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Firma Stengel

02.12.2019

Diese Ziegel-Dynastie aus Donauwörth setzt auf ein uraltes Erfolgsrezept

Ziegler in der 16. und 17. Generation: Hans Stengel (rechts) und sein Sohn Johannes vor dem Werk bei Donauwörth.
Bild: Wolfgang Widemann

Plus Die Ziegelei Stengel aus Donauwörth kann auf eine jahrhundertealte Tradition verweisen - und hat einem ganz alten Baustoff stets neue Seiten abgewonnen.

Backsteine sind mit das älteste von Menschenhand geschaffene Baumaterial überhaupt. Im vorderen Orient haben Archäologen Ziegel entdeckt, die vor über 7000 Jahren aus Ton gebrannt wurden. Auch heute noch werden Gebäude mit solchen Steinen errichtet, die im eigentlichen Sinne keine sind. Vielmehr handelt es sich um eine "Grobkeramik". Das erklärt Johannes Stengel. Der 29-Jährige kennt sich damit aus. Schließlich ist er Industriemeister Keramik. Doch nicht nur das: Er führt mit seinem Vater Hans zwei Ziegelwerke – eines in Donauwörth und eines in Neuburg an der Donau. Die beiden Männer leiten damit ein Familienunternehmen, das eine lange Tradition hat. Eine sehr lange. Die Ziegler namens Stengel lassen sich nämlich bis ins Jahr 1590 zurückverfolgen.

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Damals war ein gewisser Leonhard Stengel für das Kloster Kaisheim tätig, wie schriftlich dokumentiert ist. Auch die nachfolgenden Generationen wählten diesen Beruf. Irgendwann verließen die Ahnen Kaisheim und ließen sich ein paar Kilometer weiter südlich im Weiler Schöttle nieder und 1839 einige hundert Meter weiter im Gehöft Walbach. Von 1783 an waren die Stengels als Ziegelmeister bei der Stadt Donauwörth angestellt. Dann pachtete Sebastian Stengel den städtischen Ziegelstadel im heutigen Ortsteil Berg, bevor sein Sohn Johann Nepomuk 1804 das Anwesen kaufte. Ziegelei und Landwirtschaft florierten. 1928 begann ein neues Zeitalter. Wurden die Ziegel bis dahin von Hand "gestrichen", so produzierte die Firma fortan mit Maschinen – und konnte ihren Ausstoß von vormals gut einer Million Ziegel pro Jahr um 50 Prozent steigern. In dieser Zeit spezialisierte sich Stengel auch auf Mauerziegel, stellte also keine Dachziegel mehr her.

Die Produktion von Dachplatten hat die Firma bereits vor dem Zweiten Weltkrieg eingestellt.
Bild: Archiv Ziegler

1937 erfolgte der nächste Umzug, raus aus dem Ort auf eine Anhöhe. Dort steht die Fabrik noch heute – und produziert in einer ganz anderen Dimension. Rund 120.000 Tonnen gebrannte Ziegel sind es im Werk Donauwörth. Hinzu kommen etwa 40.000 Tonnen im Werk Neuburg, das Stengel Mitte der 1970er Jahre übernahm. Die Zahl der Backsteine lässt sich nur ganz grob schätzen. Es mögen 60 bis 70 Millionen jährlich sein. Tausende von Gebäuden wurden im Laufe der Jahrhunderte mit dem Baustoff aus dem Hause Stengel hochgezogen.

1937 liefen bei Stengel erstmals Gitterziegel vom Band

Der Rohstoff für die Ziegel findet sich in Donauwörth direkt an der Fabrik und wird aus einer Lehmgrube gefördert – so wie auch an den anderen genannten Standorten in den Jahrhunderten zuvor. Die liegen nämlich allesamt auf einer 30 bis 60 Meter dicken Tonschicht. Die entstand vor 60 bis 70 Millionen Jahren, als sich von Süden her ein Meer bis nach Nordschwaben ausbreitete. Die Alpen gab es damals noch nicht. Aus den Sedimenten bildete sich der Ton. Die Rohziegel werden bei 900 Grad in einem Ofen gebrannt. Über Jahrhunderte waren es ausschließlich sogenannte Vollziegel, welche die Fabrikationsstätten verließen. Dieser wird nach Auskunft von Hans Stengel heute nur noch in kleinerer Stückzahl hergestellt und hauptsächlich für Renovierungsarbeiten verwendet.

