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Freilichtbühne: Die Moral auf eine harte Probe gestellt

Freilichtbühne

Die Moral auf eine harte Probe gestellt

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    „Schwiegersohn“: Jonathan Schädle
    „Schwiegersohn“: Jonathan Schädle

    Donauwörth Ein schwungvoller Theaterabend, ein unterhaltsames Schauspiel, eine heitere Komödie der „guten alten Art“ – ein leicht kühler Abend und ein begeistertes, mitgerissenes Publikum – das waren die Elemente eines eindrucksvollen Premierenabends in der Donauwörther Freilichtbühne am Mangoldfelsen. Das klassische Boulevardstück von Curt Goetz „Das Haus in Montevideo“ ist in diesem Jahr dazu bestimmt, die sommerliche Unterhaltung für alle Theaterfans aus Nordschwaben zu bieten.

    Die Leichtigkeit des Ablaufes, die Fülle der komischen Szenen, die geschickt gesetzten humoristischen Pointen lassen gerne darüber hinweg schauen, dass das Stück in einem tieferen Sinn eine wichtige Aufgabe klassischen Theaters erfüllt, nämlich das Publikum zu belehren und die Menschen als Persönlichkeiten zu bilden. Dann muss man das Geschick und den Einfallsreichtum bewundern, mit dem Curt Goetz die Moral auf den öffentlichen Prüfstand stellt. Die Moral ist ein Fels, auf dem man unbeirrt und unumwerfbar stehen kann. Nimmt der Mensch den Stein aber in seine eigenen Hände, so steht er nicht mehr darauf und die Moral wird zum Chamäleon, je nachdem, wie sich dabei des Menschen Sicht und Interesse entwickelen.

    Eine Erbschaft sorgt für erhebliche Unruhe

    Wie Curt Goetz das in seine Komödie umsetzt, ist hohe Kunst. Gymnasialprofessor Hermann Traugott Nägler ist Lehrer, Pedant und strenger Erzieher, auch in der Familie mit den zwölf Kindern, von sich und seiner Moral felsenfest überzeugt. Eine Erbschaft stellt Näglers Moral auf eine harte Probe. Einst von ihm gnadenlos wegen eines unehelichen Kindes mit siebzehn Jahren verstoßen, vermacht seine mittlerweile verstorbene Schwester in Montevideo ein Haus der ältesten Tochter Atlanta. Nägler könnte das Geld gut brauchen, als Wohltäter der Stadt auftreten, der eigenen Familie finanziell aufhelfen. Aber diese blamable Erbschaft – von der verrufenen Schwester annehmen?

    Das Haus – es ist eine Ausbildungseinrichtung für elternlose junge Mädchen, obwohl Nägler es zuerst für ein Bordell hält – - annehmen? Und dann die Klausel: Millionen für ein weibliches Mitglied der Familie, dem das gleiche passiert wie Tante Josefine: ein uneheliches Kind. Nägler gerät in Versuchung, dem Verehrer seiner Tochter diese Möglichkeit anzubieten; Gott sei Dank versteht der das Ganze nicht und Nägler erkennt sich selbst als moralisch fragwürdige Figur – das Geld ist so nicht erreichbar.

    Erfreulicherweise sorgt ein Zufall dafür, dass Näglers eigene Ehe als rechtlich ungültig dasteht und seine Kinder „unehelich“ sind (die Lange eines Schiffes gibt hier den Ausschlag), sodass Ehefrau Marianne Nägler die Erbschaft nach der Klausel antreten kann ...

    Curt Goetz hat das Stück sich selbst und seiner Frau Valerie von Martens auf den Leib geschrieben; er hat es auch selbst in der ersten Verfilmung in Schwarz-Weiß gespielt. Und in unserer Region, in Harburg und Eichstätt, haben dann Heinz Rühmann und Ruth Leuwerik das Stück (1963) in Farbe unvergesslich gestaltet.

