laudator war der ehemalige Außenminister und Vizekanzler Hans-Dietrich Genscher (siehe unten stehenden Bericht). Der Altliberale, der inzwischen von schwerer Krankheit genesen ist, würdigte die Verdienste Walesas für den europäischen Einigungsprozess in Frieden und Freiheit und damit auch für die Wiedervereinigung Deutschlands. Während Genscher, um sich zu schonen, erst zum Festakt erschien, wurde Lech Walesa bereits kurz vor Mittag von einer begeistert applaudierenden Menge auf dem Ulrichsplatz begrüßt. Erwartet wurde er von Landrat Leo Schrell, Oberbürgermeister Frank Kunz, Monsignore Gottfried Fellner und Diözesanbischof Dr. Konrad Zdarsa als den Mitgliedern des Vorstands bzw. Vorsitzender des Kuratoriums der Europäischen St.-Ulrichs-Stiftung.
Bei einer kurzen Pause im Arkadenhof der Akademie war Gelegenheit zur Begegnung, wobei auch Genscher und Erzbischof Reinhard Kardinal Marx zu den Ehrengästen stießen.
Während seiner Begrüßung im Goldenen Saal sagte Landrat Leo Schrell, erst mit der Wirkung durch Walesas Arbeit als Streikführer und Kämpfer für Freiheit und schließlich durch seine Wahl zum Präsidenten sei es ermöglicht worden, „die seit 1948 bestehende Konfrontation zu überwinden und anstelle militärischer Drohung ein Konzept der friedlichen Kooperation ost- und westeuropäischer Staaten zu entwickeln. Lech Walesa ist mit gutem Grund zur zentralen Symbolfigur der Völkerverständigung geworden. Damit hat er auch einen wesentlichen Beitrag zur notwendigen Aussöhnung zwischen Polen und Deutschland geleistet“.
Walesa, so Schrell, habe mit seinem Mut und seiner Konsequenz eine Freiheitsbewegung ausgelöst, „die den Menschen nach jahrzehntelanger Aufspaltung Europas in Ost und West bewusst gemacht habe, dass das christliche Abendland weit über den Eisernen Vorhang hinausreicht“. Damit habe er nicht nur seinem Land den Weg in die Demokratie geebnet, sondern auch eine Bewusstseinsveränderung gefördert. Der Landrat: „Der Europa-Begriff erhielt seine alte Universalität zurück.“ In Hans-Dietrich Genscher fand Lech Walesa bereits früh einen tatkräftigen Unterstützer. So habe sich Genscher für eine wirksame Unterstützung der politischen Reformprozesse vor allem in Polen und Ungarn eingesetzt. Im historischen Rückblick werde deutlich, dass sich Lech Walesa und Hans-Dietrich Genscher für dieselben Ideale eingesetzt hätten, betonte der Stiftungsvorsitzende. Charakteristisch für Walesa sei ein berühmt gewordener Ausspruch: „Die Macht ist für mich völlig unwichtig.“ Der Europäische St.-Ulrichs-Preis honoriere auch diese Bescheidenheit eines Mannes, dessen Name in allen Geschichtsbüchern zu finden ist.
Der Geehrte warnte dabei vor Populismus und Demagogie, die Europa bedrohten. Es gelte, die Kräfte gemeinsam zu nutzen und Europa auf einem Fundament von Werten aufzubauen.
Den musikalischen Part bei Messe und Festakt übernahmen die Chorgemeinschaft Dillingen, die Dillinger Barockbläser, Axel Flierl (Orgel und Klavier), Franziska Gielow Cantimelo (Violine), Barbara Flierl (Violoncello), Astrid Ziemann, Susanne Leinauer (Trompeten) sowie das Orchester der Basilika St. Peter.