„Man fühlte sich, als wäre man gegen eine Wand gelaufen.“ – „Wenn das so weitergeht, dann knallt’s in der gesamten Unterhaltungsbranche“ ... Kulturschaffende sind besorgt und nahe der Verzweiflung, klammern sich indes an eine verhaltene Zuversicht. Die zweite Corona-Welle bringt sie mit ihrem Lockdown mitunter an die Grenzen ihrer Belastbarkeit – wirtschaftlich wie auch mental. Konzerthallen, Kleinkunstbühnen, Clubs und andere Spielstätten müssen derzeit geschlossen bleiben. Gastspiele sind abgesagt, verkaufte Karten gehen zurück, die Bühnen bleiben leer. Neben finanziellen Fragen, die zu klären sind, sind es zudem Verluste im künstlerischen und auch zwischenmenschlichen Bereich, die sie bitter beklagen.
Michael Wanke vom Doubles Starclub in Donauwörth hat seine Planung für die Band-Konzerte bis Ende Mai stehen. Was davon stattfinden kann, steht in den Sternen. Das Novemberprogramm jedenfalls hat er vergebens ausgearbeitet. Ein herber Verlust, zumal das Doubles ja vor nicht allzu langer Zeit erst wieder aufgemacht hat. „Emotional blutet mir das Herz“, sagt Wanke. „Ich bin sehr, sehr traurig über diese neuerliche Zwangspause, zumal wir uns ja nach dem ersten Lockdown entsprechend auf Corona eingestellt haben: Wir haben Trennwände im Club, ein Sicherheits- und Hygienekonzept, Desinfektionsständer ...“
Chef des Doubles in Donauwörth vermisst „das Zwischenmenschliche“
Was Wanke vor allem vermisst, sind die Atmosphäre und die Begegnungen bei jedem Konzert. „Das Zwischenmenschliche“, wie er sagt. „Nach jedem Abend hier gehen die Leute glücklich raus und verbreiten gute Laune. Das ist doch etwas anderes, als wenn sie sich im Fernsehen Mord und Totschlag anschauen und aggressiv werden.“
Finanziell bleibt Wanke optimistisch. Er hofft auf die Unterstützung vom Staat: „Es besteht ja das Angebot, dass wir 75 Prozent der Einnahmen vom Vergleichsmonat des Vorjahres bekommen. Wenn das funktioniert, ist es cool, wenn nicht, ist es blöd.“ Dass er selbst durchkommt, daran hat er keine Zweifel. Mit seinem Beschallungs- und Musikverleih wie auch seiner Werkstatt hat er mehrere Standbeine. „Ich überleb das alles schon irgendwie.“
Michael Wanke macht sich Sorgen um die gesamte Branche
Wenn er aber an die Branche insgesamt denkt, hat er so seine Zweifel. „Es sind ja ganz viele Kämpfer in der Kultur- und Gastroszene unterwegs. Aber lange können die einen Lockdown nicht aushalten. Wenn das so weitergeht, dann bricht uns die gesamte Unterhaltungsbranche weg.“
Ähnlich sieht es Ulrike Hampp-Weigand, die als Vorsitzende des Kulturkreises Mertingen Jahr um Jahr hochkarätige Klassikprogramme anbietet. Sie kann grundsätzlich die Maßnahmen der Bundesregierung und der Ministerpräsidenten mittragen, weil sie die Notwendigkeit versteht. „Wenn man sich die 7-Tage-Indizes anschaut, muss man sich fürchten“, sagt sie. „Ich hoffe, dass nun auch der Letzte versteht, wie wichtig jetzt die Beachtung größter Vorsicht und Rücksicht ist.“
Allerdings sieht sie auch die existenzielle Bedrohung für viele. Zu denen zählt Hampp-Weigand auch all diejenigen, die von Kultur leben. „Auch viele der Musiker, die bei unseren Konzerten in Mertingen auftreten, gehören dazu. Glücklich können sich die schätzen, die Mitglied eines Ensembles oder einer Institution sind oder ihre Auftritte nebenberuflich meistern. Aber es sind sehr viele Selbstständige oder Studierende dabei, die von den Auftritten leben.“
Der Kulturkreis Mertingen muss nicht um die Existenz fürchten
