Wer für Donnerstagabend mit jemandem aus der Familie Marquardt etwas ausmachen möchte, wird es schwer haben. Dann nämlich, jeden Donnerstag von 19.30 Uhr bis 21.30 Uhr, findet die Probe der Stadtkapelle Dillingen statt und dieser Termin steht so fest im Kalender der Marquardts wie bei anderen Familien der Sonntagsbraten oder das Weihnachtsfest. Familienfeste, berufliche und private Verabredungen sowie die Urlaubsplanung richten sich nicht selten nach dem Proben- und Auftrittsplan der Kapelle. Denn das gemeinsame Musizieren ist für die Marquardts nicht nur ein schönes Hobby, sondern fester Bestandteil ihres Lebens.
Zwischen Registern, Einsätzen und Klängen liegt ein Stück Familiengeschichte. Die Stadtkapelle Dillingen feiert in diesem Jahr ihr 50. Jubiläum und die Familie Marquardt ist bereits in dritter Generation Teil dieses Klangkörpers. Am Anfang dieser Geschichte steht Ruth Marquardt. Sie war als damals zwölfjährige Trompeterin Gründungsmitglied der Stadtkapelle. Was damals begann, ist – mit Pausen – in ihrer Familie lebendig geblieben. Die drei Kinder Matthias, Birgit und Ronja fanden im Lauf der Jahre ebenfalls alle den Weg in die Stadtkapelle und sind dort eine wichtige Stütze in ihrem jeweiligen Register: Birgit begann mit Saxofon, seit zehn Jahren spielt sie Waldhorn, Ronja ist leidenschaftliche Saxofonistin und Matthias ist einer von fünf Schlagzeugern der Stadtkapelle.
Und auch in der nächsten Generation setzt sich das Engagement in der Stadtkapelle bereits fort: Birgits Töchter sind im Tenorhorn beziehungsweise bei den Klarinetten zu finden, der jüngste Sohn tendiert gerade zum Tiefblech. Die beiden älteren Töchter von Ronja spielen sehr erfolgreich Saxofon, die jüngste Tochter hat sich für die Trompete entschieden. Die zwei Töchter von Matthias sind mit vier und zwei Jahren noch ein bisschen zu jung für die Kapelle, stehen aber in den Startlöchern und besuchen die musikalische Früherziehung. Aus der Begeisterung eines Gründungsmitglieds ist eine richtige musikalische Familiengeschichte geworden.
Dass die Stadtkapelle in der Familie Marquardt – und die Familie steht stellvertretend für ganz viele Familien innerhalb des Vereins – einen so festen Platz hat, zeigt sich nicht nur an der langen Zugehörigkeit, sondern auch an der Selbstverständlichkeit, mit der dieses Engagement gelebt wird. Die rund 35 Proben und knapp 30 Auftritte im Jahresablauf haben einen hohen Stellenwert, und die Marquardts sind fast immer vollständig dabei.
Eine humorvolle Rivalität zwischen den Registern gehört dazu
Innerhalb der Familie wie auch in der Stadtkapelle gehört eine humorvolle Rivalität zwischen den Registern ganz selbstverständlich mit dazu. Mit Augenzwinkern wird darüber gestritten, welche Instrumente in einer Stadtkapelle wirklich unverzichtbar sind. Die einen halten die Blechbläser für das eigentliche Herz des Orchesters, andere verteidigen mit Nachdruck ihre Saxofone oder andere Register. Das macht sich auch bei der Instrumentenwahl der nächsten Generation bemerkbar: Die beiden Schwestern gestehen schmunzelnd, dass sie ihren Kindern die Entscheidung für ein Instrument zwar weitgehend frei überlassen hätten, dabei aber nur Instrumente in die engere Auswahl gekommen seien, die in der Stadtkapelle eingesetzt und bestenfalls gerade auch gebraucht werden. Und, darin sich alle drei Geschwister absolut einig, ein Streichinstrument wäre in dieser Familie ein absolutes No-Go.
Diskutiert wird auch mitunter über das Repertoire. Die Älteren möchten das klassische Blasmusikrepertoire stark vertreten wissen, während längst auch moderne Literatur, insbesondere Film- und Popmusik, ihren festen Platz gefunden hat. Gerade dieser Spannungsbogen macht ein lebendiges Orchester aus: Tradition bewahren und zugleich offen bleiben für Neues. Dass dieser Ausgleich gelingt, ist auch ein Verdienst der Dirigentin Marie-Sophie Schweizer.
In der Stadtkapelle spielt der Handwerker neben dem Arzt
Was die Stadtkapelle für die Familie Marquardt aber vor allem ausmacht, ist ihre verbindende Kraft. Im Ensemble zählen weder Beruf noch gesellschaftlicher Status, hier spielt der Handwerker neben dem Arzt, die Bankkauffrau ebenso wie der Lehrer. „Das gemeinsame Musizieren fördert Toleranz, hebt vermeintliche Unterschiede auf und schafft ein Miteinander, das weit über die Musik hinausreicht“, sagt Birgit Marquardt, die nicht nur aktiv musiziert, sondern bei der Stadtkapelle auch das Amt der Vorsitzenden bekleidet und die wichtige soziale Funktion des Vereins betont: „Aus Proben, den Auftritten und dem Ehrenamt entstehen Freundschaften fürs Leben.“
Die drei Marquardt-Geschwister musizieren nicht nur zusammen, sondern arbeiten gemeinsam im familieneigenen Handwerksunternehmen. Auch dort hilft, was sie aus der Musik kennen: aufeinander hören, sich abstimmen, miteinander sprechen. „Kommunikation“, sagen sie, sei das Entscheidende – in der Stadtkapelle ebenso wie im Beruf, in der Familie und unter Freunden.
Die Stadtkapelle fiebert dem Jubiläums-Festwochenende entgegen
Ein Höhepunkt im Jahreslauf der Stadtkapelle ist für alle Mitglieder das große Jahreskonzert am 1. Advent. Dort zeigt die Stadtkapelle, was sie über Monate hinweg erarbeitet hat. Das Highlight in diesem Jahr ist aber das Jubiläumsfestwochenende, dem die Stadtkapelle entgegenfiebert. Von 1. bis 3. Mai wird mit großem Programm im Festzelt auf dem Volksfestplatz in Dillingen gefeiert.
Das Programm
Freitag 1. Mai: Bierpongturnier ab 14 Uhr. After-Party mit DJ Robz ab 21 Uhr.
Samstag, 2. Mai: LaBrassBanda Live mit „Polka Party“, Tickets: www.ticket-dillingen.de
Sonntag, 3. Mai: Festgottesdienst in der Basilika um 10 Uhr. Festumzug ab 11 Uhr vom Rathaus zum Festplatz Donaupark. Mittagstisch mit den Donautalern Fristingen-Kicklingen. Gemeinschaftschor aller Musikvereine des ASM-Bezirks 17 um 14 Uhr anlässlich des Jubiläums 100 Jahre Allgäu-Schwäbischer Musikbund.
Die Geschichte der Familie Marquardt steht in vielem beispielhaft für das, was die Stadtkapelle Dillingen seit 50 Jahren ausmacht: Beständigkeit, Gemeinschaft, Humor und die Freude an der Musik. Was mit Ruth Marquardt als Gründungsmitglied begann, klingt bis heute weiter - in ihren Kindern, in ihren Enkeln und in einer Familie, für die die Stadtkapelle längst ein Stück Zuhause geworden ist.
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