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Interview: Was Europa für den Landkreis Donau-Ries bedeutet

Interview

Was Europa für den Landkreis Donau-Ries bedeutet

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    Die EU-Fahne. 
    Die EU-Fahne.  Foto: Matthias Becker

    Warum engagieren Sie sich in der Europa-Union?

    Karl Eigen: Weil die Europäische Einigung eine Erfolgsgeschichte ist. Europa hat uns 70 Jahre Frieden, Freiheit, sozialen Ausgleich und Wohlstand gebracht. Ich bin am 25. Mai 1950 in Hafenreut geboren und durfte miterleben, wie sich Menschen und Bürgerrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sowie die kulturelle Vielfalt in dieser Union entwickelten.

    Ich bin ein überzeugter Europäer, dem klar ist: Wenn ich Europa brauche, muss ich auch etwas dafür tun. Die Europa-Union, deren Kreisvorsitzender ich im Landkreis bin, ist bemüht, Visionen und politischen Vorschläge über die Bundesregierung ins Europäische Parlament zu transportieren. Es ist weithin bekannt, dass eine Gemeinschaft mehr bewirken kann als ihre einzelnen Mitglieder. Und gerade jetzt zeigt sich ganz deut-lich, dass die einzelnen europäischen Länder gegenüber den Weltmächten immer mehr an Bedeutung und Einfluss verlieren. Auch wirtschaftlich und technologisch sind sie nur noch schwer konkurrenzfähig und nicht mehr federführend.

    Bei der Europawahl 2014 lag die Wahlbeteiligung im Landkreis Donau-Ries bei mageren 40,6 Prozent. Wie wollen Sie das Ergebnis steigern?

    Eigen: Ich persönlich kann die Wahlbeteiligung nur steigern, indem ich mit Mut und Überzeugung die Menschen direkt anspreche und für unser Europa begeistere wie zuletzt am Europatag in der Vhs am 6. Mai. Zusammen mit meinen Freunden vertrete ich unsere Meinung in der Öffentlichkeit und im Bekanntenkreis und versuche, Aufklärung zu betreiben. In zahlreichen Gesprächen habe ich festgestellt, dass die Menschen Europa zwar als Erfolgsrezept verstehen, es aber leider inzwischen als selbstverständlich betrachten. Uns ist jedoch sehr wohl bewusst, dass wir gerade in diesen Zeiten mehr denn je daran arbeiten und uns engagieren müssen, um es nicht zu verlieren. Und das bedeutet zuvorderst: Wählen gehen!

    Europa scheint oft weit weg. Können Sie drei konkrete Beispiele nennen, wo bei uns im Landkreis Donau-Ries Europa ganz nahe ist?

    Eigen: Das beste Beispiel für ein funktionierendes Europa ist wohl Airbus Helicopters in Donauwörth, mit einer sehr hohen internationalen Beschäftigungszahl. Nicht ganz so sichtbar für die Bevölkerung hingegen sind durch EU-Mittel geförderte Maßnahmen in der unmittelbaren Umgebung. In die Gemeinde Holzheim etwa flossen Förderungen von etwa 160.000 und 109.000 Euro zur Gestaltung von Dorfflächen, den Ausbau zweier Ortsstraßen, für die dorfgerechte Gestaltung am Schützenheim und der Kapelle sowie einen Spielplatz. In die Gemeinde Alerheim flossen etwa 78.000 Euro zur Neugestaltung des Bereiches um die ehemalige Schwalbmühle in Bühl.

    Machen Sie sich Sorgen, dass rechtspopulistische und europakritische Parteien dieses Mal einen Aufschwung erfahren könnten?

    Eigen: Wir dürfen Europa auf keinen Fall den Nationalisten und Europafeinden überlassen, die die Erfolgsgeschichte Europa am liebsten wieder rückabwickeln würden. Trotzdem ist zu befürchten, dass sie bei dieser Wahl eine nicht unerhebliche Anzahl von Befürwortern haben werden. Unserer Bevölkerung ging es im Großen und Ganzen noch nie so gut wie jetzt. Trotzdem sind Menschen unzufrieden und glauben Populisten. Fake News sind in, denn Fakten sind mühsam und anstrengend. Hier kann vermutlich nur Europa-Bildung an Schulen und Beispielgeben eines jeden einzelnen hilfreich sein. Es geht bei der Europawahl um nicht weniger als um die Antwort auf die Frage, in welchem Europa wir leben wollen.

    Bedrückt Sie der Brexit – der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union?

    Eigen: Es bedrück mich sehr, dass sich das Vereinigte Königreich aus dem Verband verabschiedet. England ist seit 1973 Mitglied und hat sich in einem Referendum 1974 klar für den Beitritt entschieden. Der Brexit ist das beste Beispiel für Populismus und bewusste Falschinformation. Am Chaos des Parlaments in Großbritannien ist abzulesen, in welch schwierige Situation sie sich gebracht haben. Für uns Europäer ist es bedauernswert, dass ausgerechnet das Land, in dem Winston Churchill 1946 nach dem Trauma des Zweiten Weltkrieges zum Taufpaten der europäischen Einigung wurde, aussteigt. Ich bin der Überzeugung, dass diese fatale Entscheidung, die nur aufgrund persönlicher Interessenslagen einiger englischer Politiker getroffen wurde, den Engländern mehr schaden wird.

    Brauchen wir mehr oder weniger Europa?

    Eigen: Wir brauchen mehr Europa, denn die internationalen Aufgaben sind immens gewachsen. Wenn wir den Gesetzen der Wirtschaft glauben dürfen bedeutet Stillstand Rückschritt. Für uns ist mehr Europa ein Fortschritt, denn auch die Welt entwickelt sich weiter. Die Erderwärmung oder die Veränderung in der Natur macht vor Nationalgrenzen nicht halt. Ein „Mehr“ Europa ist allerdings nur da erforderlich wo die damit verbundenen Ziele nicht von den Mitgliedsstaaten allein in ausreichendem Maße erreicht werden können. Beispiel Steuerpolitik: Unternehmen und damit Arbeitsplätze gehen dahin, wo die geringsten Steuern zu entrichten und die niedrigsten Löhne zu bezahlen sind.

    Welche Projekte, die von der EU gefördert wurden, halten Sie in der Re-gion für beispielhaft?

    Eigen: Das Projekt Geopark Ries und die Regionalentwicklung in den ländlichen Bereichen, außerdem die Ausweitung der Fauna Flora Habitat Gebiete. Die Förderung der Landwirtschaft über die gemeinsame Agrarpolitik GAP sichert auch in unserer Region eine hohe Lebensmittelqualität.

    In welche Richtung sollte sich die Europäische Union entwickeln?

    Eigen: Es stehen zentrale Weichenstellungen für die Zukunft an. Europa muss sich zu einem Bundesstaat Europa entwickeln, ähnlich wie in Deutschland. Gesetze und Regeln dürfen nur dann auf europäischer Ebene erlassen werden, wenn sie für ganz Europa Gültigkeit haben. Das Beispiel „Elektroroller“, in dem jedes Land eigene Regeln einführt, zeigt wieder wie schwach Europa ist und zum Spielball anderer werden kann. Europa muss in den großen Politikfeldern Verteidigung, Außenpolitik, Technologie und Bildung aktiv werden. Zukunftsthemen wie demografischer Wandel, Ressourcenverbrauch und die Verschiebungen im globalen Mächtegleichgewicht mit all ihren Auswirkungen auf unseren „Lebensraum Europa“ können nur gemeinsam gemeistert werden.

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