Die staatliche Unterstützung findet sie hilfreich, aber nicht für jeden. Und noch schlimmer bewertet sie die Ungewissheit, wie es weitergehen wird. „Nicht nur, dass Auftritte und Gagen weggefallen sind – es entfallen auch Kontakte und Perspektiven. Viele Veranstalter werden nicht überleben, viele Auftrittsmöglichkeiten entfallen. Was bleibt von dem reichen kulturellen Angebot in Deutschland?“
Der Kulturkreis Mertingen ist in der glücklichen Lage, sich – als Arbeitskreis der Gemeinde Mertingen und getragen von dem Engagement ehrenamtlich Tätiger – nicht um seine Existenz sorgen zu müssen, solange die Gemeinde hinter ihm steht, wie auch Zuschussgeber und Sponsoren. „Der Kulturkreis hatte für den November drei Konzerte geplant, die natürlich alle abgesagt werden mussten“, schildert Ulrike Hampp-Weigand. „Wir werden versuchen, die Konzerte nachzuholen. Wir können jedoch nur eine bestimmte Anzahl von Konzerten anbieten, und das Programm für 2021 ist auch schon konzipiert.“
Das Publikum in Mertingen sei stets diszipliniert gewesen
Die Vorsitzende überlegt derzeit, ob nicht in den Wintermonaten, wenn Fasching und anderes mehr nicht möglich sind, Konzerte angeboten werden können. „Unser Publikum hat so sich ungemein diszipliniert, unterstützend, dankbar und verständnisvoll verhalten, dass unter den erforderlichen Schutzmaßnahmen Kultur angeboten werden könnte.“ Aber das sei alles unsicher. „Wir wissen ja alle nicht, was im Frühjahr passieren wird.“ Immerhin gelte die bekannte Weisheit: Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Die Kaisheimer Kleinkunstbühne Thaddäus ist in doppelter Hinsicht betroffen: Einmal ist es die Kultur, die heruntergefahren ist, zum anderen die Gastwirtschaft, die dazugehört. Jürgen Panitz, der das Bühnenprogramm managt, hat klare Worte: „Das ist schon eine besch... Lage. Schlimm. Trostlos. Da bleiben in der gesamten Szene viele auf der Strecke.“
Von neun Terminen im Thaddäus Kaisheim fanden zwei statt
Wie so viele andere in der Unterhaltungsbranche vermag auch er keine Prognosen für die Zukunft abzugeben. „Ich hoffe aber, dass wir es schaffen“, sagt er. „Es kommt darauf an, wie sich alles weiterentwickelt.“ Immerhin müssen die Betreiber des Thaddäus keine Pacht bezahlen, da das Gebäude ihnen gehört – ihnen und der Bank, wie Jürgen Panitz allerdings betont.
Voller Elan waren er und seine Mitstreiter, vor allem auch die Mitglieder des Fördervereins, zunächst nach dem Ende des ersten Lockdowns in die neue Saison gestartet. Ein neues Programm wurde auf die Beine gestellt, gedruckt, verteilt, nahezu alle Karten waren schon verkauft. Dann kam der herbe Schlag: Von neun Terminen durften nur zwei stattfinden. Der Rest bricht weg. „Eintrittsgelder aus dem Vorverkauf müssen zurückgezahlt werden“, schildert Panitz, „manche machen allerdings eine Spende daraus.“
Die Familie Panitz muss außerdem mit einem Todesfall klarkommen
Neben all den Corona-bedingten Widrigkeiten haben die Familien Panitz auch mit dem Tod von Dietmar Panitz zu kämpfen, der im Juli starb. „Er fehlt halt schon sehr.“ Nicht nur war er für die Thaddäus-Küche verantwortlich, sondern vor allem auch die eine Hälfte des Duos Die Mehlprimeln. Jetzt versucht die übrig gebliebene „Mehlprimel“, Reiner Panitz, ein neues Duo aufzubauen. Partnerin ist seine Tochter Claudia.
„Wir wollen auf jeden Fall weitermachen“, fasst Jürgen Panitz die Bestrebungen aller, die hinter dem Thaddäus stehen, zusammen. „Aber das Jahr 2020 war schon der absolute Tiefpunkt in unserer langjährigen Geschichte.“ Seit 30 Jahren gibt es die Kleinkunstbühne in Kaisheim, zuvor war sie in Lauterbach angesiedelt. Sie gilt als eine der tragenden Säulen in der Kulturlandschaft des Donau-Ries-Kreises.
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