Liebe Leserinnen und Leser,
„Stille Revolution“ nenne ich die Zeit zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. In diesen Tagen warteten die Apostel Jesu betend in der Stille auf jene Kraftquelle, aus der alles Leben fließt. Wenn wir uns wöchentlich zur Meditation beziehungsweise Kontemplation im Kirchenraum von St. Ulrich in Dillingen treffen, folgen wir ihrem Beispiel: Wir öffnen uns für die Urquelle allen Lebens. Der Meditationskreis gehört zur Weltgemeinschaft für christliche Meditation (WCCM), die auf den Kontemplationslehrer John Main vom Benediktinerorden zurückgeht. Weltweit wächst diese Gemeinschaft; Meditationsgruppen treffen sich privat, in Schulen, Krankenhäusern, Gefängnissen und Kirchen. Der Ablauf der Treffen ist schlicht: Worte von John Main, eine Bibelstelle, dann wird meditiert.
„Wo scheinbar Langeweile ist, sprudelt die wirkungsvollste Energiequelle“
Die Stille im Kirchenraum hilft, in die Frequenz Gottes zu kommen. Genau dort, wo scheinbar „Langeweile“ ist, sprudelt die wirkungsvollste Energiequelle. John Main vergleicht diese Stille mit dem „Ozean Gottes“, in den wir durch das Stillwerden eintauchen. Damit geben wir Gott Raum. Das ist das Hauptziel der Meditation. In einer Zeit der Reizüberflutung ist es schwer vorstellbar, dass eine spirituelle Erfahrung nicht durch das Erhöhen von „Reiz“ oder „Kick“ zustande kommt, sondern einfach durch das Eintauchen in die Stille.
Genau diese Weisheit steht im Zentrum der spirituellen Schätze unserer christlichen Tradition. Wir in der Kirche sitzen auf kostbaren spirituellen Quellen. Dazu zählen kontemplative Wege, die nahezu unentdeckt sind. Das ist eine der Ursachen für eine kriselnde Kirche. Gleichzeitig gibt es eine nicht zu unterschätzende Suche nach einer lebenstragenden Spiritualität. Nur wird oft die Kirchengemeinde nicht mehr als Ansprechpartner gesehen. Es gibt jedoch Signale der Hoffnung: Die Zahl der Meditationsgruppen steigt. Auch in der Kirchenleitung verstärkt sich das Bewusstsein für die Bedeutung der Kontemplation – als Schlüssel zur Reformierung der Kirche. Ein klares Zeichen setzt auch der aktuelle Katholikentag mit einer Vielzahl von Meditationsangeboten.
„Ein stiller, unaufhaltsamer ‚Antivirus‘ gegen Kirchenfrust“
Für Papst Leo ist der kontemplative Blick die Basis, unsere Beziehung zu allem Leben zu verbessern und Wege aus der ökologischen Krise zu finden. Kirche und Gesellschaft brauchen verstärkt eine „stille Revolution“, in der Menschen sich in der Stille achtsam für den Schöpfer öffnen. Die Wirkung der Kontemplation ist ein stiller, unaufhaltsamer „Antivirus“ gegen Kirchenfrust, Unfrieden, Egoismus und Sinnlosigkeit – weil er die Urquelle allen Lebens zum Fließen bringt.
Ihr Alfred Hirsch, Gemeindereferent der Pfarreiengemeinschaft Dillingen
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