Mit der Eröffnung der Ziegelei 1937 liefen erstmals Gitterziegel vom Band, also Backsteine mit Luftkammern. Diese ermöglichen Stengel zufolge eine bessere Wärmedämmung. In den 1990er Jahren eroberten die "Planziegel" den Markt. Auf diesen wird die äußere Seite geschliffen. So lassen sich die Backsteine mit einem nur millimeterdicken Mörtelband "kleben". Zuvor war eine zentimeterstarke Schickt aus Mörtel nötig, um die Steine zusammenzuhalten.

Von der Jahrtausendwende an hätten sich die Ziegel zu einem Hochtechnologieprodukt entwickelt, schildert Hans Stengel. Seitdem bestimmten die Schlagworte Nachhaltigkeit, Schallschutz und Statik die Arbeit der Ziegler: "Die Energieeinsparverordnung hat uns getrieben, immer etwas Neues zu entwickeln." Man sei bestrebt, einen möglichst optimalen Kompromiss aus Dämmung, Schallschutz und Statik zu finden. Hier übernahm Stengel eine Vorreiterrolle.

2008 installierte die Firma als erste weltweit eine Anlage, in der die Hohlräume in den Ziegeln mit Mineralwolle gefüllt werden. "Wir hätten nicht gedacht, dass sich das durchsetzt. Jetzt kommen wir mit der Produktion kaum hinterher", so der Geschäftsführer. Sein Sohn erklärt die Vorteile dieser Konstruktion: "Sie hat eine doppelt so hohe Festigkeit und einen dreimal so hohen Schallschutz." Das Sortiment der Ziegelfabrik umfasst inzwischen über 150 unterschiedliche Backsteintypen. Sie unterscheiden sich in Größe und technischen Eigenschaften. Verwendet werden sie vor allem für den Wohnbau, speziell für mehrgeschossige Häuser.

Der Tonvorrat im Boden reicht noch für einige hundert Jahre

Die Familie Stengel ist nicht nur über Jahrhunderte ihrem Handwerk treu geblieben, sondern hat auch einen Strukturwandel überstanden. Einst gab es über das ganze Land verteilt viele kleine Ziegeleien. Nach und nach schrumpfte ihre Zahl immer weiter. Inzwischen existieren in ganz Schwaben noch acht Ziegelwerke. Stengel liefert seine Ware an Kunden in einem Umkreis von rund 150 Kilometern, aber auch bis nach Tschechien, Polen und Italien. Die Zahl der Beschäftigten hat sich in den vergangenen Jahren erhöht von knapp 50 auf rund 70. Die neuen Stellen seien hauptsächlich in Verwaltung, Vertrieb und Qualitätssicherung geschaffen worden, berichtet Hans Stengel. Die Produktion sei parallel dazu derart automatisiert worden, dass eigentlich drei Personen pro Schicht ausreichten.

So lief der Betrieb in früheren Zeiten.
Bild: Wolfgang  Widemann

Für die Zukunft sehen die Stengels ihren Traditionsbetrieb gut aufgestellt. Der Tonvorrat im Boden direkt am Werk in Donauwörth würde "für einige hundert Jahre reichen", weiß Johannes Stengel. Der aktuell genehmigte Abbau sichere die Rohstoffversorgung für 30 Jahre. 20 Prozent des Materials kommen aus einer Lehmgrube nahe Offingen (Landkreis Günzburg), die ebenfalls zum Ziegelwerk gehört.

Was die Ressourcen betrifft, wären also bereits die Voraussetzungen für die nächste Generation der Stengels geschaffen. Es wäre dann die 18. seit 1590. Zwar sei das Geschäft immer schnelllebiger geworden, jedoch haben Hans und Johannes Stengel keinen Zweifel daran, dass der Baustoff Ziegel weiter gefragt sein wird: "Wenn er einmal gebrannt ist, verändert er sich nicht mehr." Die Backsteine seien wartungsfrei und langlebig – Vorteile, die auch bereits die Babylonier, Ägypter und Römer schätzten.

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