    Wolfgang Schiffelholz hat in gewohnt einfallsreicher Manier das Stück farbenfroh und effektsicher inszeniert; sein Feingefühl erkennt man daran, dass er manches Mal die Grenze zum groben Spaß streift, aber nie überschreitet. Wie immer reichert er das Stück an: in diesem Fall mit einer von Uta Wolf vortrefflich eingeübten Flamenco-Tanzeinlage von fulminanter Eleganz, dazu ein Tango der Hauptdarsteller; beides entfacht großen Beifall beim Publikum. Ebenfalls wie gewohnt hat Michael Zinsmeister mit großem Geschick die musikalische Unterlage geliefert. An diesem Abend imponiert das Bühnenbild, von Birgit Padrock, mit Gespür für die wechselnden Anforderungen entworfen. Und das ganze Team hat zur Realisierung beigetragen.

    Unübertroffen verkörpert Bernd Zoels in launiger Spielfreude den Professor Nägler so, wie Curt Goetz ihn sich gewünscht hätte: strenger Moralverfechter, aber doch schwer in Versuchung, manchmal mit einem Augenzwinkern, und doch glaubhaft im Kampf mit seinen Grundsätzen.

    Grundsätze praktisch und erfinderisch überbrückt

    Marianne Nägler, mit großer darstellerischer Reife von Ulrike Schweihofer vorgestellt, erscheint mit Erfolg in der Doppelrolle der Ehefrau, die die Grundsätze ihres Mannes zu akzeptieren weiß, aber dennoch praktisch und erfinderisch überbrückt. Monika Berchtenbreiter überrascht als sehr vielseitig agierende, charmante Atlanta; ebenso überzeugend stellt Jonathan Schädle den verliebten, etwas naiven, doch schüchtern-zielstrebigen Bewerber Herbert vor.

    Die eigentlichen Antipoden Näglers sind zum einen der Pfarrer Riesling, der die Moral hochhält, aber so, dass sie menschliches Maß bekommt; Riesling ist aber zugleich der Resonanzboden, auf dem sich Näglers Kampf abspielt – eine tiefgründige, aber auch komödiantische Figur, herausragend gespielt von Walter Walden.

    Viele wichtige, kleine Nebenfiguren

    Die andere Gegenfigur ist Madame de la Rocca, mit feinsinniger Überzeugungsstärke und schauspielerischer Grandezza gespielt von Gabi Vit; sie gibt beeindruckend die Erbschaftsverwalterin der verstoßenen Schwester, wobei durch ihre Figur die Gestalt der Tante Josefine und ihre nobel-fiese Rache am Bruder immer irgendwie durchscheint.

    Gutes Theater und deshalb sehr bemerkens- und lobenswert sind die kleinen Nebenfiguren, die mit einprägsamer Charakteristik auffallen: Birgit Padrok als tatkräftige Magd Martha, Thomas Gerdes als eilig-raffinierter Anwalt Cortez, Susanne Klebl als Haushälterin Belinda mit lateinamerikanischem Flair, Erich Zeug als hektischer Briefträger und Jürgen Lechner als gravitätischer Bürgermeister. Nicht zuletzt hervorzuheben sind Susanne Gerstl, Jessica Becker und Melina Präger, die als Insassen des „Hauses in Montevideo“ sowohl die fröhliche Offenheit wie die verdächtige Doppeldeutigkeit ihrer Lebensführung zum Ausdruck bringen.

    Die Fülle an komödiantischen und ironischen Einfällen, der sorgfältig ausgedeutete Sinngehalt und die effektvolle Knüpfung der moralischen Knoten in der Erzählung des Stückes machten einen gelungenen Theaterabend aus, den das Publikum mit reichem Beifall honorierte.

    Zu loben die schöne Geste von Wolfgang Schiffelholz, zum Schluss die vielen Mithelfer hinter der Bühne herauszurufen und auszuzeichnen – auch sie hatten es verdient ...

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